14. November 2017

Schmöker: “Ein Abend mit Stefanie Sargnagel”

Happy End für Stefanie Sargnagel

Stefanie Sargnagel ist erwachsen geworden. Ein bisschen zumindest. Statt tagelang verkatert zu sein und sich mit Minimal-Budget durchs Leben zu kämpfen, macht die 32-Jährige nun tatsächlich Sport, geht zur Psychotherapie und trägt an diesem Abend auf der Bühne ganz besondere Ohrringe: zwei Exemplare aus der Schmuckkollektion von Natascha Kampusch. “60 Euro haben sie gekostet”, erzählt sie. Das sei nun drin bei ihrem Erfolg und dem vielen Geld – also gemessen an ihren Verhältnissen. Von einem Leben mit Alkoholproblemen an der Wiener Kunstakademie hin zur erfolgreichen Autorin: “Das ist doch mal eine Geschichte mit Happy End”, resümiert sie zufrieden.

Selbstironisch, sarkastisch, politisch: Es ist ein riesiges Vergnügen, Stefanie Sargnagel dabei zuzuhören, wie sie im ausverkauften P8 in Karlsruhe unter anderem aus ihrem neuen Buch “Statusmeldungen” vorliest, gesellschaftliche Entwicklungen und sich selbst analysiert sowie von ihren Erfahrungen in einem Callcenter berichtet. Das hat Witz, Treffsicherheit und Intelligenz.

Extrem beliebt

Etwa 50.000 Follower hat die Künstlerin aus Österreich auf Facebook. 30 bis 40 Statusmeldungen schreibt sie dort durchschnittlich am Tag. “Ich bin extrem beliebt”, kommentiert sie und meint weiter: “Ich liebe das Internet, dort bekomme ich mehr Anerkennung als sonst in meinem Leben.”

Stefanie Sargnagel sitzt an diesem Abend gut gelaunt mit ihrem Markenzeichen, der roten Baskenmütze, auf der Bühne. Und geht nochmals zurück bis ins Jahr 2010, berichtet von ihren schrägen Erfahrungen aus ihrer Callcenter-Zeit, von absurden Anrufern, die beispielsweise irgendwelche Chinesen suchen oder die neue CD von Michelle wollen.

Links sozialisiert

Sie komme ja aus einer durchschnittlichen, bodenständigen Arbeiterfamilie in Österreich, “aus der Mitte der Gesellschaft, also Rechts”, erläutert sie dann. Niemand wisse genau, wie sie unter diesen Voraussetzungen eine linke Künstlerin werden konnte. “Aber wir respektieren uns gegenseitig.” Im Gymnasium sei sie so aber eine Außenseiterin gewesen. “Niemand sonst kannte die Hero Turtels und durfte Cola trinken”, erinnert sie sich.

Der Traum vom Hipster-Leben

Stefanie Sargnagel, die eigentlich Stefanie Sprengnagel heißt und unter ihrem Künstlernamen nun bereits fünf Bücher veröffentlicht hat, liebt das “liebevolle Bashing” von Gruppen – von Veganern, Fitnessfreaks und Hipstern. Doch das Alter und der Erfolg haben sie milder gestimmt, meint sie: “Ich habe nichts gegen eine eigene Altbau-Eigentumswohnung.” Gerne schaue sie sich Homestory-Blogs von erfolgreichen Kreativen an und träume davon, sich das selbst einmal leisten zu können. Sie wolle auch solch eine Wohnung: mit dunklem Nussparkett, orientalischem Teppich, Mac und “großen geschissenen Einmachgläsern”. Nur eines irritiere sie: In jeder Wohnung hängen die Nudelsiebe an der Wand. Warum?

Diverse Shitstorms musste sie in den vergangenen Jahren besonders für ihre politischen und FPÖ-kritischen Statements aushalten. Ihre Methode, um diesen Stress abzubauen: Battle-Raps für ihre Hater. Eine große Herausforderung dabei: politisch korrekte Texte. “Ich versuche ,Hure’ zu vermeiden sowie ,behindert’ und ,schwul’ – aber es ist nicht möglich.” Denn: Schimpfwörter entstehen auf der Straße und nicht im linken Diskurs, erklärt sie. Ein politisch korrektes Schimpfwort für sie: “Büro”.

Auch auf ihre Erfahrungen mit geflüchteten Menschen geht sie bei ihrer Lesung ein. Sie erzählt vom “Helfies”-Wahn, also den Selfies, die die Helfer gerne machten, um ihre Engagement in den sozialen Netzwerken zu demonstrieren, von Magen-Darm-Problemen durch “verseuchte Erdnüsse” und wie sie mit einer Freundin Geflüchtete mit dem Auto von Ungarn nach Österreich brachte.

Ein Herz für Männer

Vor einem Jahr trat Stefanie Sargnagel außerdem der Burschenschaft “Hysteria” bei. Eine Vereinigung, die für das Matriarchat kämpft. “Wir sind aber nicht für den Feminismus, denn der steht ja für die Gleichberechtigung.” Das sei keine gute Idee, das sei zu wenig.

“Wir sind keine frustrierten Männerhasser”, betont sie aber. Vielmehr wolle die Hysteria das “schwache Geschlecht” beschützen. “Männer erleiden schließlich früher Herz-Kreislauf-Erkrankungen –  wegen des vielen Stress’ und der gesamten Verantwortung.” Männer brauchen Hilfe.

Sie spüre sich selbst nun viel mehr, seit sie ihr gradliniges Leben mit weniger Alkohol führe, sagt Stefanie Sargnagel dann gegen Ende. “Das ist echt super und tut gut”. Seit sie in fast jeder Situation nüchtern sei, spüre sie ihre Bedürfnisse erst richtig und zwar: “Wie gern ich eigentlich zu bin.”

Es war ein toller Abend mit Stefanie Sargnagel.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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