21. Oktober 2018

Fernweh: Illustres Island, Teil 2 – von Elfen und Fjorden, der Osten

Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! Du bist so schön!

WOW!

Lavafelder, Gletscher, Fjorde. Die Autofahrt auf der Ringstraße vom Süden in den Osten Islands ist ein Spektakel. Stopp. Stopp. Stopp. Wir müssen sofort anhalten! Sofort. Immer wieder fällt an diesem fünften Tag dieser Satz. Es hat tatsächlich etwas Paradiesisches, als an diesem Sommerabend die Sonne langsam untergeht und die Berge und Seen in den wärmsten, herrlichsten Farben strahlen. Ein ganz besonderer Anblick.

Es geht weiter in den Osten Islands!

Schon relativ früh am Morgen haben wir in unserer Unterkunft im Süden ausgecheckt. Es steht viel auf dem Plan an diesem Tag. Von Selfoss soll es zu unserer nächsten Airbnb-Unterkunft gehen, sie liegt in dem Mini-Dörfchen Stöðvarfjörður. Lediglich 200 Menschen leben dort, und es gibt weder Einkaufsmöglichkeiten noch besondere Sehenswürdigkeiten. Aber wir können von Stöðvarfjörður gut den Osten erkunden und bezahlen für unser Zimmer in der Einliegerwohnung einer isländischen Familie knapp 100 Euro pro Nacht. Das ist verhältnismäßig günstig für den nur dünn besiedelten Teil Islands.

Ein Traum: die Gletscherseelagune Jökulsárlón

So haben wir aber knapp 600 Kilometer mit dem Auto vor uns – plus einem Stopp an der Gletscherseelagune Jökulsárlón. Für mich ein ganz besonderer Halt. Denn am Südrand des Vulkans Vatnajökull schwimmen auf einem See Eisberge, die in den herrlichsten Farben schimmern und glitzern. Außerdem sind sie wegen der Vulkanasche an vielen Stellen pechschwarz. Eine Kombination, die zunächst irritiert, aber auch fasziniert.

Als wir am späten Nachmittag an der Gletscherseelagune ankommen, sehe ich schon von Weitem die riesigen Eisberge auf dem Wasser treiben. Manche hat es bereits ans Ufer des schwarzen Strandes gespült, dort liegen sie nun, wie gestrandete Wale, die sich nach und nach auflösen, eins mit dem Meer werden.

Der Klimawandel macht auch vor dieser Naturschönheit nicht halt. War der See 1975 nur knapp acht Quadratkilometer groß, hat die Schmelze des Gletschers dazu geführt, dass er inzwischen auf 18 Quadratkilometer gewachsen ist – ein Ende ist nicht erreicht.

Über den Anbieter „Guide to Iceland“ haben wir bereits Tage vorher eine Fahrt mit dem Boot durch die Lagune gebucht. 30 Minuten dauert sie und kostet je nach Termin ab 40 Euro aufwärts.

Es lohnt sich. Eine engagierte Dame gibt jedem von uns ein Stückchen kristallklares Eis in die Hand und erzählt uns Wissenswertes zur Gletscherseelagune. „Hier fanden vor einigen Jahren die Dreharbeiten für einen James-Bond-Film statt“, verrät sie uns stolz. Und für „Walter Mitty“, den Blockbuster mit Ben Stiller, fügt sie hinzu. Paradoxerweise standen bei letzterem Film die Schauspieler und Kameramenschen aber nicht an der Gletscherseelagune, sondern an einem Fußballfeld daneben – das dann im Film in Afghanistan ist. Verdrehte Welt.

Der Weg ist das Ziel

Wir müssen weiter. Bis nach Stöðvarfjörður ist es noch ein Stück – und es ist bereits 17 Uhr. Aber je länger wir auf der Ringstraße fahren und je tiefer die Sonne steht, desto mehr werden wir von Islands Schönheit überwältigt. Auf dieser Teilstrecke gilt tatsächlich: Der Weg ist das Ziel. Das Ankommen rückt in den Hintergrund, jede einzelne Sekunde auf der Ringstraße ist ein Erlebnis. Gegen 20 Uhr, irgendwo zwischen Djúpivogu und Breiðdalsvík, zeigt sich hinter einer Kurve plötzlich solch ein wunderbarer Anblick, dass wir dort spontan einen Zwischenstopp einlegen. Es ist so unendlich schön.

Wie auf der Kirmes: der Weg nach Mjóifjörður

Mjóifjörður. Unsere abenteuerliche Reise zu dem abgelegenen Fjord im Osten von Island beginnt am nächsten Morgen. Schon als ich den Reiseführer nach dem Frühstück nochmals kurz lese, muss ich nachdenken:

„Die ungeteerte Straße verlangt einem normalen Pkw einiges ab. Aber wer sich durchkämpft, dem eröffnet sich ein Blick auf üppig grüne Berge mit faszinierenden Ruinen und auf Schwärme von Zuchtfischen im eisigen Fjordwasser.“

Bekommen wir das hin? Bereits am Abend davor hatten wir uns mit dem kleinen Peugeot im Schneckentempo über Schotterpisten gekämpft. Sie tauchen im Osten Islands abseits der Ringstraße ständig auf. Maximal Tempo 50 ist dann erlaubt – schneller wäre auch ein Abenteuer. Durch den ungeteerten Untergrund wackelt es wie wild im Auto, und die kleinen Kieselsteine haut es im Sekundentakt gegen die Karosserie. Einmal durchschütteln, bitte.

