24. Januar 2021

Karlsruhe: “Ein Nachmittag mit Betty Rieckmann”

Betty Rieckmann
Das ist Betty. Alle Fotos sind auch von ihr.

Betty Rieckmann: Mit ihrer Licht-Kunst bereichert sie die Welt

Es sind alte Autoscheinwerfer vom Schrottplatz, die Betty Rieckmann zum Licht führen. Während ihres Studiums der Malerei und Grafik an der Kunstakademie Karlsruhe experimentierte sie für eine Arbeit mit unterschiedlichen Materialien. Bunte Farben, Lacke, Schrott. All das kombinierte sie auf der Leinwand. Auch eine Autobatterie und Autoscheinwerfer befestigte sie darauf. „Als ich sie zündete, machte es plötzlich Bääm“, erzählt mir Betty rückblickend und lacht.

Es war solch ein starker, blendender Effekt, dass sie wusste: „Das ist es, ich möchte mit Licht arbeiten“. Auch ihre Professoren erkannten dieses Potenzial und unterstützten sie. „Es war meine Rettung in dem freien Studiengang, endlich wusste ich, welchen Weg ich gehen möchte“, sagt die 34-Jährige.

“Light Sign” am Hauptbahnhof Karlsruhe

Vom Reklameschild zum „Light Sign“

Mehr als zehn Jahre ist das nun her. Inzwischen hat sich Betty Rieckmann in Deutschland als Licht-Künstlerin etabliert. Zahlreiche Preise gewann sie bereits. Ihre außergewöhnlichen Arbeiten hängen in Museen, großen Banken und Unternehmen. Bis März 2021 ist außerdem am Karlsruher Hauptbahnhof ihre Arbeit „Light Sign“ zu sehen. Der Anlass: Die Fächerstadt bekam von der UNESCO den Titel „City of Media Arts“ verliehen. Deshalb sind kreative Werke von verschiedenen Medien-Künstlern in der Stadt verteilt, unter anderem von Betty.

Für „Light Sign“ hat sie alte Reklameschilder zu Licht-Kunstwerken verwandelt. Sie enthalten nun Lichtsensoren, die farbige Effekte an die Umgebung anpassen, eine Überbelichtung verhindern. Im grauen Bahnhofsgelände sticht die bunte Arbeit heraus, lässt Reisende und Wartende stoppen, innehalten. Es ist ein Lichtblick in dieser pandemiegeplagten Zeit.

light_Sign_hardtstraße I Betty Rieckmann

Am Eingang des „Tempel“-Geländes im Karlsruher Stadtteil Mühlburg ist eine zweite Arbeit der „Light Sign“-Reihe der Künstlerin zu sehen. Dort hat sie auch ihr Atelier, in dem ich sie Anfang Januar besuche.

Tüfteln im Atelier auf dem „Tempel“-Gelände

Seit etwa zwei Jahren arbeitet die 34-Jährige dort. Tüftelt in einem großen, rauen, kellerähnlichen Raum ohne Heizung gerade an neuen Installationen und Skulpturen.

Draht, Lampen, bunte Folien: Die unterschiedlichsten Materialien sind dort verteilt. Vintage-Möbel und große Zimmerpflanzen verleihen dem riesigen Raum einen gemütlichen Flair. In ihren bunten Sneakers trägt Betty an diesen Wintertagen zwei Paar Socken übereinander, schützt sich so vor Kälte von unten. Heißer Tee spendet ihr Wärme von innen.

„Ich fühle mich sehr wohl auf dem ,Tempel’-Gelände“, sagt Betty, die in Kalifornien geboren ist und seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebt. Eine Etage über ihrem Atelier hat sie inzwischen auch ihre Wohnung. Mit ihr wechselt Katze Maki zwischen den Räumen hin und her.

Betty Rieckmann
Das ist Katze Maki.

Fusion von Kunst und Wissenschaft

Nach ihrem Diplom an der Kunstakademie Karlsruhe entschied sich die Künstlerin, dort auf den Meisterschüler-Titel zu verzichten. Stattdessen schrieb sie sich im „Licht Design“-Studiengang an der Hochschule für Angewandte Kunst und Wissenschaft in Hildesheim ein. „Dadurch konnte ich nicht nur die biologischen und physikalischen Wirkungen des Lichts studieren, sondern auch meine philosophischen und künstlerischen Fähigkeiten vertiefen und ausbauen.“ Die Fusion von Kunst und Wissenschaft ist Bettys prägende Essenz.

