10. Juli 2022

Krimskrams: “Ein Abend im Gottesauer Eck”

Gottesauer Eck Karlsruhe I Andrew Lancaster, Stefan Hechinger, Natalia Kesik
Das sind Andrew, Stefan und Natalia

Karlsruhe: Im “Gottesauer Eck” gibt es nun Drinks und Kunst

Die blinkenden Spielautomaten sind verschwunden. Der große Billardtisch und die Theke mit Samtbezug ebenfalls. Auch vom Zigarettenrauch der ehemaligen Stammgäste bleiben nur Erinnerungen. Die Traditionskneipe „Gottesauer Eck“ in der Karlsruher Oststadt hat in den vergangenen Monaten eine Transformation erlebt.

Wo einst die trashigen weißen Monobloc-Stühle im Außenbereich standen und ein verblichenes Pils-Schild an der Außenfassade des Hochhauses hing, weisen nun auf einem roten Banner weiße Buchstaben auf den gleichbleibenden Namen hin. Er ist die einzige Konstante. Sonst ist alles neu.

Gottesauer Eck I Karlsruhe
Credit für dieses und die kommenden Fotos: Samuel Mindermann

Hochwertige und ehrliche Inneneinrichtung

An einem Dienstagabend im Juni bin ich mit dem neuen Inhaber Stefan Hechinger und den beiden Geschäftsführenden Natalia Kesik und Andrew Lancaster verabredet. Leise wummern Elektroklänge aus den Lautsprechern. Verschiedene Kunstwerke von in Karlsruhe lebenden Künstler*innen hängen an den rohen Wänden. Um braune Holztische stehen schlichte schwarze Stühle.

Das neue „Gottesauer Eck“ ist offen gestaltet, mit einem Design, das weder zu überfrachtet noch zu minimalistisch ist. Ich fühle mich sofort wohl, auch weil mein Blick mit großem Interesse zu den verschiedenen Werken an den Wänden wandert – unter anderem von Anna Schmidt, Benjamin Köder und Helmut Dorner.

„Uns war es wichtig, dass wir eine qualitativ hochwertige, aber ehrliche Inneneinrichtung haben“, erzählt mir Stefan Hechinger. Er steht gemeinsam mit seinem Bruder Lukas Hechinger hinter dem „Gottesauer Eck“ 2.0. Dass sie die Eckkneipe wiedereröffneten, war eine spontane Idee inmitten der Corona-Pandemie.

Gottesauer Eck I Karlsruhe

Die alte Eckkneipe war für schnelles & kaltes Bier bekannt

„Uns wurde bei den Ebay-Kleinanzeigen zufällig eine Annonce angezeigt, dass die Immobilie zu vermieten ist“, erinnert sich Stefan. Mehr als 25 Jahre lang hatte eine Dame, Maria, das „Gottesauer Eck“ betrieben. Sie zapfte den vielen Stammgästen schnelles kaltes Bier, plauderte mit ihnen und hörte sich ihre Sorgen an. Als ihr Mann starb, zog sich die ältere Frau aus dem Geschäftsleben zurück, gab die Kneipe auf. Die Räume standen zunächst leer.

„Wir fanden die Ebay-Anzeige sofort interessant“, sagt Stefan. Mit seinem Bruder erarbeitete er ein Konzept, das sie beim Mieter- und Bauverein einreichten. Sie bekamen den Zuschlag im Juni 2021 und machten sich an die Arbeit.

Gemeinsam mit Freunden kernsanierten sie die Kneipe, entrümpelten sie, rissen Wände raus und enfernten sogar die Decke. „Dadurch wurde der Raum einen Meter höher“, erklärt der neue Inhaber. Da sein Bruder und er von klein auf viel Zeit in der Schreinerei ihres Vaters verbrachten, konnten sie einige Dinge beim Umbau selbst erledigen. Unter anderem die Beleuchtung, die Einbauten und die Theke gestalteten und bauten sie selbst.

Gottesauer Eck I Karlsruhe

Große Unterstützung von Kreativen aus Karlsruhe

Außerdem bekamen sie kreative Unterstützung aus Karlsruhe: Um das Konzept für die Inneneinrichtung kümmerte sich der Produktdesigner Clemens Lauer. Die Kommunikation hat Sara Bajura übernommen, die auch in der „Fettschmelze“ aktiv ist. Sie ist beim “Gottesauer Eck” zuständig für alles was mit Kommunikation und corporate identity zu tun hat – also bespielt beispielsweise Instagram und hat das Logo entworfen.

Gottesauer Eck I Karlsruhe

Fotografien von der neuen Kneipe machte der Fotograf Samuel Mindermann. Die Kunstwerke wählten die Verantwortlichen des Projektraums „Zentrale“ aus, der sich ebenfalls in der Karlsruher Oststadt befindet. Die Arbeiten bleiben für sechs Monate hängen und wechseln dann.

Auch die beiden Geschäftsführenden Natalia und Andrew halfen bereits beim Umbau mit. „Ich habe dadurch quasi eine Maler- und Lackierausbildung hinter mir“, sagt Natalia lachend. Sie hat zuvor im “Café Rosa” in der Südstadt gearbeitet. Andrew war unter anderem im „Kap“ angestellt und in einem Hotel in Freiburg. „In der Corona-Pandemie hatte ich mir eigentlich überlegt, etwas anderes zu machen“, erzählt er mir. Aber als die Anfrage von Stefan und Lukas kam, fand er die Idee so spannend, dass er zusagte.

Die beiden Geschäftsführenden kümmern sich nun seit der offiziellen Eröffnung im März darum, dass zwischen Mittwoch und Samstag im „Gottesauer Eck“ alles nach Plan läuft. Sie machen beispielsweise den Sirup für die Limos selbst. Schauen, dass alle frischen Zutaten für die Drinks da sind und kaufen die Knabbereien im türkischen Supermarkt nebenan.

Gottesauer Eck I Karlsruhe

Kreative Drinks zu fairen Preisen

Was beim Blick in die Karte auffällt: Die Drinks sind kreativ, die Preise fair. So gibt es beispielsweise ein Cynar Spritz mit Artischocken-Extrakt oder einen Falernum Spritz mit Limette-Nelke-Extrakt. Aber natürlich auch verschiedene Wein- und Biersorten sowie Longdrinks und Cocktails. Die Obstbrände sind aus der Region.

Gottesauer Eck I Karlsruhe
Gottesauer Eck I Karlsruhe

„Wir möchten, dass sich die verschiedensten Menschen bei uns wohlfühlen“, betont Stefan. Auch von den alten Stammgästen kamen einige bereits vorbei und schauten sich um. „Manche fragen nach den Automaten und dem Billardtisch, andere sind positiv überrascht, wie es nun aussieht“, sagt Stefan.

Zum Pre-Opening des neuen „Gottesauer Eck“ im März kam auch Maria mit ihren Kindern. Obwohl sie mit großem Wehmut ihre Kneipe aufgab, war sie so angetan vom neuen Konzept, dass sie gar nicht mehr gehen wollte. „Ihr fällt es nun leichter, loszulassen“, erzählt Stefan. “Das freut uns natürlich ganz besonders.”

Gottesauer Eck I Karlsruhe

Öffnungszeiten “Gottesauer Eck”

Das “Gottesauer Eck” findet ihr an der Wolfartsweierer Str. 1. Die Öffnungszeiten sind mittwochs und donnerstags von 18 bis 1 Uhr und freitags sowie samstags von 18 bis 3 Uhr.

Gottesauer Eck I Karlsruhe
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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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