27. März 2023

Buchkritik: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“: ein kluger Roman mit wenigen Längen

1242 Seiten. Puh. „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ von Johan Harstad stand schon eine ganze Weile in meinem Wohnzimmer-Regal, bevor ich mich an dieses Lese-Großprojekt wagte. Um ehrlich zu sein, wusste ich so gut wie nichts über die Handlung, als ich mir den Roman kaufte. Aber Denis Scheck hatte in „Druckfrisch“ so positiv darüber berichtet, dass ich mehr wissen wollte.

Knapp vier Wochen habe ich nun gebraucht, um das Buch zu lesen. Mit den ersten Seiten hatte ich meine Schwierigkeiten. Der Ich-Erzähler Max Hansen ist Mitte 30, als Theaterregisseur auf Tournee in den USA und erinnert sich an die Vergangenheit. Immer wieder lässt er Namen fallen, die erst im Laufe der Handlung konkreter werden. Die vielen kulturellen Bezüge und die sehr langen Sätze waren für mich eine Herausforderung – vor allem wenn ich am Feierabend las.

Aber ab Seite 70 reist Max in Gedanken zurück in seine Kindheit in den 80er-Jahren, erst nach Norwegen, dann in die USA. Er erzählt zugänglich, dadurch machte er es mir leicht, in seine Welt einzutauchen. Von da an begleitete ich ihn sehr gerne durch rund 25 Jahre Zeitgeschichte.

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist im Gesamten ein sehr intelligenter und inspirierender Roman. Einzige Kritik: Johan Harstad hätte sich einige langatmige Ausführungen ersparen können. 1000 Seiten wären genug gewesen, um das Wesentliche zu erzählen.

Um was geht es in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“?

In „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ blickt Max in vier Teilen auf seine Vergangenheit zurück, in der sein Freund Mordecai, seine langjährige Freundin Mischa und sein Onkel Owen eine wichtige Rolle spielen.

Ich schreibe nicht, weil das, was uns passierte, nicht auch anderen passiert wäre, unsere Leben waren in keinster Weise spektakulär oder bedeutungsvoll. Sind es nie gewesen, bis heute nicht. Aber es waren unsere Leben, sie waren miteinander verwoben, und ich habe solche Angst, sie zu verlieren.

Von Anfang an spielt der Vietnamkrieg eine große Rolle im Buch – wie der Titel schon vermuten lässt. Die Tet-Offensive leitete die militärische Niederlage der USA in Vietnam ein. Im Süden des Landes kam es zu erbitterten Kämpfen, die viele Menschenleben forderten. Die amerikanische Öffentlichkeit und die alliierten Streitkräfte im Kampfgebiet waren entsetzt. Große Zweifel entstanden.

Max’ Eltern demonstrieren in Norwegen gemeinsam mit kommunistischen Gesinnungsgenossen gegen den Vietnamkrieg. Auf den heranwachsenden Max übt später vor allem der Film „Apocalypse Now“ von Francis Coppola eine große Faszination aus. Der Film taucht im Roman immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auf.

Emigration in die USA führt zu großen Unsicherheiten

Max verbringt die ersten 13 Jahre seines Lebens in Stavanger, einer kleinen, durch Ölbohrungen wohlhabenden Stadt in Norwegen. Dann beschließen seine Eltern, in die USA auszuwandern, obwohl sie dem Land wegen des Vietnamkrieges lange so ablehnend gegenüberstanden. Doch für die Karriere des Vaters, eines Piloten, ist der Umzug wichtig. Alte Vorbehalte werfen die Eltern über Bord.

Für den 13-Jährigen ist der Neuanfang auf Long Island eine große Herausforderung. Er verliert seine alte Heimat und seine Sicherheit. In den ersten Monaten fällt es ihm schwer, die richtigen Worte auf Englisch und Freunde zu finden. Die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit begleitet ihn bis zum Ende des Buches.

