15. September 2018

Fernweh: Illustres Island – Teil 1, der Süden

Beamen wäre auch okay!

Es gab bislang wenige Momente in meinem Leben, in denen ich das Gefühl hatte, dass nur noch beten hilft. Auf dem Weg nach Mjóifjörður, einem abgelegenen Fjord im Osten von Island, ist aber nur ein einziger Gedanke in meinem Kopf: Wenn es irgendwo da draußen eine übermächtige Kraft gibt, wäre es supernett, wenn sie uns ohne Katastrophen wieder zur Unterkunft bringt. Supernett, wirklich. Beamen wäre auch okay.

Schon die Beschreibung im Reiseführer hätte uns eigentlich stutzig machen sollen: „Die ungeteerte Straße verlangt einem normalen Pkw einiges ab. Aber wer sich durchkämpft, dem eröffnet sich ein Blick auf üppig grüne Berge mit faszinierenden Ruinen und auf Schwärme von Zuchtfischen im eisigen Fjordwasser.“ Wale sind dort auch zu entdecken, heißt es einige Sätze weiter.

Super, denke ich zunächst an diesem Morgen, unserem siebten Tag in Island.

Wale. Und grüne Berge.

Das wird schon passen mit der ungeteerten Straße. Wir haben ja extra eine Auto-Zusatzversicherung gegen Steinschlag abgeschlossen.

Los gehts.

Dass wir uns mit dem kleinen Peugeot eine halbe Stunde später im dichtesten Nebel auf einer unbefestigten und einspurigen Serpentinenstraße einen Berg zunächst hinauf, dann hinunter kämpfen müssen, nein, damit rechnen wir nicht. Der Abgrund nun neben uns: nicht mal einen Meter entfernt. Etwa 25 Kilometer liegen vor uns – nur die gelb leuchtenden Pfosten am Rand geben uns Orientierung. Umdrehen: einfach nicht möglich. Ein Adrenalinschub jagt den nächsten.

Aber erstmal zurück zu Tag 1 – und alles in der richtigen Reihenfolge.

Hallo Reykjavik

Es scheint die Sonne, als wir sieben Tage zuvor in Reykjavik landen – es ist ein wunderschöner isländischer Sommertag. Während eine Hitzewelle gerade Deutschland überrollt, empfangen uns angenehme 18 Grad. Wir haben uns für einen Flug mit der „WOW“-Airline von Frankfurt aus entschieden – und etwa 330 Euro für den Hin- und Rückflug bezahlt.

Gravel protection!

Den Mietwagen haben wir über den Anbieter „Guide to Iceland“ gebucht. Wichtig ist es bei der Wahl der Versicherung an folgende Kriterien zu denken: an eine unbegrenzte Kilometeranzahl, an die Versicherung des zweiten Fahrers und an mindestens eine Teilkasko. Außerdem ganz wichtig für Touren durch Island: der Schutz vor Steinschlag (gravel protection). Denn außer der Hauptstraße, der Ringstraße, sind in Island nur wenige Straßen in einem guten Zustand. Kleine Kieselsteine schlagen deshalb ständig beim Fahren gegen die Autos und sorgen für Kratzer im Lack.

Eine Begegnung der etwas anderen Art

Da wir erst um 20.30 Uhr in Reykjavik landen, haben wir uns entschlossen, die erste Nacht in der Nähe des Flughafens zu verbringen. Über Airbnb haben wir uns bei Hildur im Haus ein Zimmer gemietet. Die Übernachtung kostet für uns zusammen 89,00 Euro, ein Schnäppchen für Island-Verhältnisse. Mit inbegriffen ist jedoch Smalltalk mit Hildurs Mann, der am nächsten Morgen alleine in der Wohnung verweilt und Langweile hat – und auch seinen Hund nicht stoppt, als er anfängt, meinen Koffer zu durchwühlen und eine sabbernde Vorliebe für Selbstgestricktes offenbart. Mit großer Freude trägt er mein Stirnband und meinen Schal durch das ganze Haus spazieren.

Aber es ist hübsch in Hildurs Haus, sauber und wir dürfen uns auch noch ein Käse-Brot für die Fahrt nach Selfoss richten.
Infos zum Zimmer.

Bonus: Unser Lieblingsdiscounter in Island

In Island ist alles teuer. Allein die Unterkünfte und der Mietwagen haben uns schon im Vorfeld ein kleines Vermögen gekostet. Zum Glück gibt es „Bonus“, die isländische Aldi-Version. Ein rosa Schweinchen ziert das Logo des Discounters. Da wir beim Buchen unserer Zimmer darauf geachtet haben, eine Kochmöglichkeit zu haben, packen wir nun unseren Kofferraum voll – mit Kartoffeln, Karotten, Avocados, Eiern, Brot und Käse. Für den ersten Großeinkauf bezahlen wir rund 80 Euro, können davon aber auch knapp vier Tage lang Frühstück und Abendessen machen. Wein haben wir uns im Dutyfree-Shop gekauft – die Preise beginnen bei zehn Euro pro Flasche.

