16. Juni 2019

Heimat: Autofrei

Abschied vom Auto

Es war zwei Tage vor meinem Geburtstag, als ich im vergangenen Jahr beschloss, Abschied von meinem Auto zu nehmen. Das letzte Mal sah ich den kleinen, grauen Flitzer auf dem Parkplatz eines Supermarkts. Es war ein Samstag, ein Samstagmittag.

Mit einer Einkaufsliste in der Hand, war ich kurz davor zielstrebig durch die Gänge des Konsumtempels marschiert, hatte alle Utensilien, die für eine Geburtstagsparty wichtig sind, galant in meinen Einkaufswagen geworfen. Sekt, Chips und Gummibärchen. Eilig war ich damit Richtung Kasse gekurvt.

Ich stand ein wenig unter Zeitdruck. Nur eine Stunde später musste ich am Hauptbahnhof sein – bereits vor Wochen hatte ich einer ehemaligen Kollegin versprochen, sie in Mannheim zu besuchen, die Spar-Tickets über die App waren bereits gebucht. Man könnte sagen, mein Zeitmanagement war an diesem Tag ein wenig risikofreudig. Abweichungen: nicht vorgesehen.

Grrrrkrrkjrrrrkkkkrrrrjrrrrrrr

Als ich alles im Auto verstaute hatte, erleichtert auf dem Fahrersitz Platz nahm, den Schlüssel umdrehte, ertönte statt eines harmonischen Brummens ein schlimmes Geräusch. So eine Mischung aus Rattern, Knirschen und Kreischen. Ein Grrrrkrrkjrrrrkkkkrrrrjrrrrrrr. Es war ein Laut, bei dem ich sofort wusste: Es gibt ein Problem – und zwar ein großes.

Nachdem ich es noch zweimal probiert hatte, der Motor aber immer wieder von Neuem nervtötend aufheulte, klopfte ein freundlicher Herr an mein Fenster. „Kann ich dir helfen?“, fragte er mitfühlend. Ich nickte, stieg aus, er ein. Mit Schwung drehte er den Schlüssel um: Grrrrkrrkjrrrrkkkkrrrrjrrrrrrr. Es klang wie ein mittelschwerer Wutanfall eines malträtierten Kleinwagens.

Ein abgestürztes Partyauto

Ich blickte das Gefährt traurig an. Beladen mit Sekt, Chips und Gummibärchen. Ein abgestürztes Partyauto quasi. Wie bekomme ich all diesen Kram nur nach Hause?

Ciao Mannheim, ciao gechillter Samstag.

In diesem Moment machte es aber klick. Es war ein Gefühl, als hätten sich einzelne Gedankenblitze, die sich bereits seit längerer Zeit in meinem Kopf befanden, zusammengetan. Zack, boom, bang. Wäre diese Situation aus einem Comic, würde in einem Kästchen nun zunächst eine verwirrte Dame stehen, ein kleines Gewitter über ihrem Kopf, dann im nächsten ein blauer Himmel und die Erkenntnis: Weg mit diesem Ballast. Weg mit dem Auto.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Sie hatte sich bereits angebahnt.

Eine emotionale Herausforderung

Ich muss gestehen: Sich nach zwölf Jahren von seinem Auto zu trennen, ist aus emotionaler Sicht nicht zu unterschätzen. Als ich wenige Zeit später sah, wie ein Abschleppwagen meinen treuen Begleiter auf seine Ladefläche hievte, katapultierte es mich zurück in die Vergangenheit. All die gemeinsamen Erinnerungen kamen hoch, an unseren Anfang, die gemeinsamen Höhepunkte.

Es war gegen Ende meines Studiums gewesen, als ich mir den kleinen Flitzer kaufte. Eine alternativlose Entscheidung. Ich arbeite damals als freie Mitarbeiterin für zwei regionale Tageszeitungen. Die Redakteure der Lokalausgaben schickten mich liebend gerne am Abend oder an den Wochenenden zu Vereinssitzungen, Konzerten oder Vorträgen in der idyllischen Provinz. Mit der Bahn war das stets eine Abenteuerfahrt, verbunden mit ausgiebigen Spaziergängen zu den Clubhäusern oder sonstigen Versammlungsstätten. Ich habe in dieser Zeit viel von der Natur im Kraichgau und im Schwarzwald gesehen. Aber auch ganz schön viele Nerven verloren. Das Auto war meine Rettung, bequem und unkompliziert.

Abgeschleppt.