Das ist am Ende die Essenz des Ganzen, eine tiefsitzende Angst davor, kein Zuhause zu haben.

Halt gibt ihm die Freundschaft zu seinem jüdischen Mitschüler Mordecai, durch den er als 16-Jähriger in den Sommerferien auch die Künstlerin Mischa kennenlernt. Obwohl sie sieben Jahre älter ist, beginnen die beiden eine Beziehung, die trotz der unterschiedlichen Lebenssituationen von Anfang an stabil ist.

Während Max und Mordecai noch zur Schule gehen und bei ihren Eltern wohnen, lebt Mischa bereits allein in New York, wo sie in den folgenden Jahren eine Bilderbuchkarriere als Künstlerin hinlegt.

Eine WG mit Onkel Owen in Manhattan

Die Erinnerungen von Max an die gemeinsame Zeit mit Mischa und Mordecai werden unterbrochen von Erzählungen über seinen Onkel Owen, der vor langer Zeit in die USA ausgewandert ist und nun ebenfalls in New York lebt – in einer riesigen Wohnung im berühmten Apthorp Building. Als Max die Schule beendet und ein Regiestudium in New York beginnt, zieht er mit Mischa auch dorthin. Es ist eine außergewöhnliche Wohngemeinschaft.

Das Besondere an Owens Geschichte ist, dass Johan Harstadt sie nicht chronologisch anordnet, sondern den Lesenden wie bei einem Puzzle immer wieder einzelne Kapitel präsentiert, die nach und nach ein Bild davon ergeben, wie Owen überhaupt in New York gelandet und zu einem Einsiedler geworden ist.

Die Zeitsprünge bremsen manchmal die Sogwirkung beim Lesen, weil sie einen starken Bruch zu Max’ Erlebnissen darstellen. Sie bringen aber eine ganz andere Facette in den Roman, die neue und interessante Perspektiven eröffnet. Auch Auszüge aus Owens Kriegstagebuch aus Vietnam sind darunter. Es wimmelt aber von detaillierten Beschreibungen von Waffen und militärischem Gerät.

Verloren im Detail

Diese Ausschweifungen, die es in unterschiedlicher Form im Buch gibt, sind sicherlich eine Schwäche des Romans. Ich habe deshalb auch einige Absätze übersprungen, beispielsweise wenn es zu sehr in die Beschreibung fiktiver Kunstwerke ging oder um banale Details, die nicht zum Fortgang der Handlung beitrugen. Mit den großartigen Werken „4321 von Paul Auster oder „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanaghira kann das Buch daher nicht mithalten.

Dennoch: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ ist toll und ich habe größten Respekt vor Johan Harstadt und seiner vielseitigen Recherche in die unterschiedlichsten Richtungen. Seine ausführliche Beschreibung eines Schul-Theaterprojekts von Max und Mordecai hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich mir endlich den Klassiker „Warten auf Godot“ gekauft habe und zeitnah lesen werde.

Darüber hinaus lässt der Autor viele historische Meilensteine der jüngsten Jahrzehnte noch einmal aufleben: Neben dem Vietnamkrieg spielt der 11. September eine große Rolle oder die Zerstörungen, die der Hurrikan Sandy anrichtete. Und natürlich ist es ein großer Roman über Freundschaft, Liebe, Identität und die Herausforderungen des Lebens.

Es lohnt sich also, Max, Mischa und die Tet-Offensive” eine Chance zu geben. Das Buch hat mich intellektuell und emotional sehr bereichert. Auch das Ende ist rund- vor allem der letzte Satz schließt einen Kreis. Nachdem ich ihn gelesen hatte, begann ich, die ersten 70 Seiten noch einmal zu überfliegen. Mit dem Wissen, das ich jetzt hatte, war auch der Anfang zugänglicher. Die Geschichte von Max Hansen werde ich definitiv so schnell nicht vergessen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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