5. Februar 2014

Schmöker: “Die Entdeckung des Himmels” von Harry Mulisch

DSC_0393

Eigentlich schrecken mich dicke Bücher nicht ab. Wenn ein Roman oder ein Krimi interessant ist, freue ich mich – über jedes Wort, jeden Satz, jede Seite. Mit den Büchern gehe ich dann gerne eine Bindung ein, auch wenn diese mehrere Wochen andauern kann.

„Die Entdeckung des Himmels“ hat mich aber an meine Grenzen geführt. Religion, Physik, Philosophie, Mystik und noch vieles mehr – Harry Mulisch packt einfach die unterschiedlichsten Disziplinen in das knapp 900 Seiten lange Werk. Ausführlich und detailliert beschreibt er wissenschaftliche Phänomene, Entdeckungen und geschichtliche Zusammenhänge. Solche Dinge mal kurz in der Mittagspause oder in der Bahn zu lesen, das ist anstrengend und keine Erholung.

Mehrmals legte ich deshalb „Die Entdeckung des Himmels“ zur Seite, begann mit anderen (leichteren) Büchern, griff dann aber doch immer wieder zurück, konnte es letztlich nicht lassen, wollte wissen, wo die Geschichte hinführt. Es hat sich gelohnt, trotz aller Mühen ist „Die Entdeckung des Himmels“ ein unwahrscheinlich beeindruckendes und bereicherndes Buch.

Die Rahmenhandlung ist folgende: Zwei Engel beschließen, dass die Tafel mit den Zehn Geboten zurück in den Himmel gebracht werden soll. Dazu bedarf es eines Abgesandten auf der Erde, der diese Tat vollbringt und somit den biblischen Bund zwischen Gott und den Menschen beendet.

Um ihren Plan realisieren zu können, wählen sich die Engel die Niederländer Max Delius und Onno Quist aus. Die himmlischen Geschöpfe lenken das Schicksal der beiden jungen Männer, die sich in den 1960er-Jahren eines Abends scheinbar zufällig auf der Straße begegnen.

Grundverschieden sind Max und Onno, trotzdem herrscht schnell eine tiefe Verbundenheit zwischen ihnen. Wurden sie doch auch am selben Tag gezeugt. Max ist ein Frauenheld und beschäftigt sich mit der Astronomie. Sein Vater war ein NS-Offizier und wurde nach dem Krieg hingerichtet. Max’ Mutter, eine Jüdin, kam ins Konzentrationslager.

Onno stammt dagegen aus einer konservativen Familie, sein Vater ist ein hochrangiger Politiker. Onno fällt aus der Reihe, mag sich nicht so recht anpassen. Seine politische Ausrichtung ist eher links. Seine Leidenschaft beruht auf Wörtern und alten Schriften.

Zwischen den beiden Freunden steht einzig Ada, eine Cellistin, mit der erst Max zusammen ist, dann Onno. Über 20 Jahre hinweg werden die beiden Männer samt Ada nun begleitet. Max und Onno engagieren sich in der Studentenbewegung, reisen nach Kuba, erleben dort eine aufregende Zeit. Außerdem wird Quinten gezeugt – der engelsgleiche Junge soll dafür sorgen, dass die Tafel zurück in den Himmel kommt.

Harry Mulisch geht im ersten Teil des Buches besonders auf die aufwühlende Zeit in den 1960er-Jahren in den Niederlanden ein sowie auf die Spannungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Max fährt außerdem nach Polen, wandelt dort auf den Spuren seiner Mutter.

Im weiteren Verlauf des Romans spielen Literatur, Musik und Architektur eine Rolle. Mulisch greift Goethes Faust auf; beschreibt später die Bauten in Rom bis ins kleinste Detail. Bei einer Reise nach Israel wird die biblische Geschichte rund um Moses erzählt. „Die Entdeckung des Himmels“ ist streckenweise wie ein vielseitiges Lexikon zu lesen.

Das ist meist hoch interessant, bei den physikalischen Ausführungen oder den Beschreibungen von Max astronomischer Arbeit schweifte ich jedoch oft ab, übersprang ganze Absätze. Das waren die Momente, in denen ich die Lust verlor. Aufgrund der ausgefeilten und schönen Sprache sowie der interessanten Geschichte rund um Onno, Max und Ada griff ich aber immer wieder zurück. Sehr gelungen finde ich den Aspekt der Sterbehilfe.

Über einen Gedankengang von Onno grübelte ich in den vergangenen Tagen viel. Es geht um das Thema Schuld. Onno sagt gegen Ende des Romans zu Quinten, dass Handeln final und nicht kausal beurteilt werden sollte. Wenn böse Taten immer darauf zurückgeführt würden, dass der Verursacher in der Kindheit geschlagen wurde oder geschiedene Eltern hat, sei das unfair gegenüber all denen, die ebenfalls schlechte Erfahrungen machten, aber nicht zu Verbrecher werden. Onno meint: Durch kausale Beurteilungen wird der Mensch entmenschlicht, es wird ihm die Verantwortung genommen und somit letztlich auch die Freiheit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@mademoiselle_miriam