30. Dezember 2018

Heimat: “Ein Morgen mit Robert Loos”

Willkommen im Wahrnehmungstornado!

Ein kurzer Druck auf den Sprühknopf der Dose genügt, schon schießt blitzschnell Farbe aus dem Ventil. Mit Kraft, aber fein wie Nebel, treffen die Pigmente auf die Leinwand, erzählen auf der weißen Fläche ihre ganz eigene Geschichte – für sich alleine und im Zusammenspiel mit weiteren Komponenten.

Die Sprühdose. Sie begleitet Robert Loos, seit er die Malerei für sich entdeckt hat. „Sie ist mein roter Faden, alles andere sind Begleiter“, erzählt er mir an diesem Sonntagmorgen, als ich ihm in seinem Wohnzimmer gegenübersitze. Trubelig ist es dort. Ein Filmteam der Hochschule Karlsruhe ist ebenfalls da. „Können sie unser Interview aufnehmen?“, hatte Robert mich gefragt. Klar, warum nicht. So sitzen wir nun da, er eine Kippe in der Hand, seine Kaffeetasse hat er mit einem Wasserglas auf ein braunes Holztablett gestellt, neben meinem Kopf surrt die Kamera, los geht es.

Credit für alle kommenden Fotos: Robert Loos

Ein Leben in Unruhe!

Robert und ich kennen uns schon viele Jahre, immer wieder sind wir uns in Karlsruhe über den Weg gestolpert. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe, stand als Barmann im Iuno hinter der Theke, schreibt politische Artikel für die Druckschrift.

In der Nähe des Hauptbahnhofs hat der 36-Jährige sein Atelier, wo er an seiner Kunst arbeitet, in Ruhe, meist mit der Gasmake, wegen der Dämpfe, die beim Druck auf den Sprühknopf aus der Dose entweichen. „Ich bin in Berlin geboren“, beginnt er zu erzählen. Danach ging es in seiner Kindheit und Jugend über Bremen und Hildesheim nach Heidelberg. „In meinem Leben war immer Unruhe“, beschreibt er. Wie die Sprühdose ist sie ein treuer Begleiter, ihm immanent.

Schnell, aufregend, illegal. Graffitis waren Roberts erste künstlerische Arbeiten. 15 Jahre war er alt, als er die ersten bunten Schriftzüge in Nacht- und Nebelaktionen auf graue Wände zauberte. „Damals bemerkte ich, dass das Graffiti-Sprühen Instinkte in mir auslöst, die meine Kreativität beeinflussen“, erinnert er sich. Welche Farben verwende ich? Wie kombiniere ich sie? „Unter Adrenalin greife ich gerne zu falschen Farben“, beschreibt er. Damit meint er Störfarben wie Neongelb oder Neonorange, die einen Raum destabilisieren oder die Alltagsharmonie in einer Gesellschaft torpedieren. „Durch das Grelle kämpft das Bild um seine Existenz“, erklärt er. Dadurch entstehe aber ein besonderer Reiz beim Betrachten: Wie passt das Fremde in die Situation? Die Gelben Westen, die derzeit für Krawall in Frankreich sorgen, bedienen sich genau dieses Mechanismus’.

Arbeiten nur am Schreibtisch: nein, danke!

Fremd fühlte sich Robert an der Universität in Heidelberg. Dort hatte er sich mit Anfang 20 eingeschrieben: Soziologie und Vergleichende Religionswissenschaften. Er bemerkte aber schnell: „Am Schreibtisch sitzen ist nichts für mich.“ Er ergatterte einen Job als Landschaftsgärtner. Arbeitete draußen, sah die Natur, verdiente genug Geld, um sich Farben zu kaufen – und Leinwände. Das Sprühen von Graffitis hatte sich nach mehreren Gerichtsverhandlungen erledigt, Robert malte nun drinnen.

Als im Herbst die Saison der Landschaftsgärtner pausierte, landete er zunächst für eine Weile im Callcenter, verkaufte dort Tageszeitungen, begann dann an der Freien Kunstakademie in Mannheim zu studieren. Was als Zeitvertreib startete, verwandelte sich schnell zu einer großen Ernsthaftigkeit. „Ich traf dort auf Menschen, die eine ähnliche Denkstruktur wie ich hatten, das war unendlich befreiend“, erinnert sich Robert. Er begann, über grundlegende Strukturen nachzudenken: Wie nehme ich das Leben wahr, wie tun das andere Menschen und wie nehmen sie mich wahr? „Ich war damals 24 Jahre alt, noch in der Findung und es war eine sehr wichtige Erfahrung für mich, durch diese Linse zu schauen“, sagt er heute im Rückblick. „Die Kunst hat mir ein Ventil für meine Unruhe gegeben.“

Blau ist eine warme Farbe

2008 begann er sein Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Karlsruhe, zog in die Fächerstadt. Ein Thema, das ihn ständig begleitet: Das Viele. Er assoziiert damit zum einen die Mechanik, mit der Hand viele kleine Bewegungen auf ein Blatt oder eine Leinwand nebeneinander zu setzen. Und zum anderen verschiedene Farben miteinander kommunizieren zu lassen. „Koloristik ist ein großer Bestandteil meiner Malerei“, erklärt er. Farben sind für ihn besondere Botschafter, dringen sehr direkt und sehr schnell zum Betrachter durch. “Ich setze sie sehr bewusst ein, um Menschen zu erreichen, ihnen immer wieder neue Dinge zu zeigen.”