Betty Rieckmann
“between clouds”

Entspannen mit „between clouds“

Diese Vielschichtigkeit zeichnet auch die Arbeiten ihrer Reihe „between clouds“ aus. Drei davon sind bei meinem Besuch im Atelier zu sehen. Betty ließ sich dafür von dem Maler Rothko inspirieren. Sie hat dafür Rahmen mit Stoff bespannt. Im Inneren verschmilzt das Licht von verschiedenen LEDs mit dem Luftraum. Das Besondere: Ein integrierter Minicomputer steuert die Farbkomposition der LEDs.

„Er ist nach dem Zufallsprinzip programmiert, rein rechnerisch können wir als Betrachtende deshalb nie dieselbe Farbkombination sehen“, erklärt mir Betty. Alle sieben Sekunden verändern sich langsam die Farben, zwei Sekunden lang gibt es eine Überlagerung. „Diese Taktung orientiert sich an unserem biologischen Rhythmus“, erklärt sie mir. Wer die Bilder brachtet, passt seine Atmung unbewusst danach an, wird ruhiger. Ein meditativer Effekt entsteht.

“between clouds”

Neue Einblicke im Ingenieurbüro

Mit der Funktionsweise von LEDs und Lichtsystemen hat sich die 34-Jährige näher auseinandergesetzt, als sie 2018 eine Teilzeitstelle in einem Ingenieurbüro annahm. „Ich bekam dadurch ganz neue Einblicke in die industrielle und kommerzielle Welt des Lichts, die ich nun auch für meine Kunst anwenden kann“, sagt sie.

Betty Rieckmann

Um sich für ihre Arbeiten inspirieren zu lassen, liest Betty wissenschaftliche Texte, schaut Dokumentationen und besucht Museen so oft es geht. „Das Zusammenspiel von Licht und Emotionen ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt“, betont die Künstlerin. Was ist das beispielsweise, was wir im Traum sehen und fühlen?

Aber nicht nur Emotionen, auch physikalische Aspekte spielen eine große Rolle bei ihren Arbeiten. „The earth upside down“ ist beispielsweise ein Stillleben, bei dem sie sich mit dem Verhältnis von Erde und Weltraum auseinandersetzt.

Dreiecksbeziehung I Betty Rieckmann
Dreiecksbeziehung

„Dreiecksbeziehung“: Neuer Blick auf sich selbst und die Umgebung

Eine ihrer neuesten Arbeit heißt „Dreiecksbeziehung“. Sie besteht aus mehreren verspiegelten Lichtsäulen, die eine dreieckige Grundfläche haben. Die Oberfläche hat Betty mit einem Baumrindenmotiv bedruckt. Es wird an manchen Stellen von Licht durchbrochen, das diffus aus dem Inneren der Säule strahlt.

„Thema dieser Installation ist die fragile Beziehung zwischen Mensch, Natur und der Umgebung“, beschreibt sie. Wer die Lichtsäulen betrachtet, wird durch die Spiegelungen Teil davon – aber auf eine verzerrte, entfremdete Art. „Dadurch besteht die Chance, sich selbst und die Beziehung zur Natur sowie zur Umgebung neu wahrzunehmen“, erklärt Betty die Intention dahinter.

„Glanz“: ein Phänomen mit großer Kraft

Mit dem Thema „Glanz“ und der speziellen Spiegelung von Licht hat sich die Künstlerin bereits im Studium näher beschäftigt. „Glanz ist ein Lichtreflex, den wir im täglichen Leben fast gar nicht wahrnehmen“, erläutert sie. Ein fast flüchtiges Phänomen, jedoch mit unglaublich großer Faszinationskraft. Deshalb wird es nun zukünftig wieder eine stärkere Rolle bei ihren Arbeiten spielen.

Betty Rieckmann

Karlsruhe als feste Basis

Betty hat inzwischen bundesweit Galerien, die ihre Werke verkaufen und Ausstellungen, bei denen sie ihre Arbeiten präsentiert. Sie reist für Workshops und Vorträge in die unterschiedlichsten Städte. Trotzdem ist Karlsruhe zu ihrer Heimat geworden. „Nach dem Studium habe ich viele Jahre in der Gastronomie gearbeitet“, erzählt sie. Ihr Netzwerk ist dadurch groß. Benötigt sie technische Hilfe für ihre Arbeiten, weiß sie, wen sie anrufen kann. „Das ist eine große Erleichterung.“

„Licht ist ein Medium, das wir zum Sehen brauchen. Ohne Licht ist die Welt schwarz.“

Die Erfahrung mit Licht hat Bettys Leben vor vielen Jahre verändert. Durch ihre Kunst schafft sie es nun, dass auch die Betrachtenden einen neuen Blick auf sich selbst und die Umgebung bekommen.

Bääm.

Weitere Infos zu Betty gibt es auf ihrer Webseite.

Betty Rieckmann
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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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