26. November 2015

Kurioses: „Die Bäckerei-Fachverkäuferin“

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Ich schlafe gerne lange

Frühes Aufstehen gehört definitiv nicht zu meinen Stärken. Wer schon mal neben mir geschlafen hat, weiß das. Meine Schlummerfunktion im Handy tritt bereits zwei Stunden vor der eigentlichen Weckzeit ihren Dienst an. Das wiederholt sich dann mindestens fünf Mal. Das ist wichtig. Ich muss mich langsam darauf vorbereiten, dass es bald vorbei ist – vorbei, mit dem kuscheligen Abhängen unter der warmen Decke.

Alles, was vor 10 Uhr ist, gehört für mich zur tiefsten Nacht. Darüber diskutiere ich nicht. Als ich noch Redakteurin bei einer Zeitung war, begann der Arbeitstag genau um diese Zeit. Damit konnte ich noch einigermaßen umgehen. Mein jetziger Arbeitgeber sieht es dagegen gerne, wenn ich spätestens um 8.45 Uhr an meinem Platz sitze. Das ist eine Herausforderung, jeden Morgen.

Knappe Taktung

Um dieses Ziel zu erreichen, sollte ich spätestens um 8.25 Uhr aus dem Haus sein. Nun ist es vor allem im Winter schwer für mich, den Weg aus dem Bett zu finden. Es ist kalt, dunkel und meistens ziemlich ungemütlich. So stelle ich die Schlummertaste an diesen Tagen gerne mal bis 8 Uhr. Dann muss aber alles sehr flott gehen. Das heißt: Fünf Minuten Duschen (mit Indusch-Produkten statt Bodylotion), Anziehen, Zähneputzen, kurz Schminken. Da darf wirklich nichts daneben gehen – und wehe es spricht mich jemand an: Es droht hohes Aggressionspotential. Für Essen bleibt da keine Zeit. Deshalb hole ich mir stets etwas beim Bäcker. Immer bei dem gleichen bei mir um die Ecke. Dort ist nicht viel los und es ging bislang immer schnell. Bis zu dieser Woche.

Neues Gesicht

Seit Montag arbeitet dort eine neue Verkäuferin. Meine Vermutung: Sie ist nicht von dieser Welt. Ihr Alter: schwer zu schätzen. Irgendwas zwischen 25 und 40 Jahren. Ihr Aussehen: braune, leicht gelockte Haare und eine größere Zahnlücke. Statt zu reden, singt sie. Also nicht so richtig, aber dieses „Guten Morgen“ zwitschert sie so beschwingt, dass ich sie gleich am ersten Tag irritiert anschaute.

Ihr Programm spult sie ab wie ein Roboter. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie immer mit dem gleichen Lächeln und der gleichen Betonung. Das ist ein wenig verstörend. Wer die Serie „Real Humans“ gesehen hat, weiß, was ich meine. Aber das Hauptproblem ist, dass sie ihren Kunden immer noch etwas andrehen möchte. Bei mir ohne Erfolg. „Wünschen Sie zu Ihrer Butterbrezel noch ein Schokocroissant?“ NEIN. „Wünschen Sie zu Ihrem Kürbiskernbrötchen noch einen Vanille-Plunder?“ NEIN.

Gestörter Ablaufplan

Sie fragt das jeden. Das dauert. Denn so mancher Herr lässt sich dann tatsächlich zu einem Milchkaffee hinreißen. Bis dann die letzten Tropfen aus dem Vollautomaten in den Pappbecher getröpfelt sind, vergehen wertvolle Sekunden. Denn die nette Verkäuferin steht seelenruhig daneben und lächelt. „Hier, Ihr Kaffee, Vorsicht, heiß“, flötet sie dann bei der Übergabe. Das Resultat: In meiner Stamm-Bäckerei, in der sonst alles blitzschnell geht, bilden sich seit Montag Schlangen. Das ist in meinem täglichen Ablaufplan nicht vorgesehen. Absolut gar nicht.

Testet sie eine neue Verkaufsstrategie? Oder bekommt sie Provision? Ich bin nun schon drei Jahre bei diesem Bäcker. Und ich vermisse die Vorgängerin wirklich sehr. Eine Französin. Sie begrüßte mich jeden Morgen mit „Bonjour Mademoiselle“. Das war sehr freundlich. Außerdem war sie strukturiert. Sie verlor nicht vieler Worte, warf mein Brötchen in die Tüte, nahm die Münzen entgegen und sagte: „Au revoir“.

Liebe Frau aus Frankreich, falls Sie diesen Beitrag hier lesen, bitte kommen Sie zurück. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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