Seine Lieblingsfarbe: Blau. „Sie ist eine Farbe der Tiefe, des Verstandes“, begründet er. Eine schöne Begleiterin, die in der Malerei auftaucht, um Öffnung zu erzeugen. Der perfekte Gegenpart zu den grellen Störfarben.

Wo ist das Limit?

Sein großes Interesse gilt aber dem Beschmutzten. „Das hat mich immer mehr gereizt als das Bereinigte“, sagt Robert. Als Künstler möchte er den geraden Weg stören, an die Belastungsgrenze gehen und schauen, was passiert, wenn er ans Limit geht, Ränder aufzeigt. „Ich möchte mit meinen Arbeiten Räume erzeugen, in denen Dinge passieren, von denen wir nicht genau wissen, was sie mit uns machen“, erklärt der 36-Jährige. Sicherheiten unsicher machen, sich selbst die Stabilität nehmen und sich von einem Wahrnehmungstornado mitreißen lassen, das will Robert, ohne Angst, mit Neugier.

Berlin, Berlin

Einen kleinen Wahrnehmungstornado erlebte er selbst, als es ihn 2013 nochmals nach Berlin trieb. Zweimal drei Monate lebte er in seiner Geburtsstadt, suchte nach einem Heimatgefühl, dem Großtstadttakt. Wollte wissen: Brauche ich das Umtriebige hier, um neue Strukturen für mich zu finden?

Nein.

„Berlin nimmt Kraft und hat viele Gesichter, die in der Kraftlosigkeit schön geworden sind“, sagt Robert. Er sei in der Hauptstadt aber weder aufgeblüht noch untergegangen. Tagsüber verbrachte der Künstler viel Zeit im Atelier, nahm danach einen Drink, saß abends an seinen Skizzen. „Für all diese Routine war mir Berlin zu teuer, zu unstet und zu kompliziert“, beschreibt der 36-Jährige.

Karlsruhe ist okay

Eine Sehnsucht nach Karlsruhe kam auf, trotz Steifheit und Konstanz. „Die Löhne in Baden-Württemberg sind besser, die Anbindung zu anderen Städten ist gut, es gibt Ruhe und ich hatte ein Atelier in Aussicht“, fasst er die Vorteile zusammen. Karlsruhe: sein Gegenmodell zu Berlin.

„Auch wenn mein Thema “Das Viele” ist, brauche ich Kraft, um Einer zu sein, der “Das Viele” schafft.“

Zu schreien und zu brüllen, das hat Robert in Karlsruhe immer wieder geschafft. Die Malerei ist in all dem Wirbel sein fester Kern. „Sie begleitet, stabilisiert, schützt mich“, sagt er. Und sie findet für ihn nie dort statt, wo es unsauber ist. Erst in seinem Atelier kann er sie überhaupt verhandeln. „Ich brauche die Ruhe zum Kreativsein“, betont der 36-Jährige. Daneben arbeitet er nun wieder draußen, als Baumpfleger in der Natur. Es ist der perfekte Ausgleich: „Ich bin körperlich ausgepowert und kann den Verlauf des Lichts während einer Tages- und Jahreszeit beobachten.

Er möchte gar nicht komplett zur Ruhe kommen, sagt er dann gegen Ende des Gesprächs.

“Ich möchte die Unruhe bewahren, sie anderen Menschen durch meine Kunst schonend nahe bringen und ihnen zeigen, dass sie auch etwas Schönes sein kann.”

Robert ist sich sicher: „Wir können in der Gesellschaft mit Unruhe, Zuwachs und Veränderung umgehen, wir müssen uns nur darauf einlassen.“

Weitere Infos zu Robert Loos auf Instagram: https://www.instagram.com/therealrobertloos/

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One thought on “Heimat: “Ein Morgen mit Robert Loos”

  1. Harald Juhnke aus Berlin sagt:

    Scheint ein cooler Typ zu sein dieser Robert Loos.
    Allein dafür, dass er Karlsruhe diesem Berlin vorzieht von dem alle sprechen macht Ihn smart.
    Wo kann man denn das Video-Interview des Filmteams der Hochschule Karlsruhe bewundern?
    Und wo sind seine Bilder ausgestellt?

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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