14. März 2022

Kurioses: Autofrei

Mein Leben ohne Auto

Es war an einem Samstagnachmittag, als ich auf einem Parkplatz Abschied von meinem Auto nahm. Mit großer Vorfreude hatte ich zwei Tage vor meinem Geburtstag in einem Supermarkt einen Großeinkauf erledigt. Sektflaschen, Chips und Bierkästen waren bereits nach feinster Tetris-Technik im Kofferraum gestapelt.

Als ich erleichtert auf dem Fahrersitz Platz nahm, den Schlüssel umdrehte, ertönte aber statt eines harmonischen Brummens ein mysteriöses Geräusch. Eine Mischung aus Rattern, Knirschen und Kreischen. Ein Grrrrkrrkjrrrrkkkkrrrrjrrrrrrr. Es war ein Laut, bei dem ich sofort wusste: Es gibt ein Problem – und zwar ein großes.

Nachdem ich es noch zweimal probiert hatte, der Motor aber immer wieder von Neuem jaulend aufheulte, klopfte ein freundlicher Herr an mein Fenster. „Kann ich dir helfen?“, fragte er mitfühlend. Ich nickte, stieg aus, er ein. Mit Schwung drehte er den Schlüssel um: Grrrrkrrkjrrrrkkkkrrrrjrrrrrrr. Es klang wieder wie ein mittelschwerer Wutanfall eines malträtierten Kleinwagens.

Ich blickte das Gefährt traurig an. Dachte an den Sekt, die Chips und das Bier. Ein abgestürztes Partyauto.

Ich möchte kein Auto mehr haben

In diesem Moment machte es aber klick. Es war ein Gefühl, als hätten sich einzelne Gedankenblitze, die sich bereits seit längerer Zeit in meinem Kopf befanden, zusammengetan. Zack, boom, bang. Wäre diese Situation aus einem Comic, würde in einem Kästchen nun zunächst eine verwirrte Dame stehen, ein kleines Gewitter über ihrem Kopf, dann im nächsten ein blauer Himmel und die Erkenntnis: Weg mit diesem Ballast. Weg mit dem Auto.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen.

Eine emotionale Herausforderung

Ich muss gestehen: Sich nach zwölf Jahren von seinem Auto zu trennen, ist aus emotionaler Sicht nicht zu unterschätzen. Als ich wenige Zeit später sah, wie ein Mitarbeiter den Kleinwagen auf den Abschleppwagen hievte, katapultierte es mich zurück in die Vergangenheit. All die gemeinsamen Erinnerungen kamen hoch, an unseren Anfang, die gemeinsamen Höhepunkte.

Es war gegen Ende meines Studiums gewesen, als ich mir den kleinen Flitzer kaufte. Es war damals in der Kleinstadt eine alternativlose Entscheidung. Ich arbeitete damals als freie Mitarbeiterin für zwei regionale Tageszeitungen. Die Redakteur*innen der Lokalausgaben schickten mich am Abend oder an den Wochenenden zu Vereinssitzungen, Konzerten oder Vorträgen in der idyllischen Provinz.

Mit der Bahn war das stets ein zeitraubender Ausflug, verbunden mit ausgiebigen Spaziergängen zu den Clubhäusern oder sonstigen Versammlungsstätten. Ich habe in dieser Zeit viel von der Natur im Kraichgau und im Schwarzwald gesehen. Aber auch ganz schön viele Nerven verloren. Das Auto war damals meine Rettung, bequem und unkompliziert.

Abgeschleppt

Die ersten Problemen tauchten als, als ich nach Karlsruhe zog. Meine erste WG war in der Innenstadt. Dort gab es zwar Parkausweise für Bewohner – aber viel zu wenige Stellflächen. Bereits nach zwei Tagen wusste ich: Ein Motorrad-Parkplatz ist keine Ausweichmöglichkeit, auch nicht für eine Nacht. Der Abschleppdienst war schneller da, als ich reagieren konnte.

Meine zweite WG war direkt am Marktplatz. Bewohnerparkausweise gab es dort nicht. Ein Stellplatz in der Tiefgarage musste her – ein dekadentes Vergnügen für meine damaligen Einkommensverhältnisse. Aber auch als Volontärin und Jungredakteurin brauchte ich noch das Auto, um zwischen Lokalredaktionen hin- und herzufahren.

Die ersten Zweifel

Als ich danach den Job wechselte, die Zeit der Provinz ein Ende hatte und es zudem Firmenwagen gab, staubte mein Auto ein. Wenn es nicht gerade stürmte oder schneite, fuhr ich mit dem Fahrrad.

Die Zweifel kamen dann zunächst leise, dann immer lauter. Was bringt mir dieses Auto überhaupt noch? Kann ich die wenigen Situationen, in denen ich es brauche, nicht anders lösen? Möchte ich tatsächlich weiter Geld in Steuern, Versicherung und TÜV stecken? Ist es nicht ein Verrat an der Umwelt, kurze Strecken in der Stadt mit dem Auto zu fahren?

Immer wieder blitzten diese Fragen auf, zunächst noch ohne Konsequenz. Bis zu diesem Tag auf dem Parkplatz.

Mein Entschluss stand nun fest. „Bist du dir wirklich sicher?“, fragte mich mein Vater mehrmals. Ich nickte. Das wird sich schon alles fügen.

Die Entzugserscheinungen halten sich in Grenzen

Ich behielt recht. 3,5 Jahre sind seither vergangen und ich bin unendlich froh, dass das Auto weg ist. Es gab tatsächlich nur sehr wenige Situationen, in denen ich überhaupt noch darüber nachdachte:

  • Weihnachten. Es war eine kleine Herausforderung, alle Geschenke für die Familie in der Stadtbahn zu transportieren. Aber auch das bekam ich hin.
  • Seit geraumer Zeit arbeite ich bei einem Verlag, der 70 Kilometer von Karlsruhe entfernt ist. Wäre das Pendeln mit dem Auto einfacher? Das überlegte ich mir kurz. Letztlich benötige ich eine Stunde und 20 Minuten von Haustür zu Haustür. Aber nein: Der ICE ist super, zu 90 Prozent ist er pünktlich, ich kann lesen, mit anderen Pendler*innen plaudern oder einfach schlafen. Selbst wenn ich ein Auto hätte, würde ich den Zug vorziehen.
  • Beim Einkaufen am Wochenende muss ich zwar immer vorher gut überlegen, was ich überhaupt transportieren kann. Aber meine Erfahrung: Es passen ganz schön viele Sachen in einen Rucksack und zwei Jutebeutel.

Kein Auto zu besitzen, heißt außerdem keineswegs, nie mehr eines nutzen zu können. Es gibt Carsharing-Angebote, auf die ich im Notfall jederzeit zurückgreifen kann – bei Tagesausflügen, Urlaubsfahrten oder Besuchen von Einrichtungshäusern beispielsweise.

Nun steigen gerade die Benzinpreise ins Unermessliche. Selten war ich so glücklich, kein Auto mehr zu besitzen.

Loslassen kann so guttun.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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