Die Neugierde siegt. Der Wunsch nach einem Fleckchen nahezu unberührter Natur schlägt jeglichen Zweifel. Doch Zweifel sind widerspenstig, kehren in Windeseile zurück. Als wir mit dem Auto die Ringstraße verlassen, um zum Fjord zu gelangen, zeigt unser Navi für 20 Kilometer knapp 40 Minuten Fahrtzeit an. Irritation. So lange?

Warum?

Es macht klick, als ich sehe, dass sich die asphaltierte Straße auf dem Weg nach Mjóifjörður in einen ungeteerten Feldweg verwandelt, einspurig wird. Es schüttelt und rüttelt uns im Auto völlig durch. Herrje, was ist denn da los. Das wird aber jetzt doch keine 20 Kilometer so gehen.

Doch.

Von hier an blind

Je weiter wir fahren, desto mehr dämmert mir, dass das Schlimmste noch vor uns liegt. Wir müssen einen Berg hoch, dann wieder runter und Nebel zieht plötzlich blitzartig auf, umdrehen: unmöglich. So kurven wir im Schneckentempo die Strecke ab, nahezu blind, unsere Sicht: maximal fünf Meter weit. Alles ist grau. Einzig die neongelben Pfeiler am Straßenrand geben uns Orientierung. Sie sind unsere einzige Sicherheit, links und rechts von ihnen geht es steil bergab, ohne jegliche Absicherung. Mein Herz rast.

Ein Wal!

Da meine Urlaubsbegleitung zum Glück stählerne Nerven hat, kommen wir nach etwa 40 Minuten in dem Mini-Örtchen unversehrt an. Es gibt dort nur etwa 15 Häuschen, eine kleine Kirche und ein Café, in dem es nach Waffeln duftet. Alte Landwirtschaftsgeräte stehen im Nieselregen, Hunde springen frei herum und ein altes Schiffswrack rostet vor sich hin. Wir spazieren durch die Natur und als ich gegen später alleine abseits der geteerten Straße im Nirwana herumstolpere, am Wasser entlang, ohne irgendetwas zu erwarten, da passiert es plötzlich: Ein Wal taucht auf. Er ist plötzlich da, wieder weg, wieder da. Es ist wunderbar. Allein dieser Anblick entschädigt für alles. Ein Wal, nur für mich. Ohne Massentourismus-Boote, für die das Whale-Watching eine Goldgrube ist.

Wie im Märchen: Seyðisfjörður

Die Fahrt zurück auf die Ringstraße fordert uns nochmals alles ab. Wir möchten an diesem Tag aber noch ein Stück weiter: nach Seyðisfjörður. Für mich einer der schönsten Orte in Island. Ganz viele bunte Häuschen stehen dort und Regenbogen-Streifen sind auf die Straße gepinselt. Schneebedeckte Bergen umrahmen den Ort, kleine und größere Wasserfälle bahnen sich ihren Weg. Es hat etwas Märchenhaftes, ja, etwas Zauberhaftes. Aber auch Mythisches, denn Seyðisfjörður ist an diesem Tag in einen Grauschleier gehüllt. Die bunten Anstriche sind wie dringend notwendige Farbtupfer, die die Tristesse aufbrechen.

In Seyðisfjörður leben viele Künstler – es wirkt so, als hätten sich dort alle übrigen Kreativen versammelt, die nicht in Reykjavik malen, schreiben oder werkeln. Als wir in einer Kneipe einen Tee trinken, sehen die anderen Besucher so aus, als wären sie gerade mit der Fähre aus einem hippen Viertel aus Berlin, Paris oder London angekommen. Seyðisfjörður ist wunderbar, aber der permanent anhaltende Nieselregen, das Grau, es würde mich auf Dauer fertigmachen. Wir fahren zurück in unsere Unterkunft.

Borgafjörður Eystri: den Elfen auf der Spur!

Mit Mystik geht es am nächsten Tag weiter. Mehr als 90 Prozent aller Isländer glauben an Elfen, zeitweise gab es im isländischen Bauamt sogar einen Elfenbeauftragen für das unsichtbare Volk. Uns zieht es deshalb am nächsten Tag nach Borgafjörður Eystri, dort liegt am Ortsrand „Alfaborg“, die Elfenburg. Sie soll die Elfenkönigin mit ihrem Hofstaat beherbergen. Wir spazieren den Mini-Hügel nach oben und haben von dort aus einen Überblick über Borgafjörður Eystri.

Kann man gesehen haben, muss man aber nicht

Doch da es an diesem Tag wieder sehr verregnet und grau ist, überzeugt die Aussicht nur wenig. Außer Steinen und Gras gibt es nichts auf dem Hügel. Auch unser Spaziergang zu einem weiteren Elfen-Punkt mitten in einem Feld entpuppt sich als vollkommen sinnfrei. Weder ist der Weg dorthin besonders schön, noch der Endpunkt spannend. Es ist einfach ein beliebiger Punkt in der Einöde – bei Nieselregen. Wer Island mit nur wenig Zeit erkundet, kann um Borgafjörður Eystri einen Bogen machen. Einzig der Karottenkuchen, den wir uns für zehn Euro in einem Café gönnen, ist tatsächlich ein Traum. Nun geht es weiter, Richtung Norden, in ein ganz besonderes Guesthouse…..

Die Fortsetzung zum Norden Islands folgt. Der erste Teil ist über den Süden Islands.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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