Die ersten Problemen tauchten als, als ich nach Karlsruhe zog. Meine erste WG war in der Kronenstraße. Dort gab es zwar Parkausweise für Bewohner – aber viel zu wenige Stellflächen. Bereits nach zwei Tagen wusste ich: Ein Motorrad-Parkplatz ist keine Ausweichmöglichkeit, auch nicht nur für eine Nacht. Abgeschleppt.

Meine zweite WG war direkt am Marktplatz. Bewohnerparkausweise gab es dort nicht. Ein Stellplatz in der Tiefgarage musste her – ein dekadentes Vergnügen für meine damaligen Einkommensverhältnisse. Aber auch als Volontärin und Jungredakteurin brauchte ich noch dieses Auto, flitzte zwischen Bruchsal, Gaggenau und Achern hin und her.

Die ersten Zweifel

Als ich den Job wechselte, die Zeit der Provinz ein Ende hatte und es zudem Firmenwagen gab, staubte mein Auto ein. Wenn es nicht gerade stürmte oder schneite, fuhr ich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eigentlich hätte ich den Wagen damals schon verscherbeln sollen. Aber irgendwie war er halt da, funktionierte, war perfekt für graue Tage.

Wie in einer schlechten Beziehung kamen die Zweifel zunächst leise, dann immer lauter. Was bringt mir dieses Auto überhaupt noch? Kann ich die wenigen Situationen, in denen ich es brauche, nicht anders lösen? Möchte ich tatsächlich weiter Geld in Steuern, Versicherung und TÜV stecken? Ist es nicht ein Verrat an der Umwelt, kurze Strecken in der Stadt mit dem Auto zu fahren? Immer wieder blitzen diese Fragen auf, zunächst noch ohne Konsequenz. Bis zu diesem Tag auf dem Parkplatz.

Mein Entschluss stand nun fest. „Bist du dir wirklich sicher?“, fragte mich mein Vater mehrmals. Ich nickte. Das wird sich schon alles fügen.

Die Entzugserscheinungen hielten sich in Grenzen

Ich behielt recht. Zehn Monate sind seither vergangen und ich bin unendlich froh, dass das Auto weg ist. Es gab tatsächlich nur sehr wenige Situationen, in denen ich überhaupt noch darüber nachdachte:

  • Bei Besuchen meines Hausarztes. Er liegt seit meines letzten Umzugs für mich am anderen Ende der Stadt. Nach einer OP im Frühjahr musste ich wochenlang ständig zur Nachsorge. Das war mit der S-Bahn nervig. Aber es ging. Meine neue Lieblingsapp ist nun „Ticket2go“. Mit ihr bezahle ich immer nur die Strecke, die ich zurücklege, nicht diesen teuren Einheitspreis für das Stadtgebiet. Für den Weg zu meinem Hausarzt sind das 1,13 Euro.
  • Weihnachten. Es war eine kleine Herausforderung, alle Geschenke für die Familie in der Stadtbahn zu transportieren. Aber auch das bekam ich hin.
  • Zum Jahresbeginn wechselte ich meinen Job und arbeite nun bei einem Verlag, der 70 Kilometer von Karlsruhe entfernt ist. Wäre das Pendeln mit dem Auto einfacher? Das überlegte ich mir kurz. Letztlich brauche ich 1 Stunde und 20 Minuten von Haustür zu Haustür. Aber nein: Der ICE ist super, zu 90 Prozent ist er pünktlich, ich kann lesen, mit anderen Pendlern plaudern oder einfach schlafen. Selbst wenn ich ein Auto hätte, würde ich den Zug vorziehen.
  • Beim Einkaufen am Wochenende muss ich immer vorher gut überlegen, was ich überhaupt transportieren kann. Aber meine Erfahrung nach zehn Monaten ist: Es passen ganz schön viele Sachen in einen Rucksack und zwei Jutebeutel.

Kein Auto zu besitzen, heißt außerdem keineswegs, nie mehr eines nutzen zu können. Es gibt Carsharing-Angebote, auf die ich im Notfall jederzeit zurückgreifen kann – bei Tagesausflügen oder Besuchen von Einrichtungshäusern beispielsweise.

Es war zwei Tage vor meinem Geburtstag, als ich im vergangenen Jahr beschloss, Abschied von meinem Auto zu nehmen. Das letzte Mal sah ich den kleinen, grauen Flitzer auf dem Parkplatz eines Supermarkts. Es war ein Samstag, ein Samstagmittag.

Loslassen kann so guttun.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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