Wohnen inmitten der Natur

Entlang an Lupinen- und Lavafeldern: Wir haben uns entschlossen, Island gegen den Uhrzeiger-Sinn zu erkunden – also fahren wir auf der wunderschönen Ringstraße zunächst in den Süden. Unser erster Stopp: das Städtchen Selfoss. Dort haben wir vier Nächte lang ein kleines Appartement mitten in der Natur. Myris Guesthouse. Eine unserer schönsten Unterkünfte. Die Pferdekoppel ist direkt hinter unserem kleinen Container, die Aussicht auf die Vulkane ist beeindruckend und an sonnigen Tagen fühlt es sich so an, als seien wir dem strahlendblauen Himmel ganz nah.
Infos zu Myris Guesthouse

Selfoss an sich ist nicht besonders sehenswert. Aber von dort aus können wir den Süden wunderbar erkunden. Außerdem gibt es einige kleine Fischerdörfchen in der Nähe, die wir uns noch an diesem zweiten Tag anschauen. „Die Blaue Lagune“, eine der beliebtesten Attraktionen im Süden, meiden wir. Die Eintrittspreise und der Touristenandrang schrecken uns ab. Stattdessen wollen wir uns Hot Pots in der Natur suchen. Ruhe.

The Golden Circle

Am dritten Tag heißt es aber zunächst: „Golden Circle“. Dahinter steckt eine Route, die drei Sehenswürdigkeiten im Süden verbindet: den Nationalpark Pingvellir, den Wasserfall Gulfoss und die Springquelle Geysir. Es ist problemlos möglich, die Strecke an einem Tag abzufahren. Wir entscheiden uns, mit Pingvellir zu beginnen.

Pingvellir – zwei Platten driften auseinander 
Der Nationalpark Pingvellir ist voller entrückter Schönheit und die bedeutenste historische Stätte Islands. Die Wikinger haben dort 930 nach Christus das erste demokratische Parlament geschaffen. Außerdem treffen im Nationalpark die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte aufeinander – und driften auseinander. Die Folge: Zahlreiche Seen, Flüsse und Spalten sind entstanden. Wir spazieren etwa zwei Stunden durch den hübschen Nationalpark, dann geht es weiter zur Springquelle Geysir.

Geysir – der Namensgeber aller Springquellen 
Wummmm. Etwa alle fünf Minuten schießt eine riesige Wasserfontäne aus dem Boden, meterhoch. Und: Es stinkt sehr nach Schwefel. Die beiden Springquellen Geysir und Stokkur liegen nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Während Geysir, der Namensgeber aller Springquellen, 80 Meter hohe Fontänen spucken kann, aber inzwischen sehr altersmüde und unberechenbar ist, macht Stokkur noch kräftig Action. In kurzen Abständen sprudelt Wasser aus dem Loch in die Luft – zwischen 15 und 30 Meter hoch. Wir sitzen auf einer kleinen Anhöhe und beobachten mit Freude das kostenlose Naturtreiben.

Verliebt in Gulfoss
Was für ein Spektakel! Aus 32 Metern Höhe stürzen riesige Wassermassen hinunter, feiner Sprühnebel verteilt sich. Gulfoss ist der berühmteste Wasserfall in Island – und ihn anzuschauen, ist eine Wucht. Wer Glück hat und ihn bei Sonnenschein sehen kann, erlebt, wie sich der Sprühnebel in einen Regenbogen verwandelt. Wir haben leider ein wenig Pech, als wir dort ankommen, hat sich das schöne Wetter verabschiedet, aber der Wasserfall ist unfassbar sehenswert.

Alles in allem, ist der „Golden Circle“ ein toller Island-Einstieg. Es gibt zwar verhältnismäßig viele Touristen, aber weder Warteschlangen noch Gedränge. Es verteilt sich alles sehr angenehm.

Einen kurzen Stopp machen wir dann noch beim Kerio-Kratersee. Er sieht schön aus, aber an diesem Tag ist mein Kopf bereits so voll mit Eindrücken, dass ich ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit schenken kann.

Seljalandsfoss – ein Blick hinter den Wasserfall

Mit einem weiteren Wasserfall geht es am nächsten Tag weiter. Seljalandsfoss liegt weiter südlich direkt an der Ringstraße. Er glitzert schon von Weitem. Das Besondere an ihm: Ein kleiner Weg führt hinter den Wasserfall, so können wir von einer ganz anderen Perspektive beobachten, wie die Wassermassen von einem Felsen in einen grünen Teich stürzen.

Hi Eyjafjallajökull, schon viel von Ihnen gehört!

Kurz danach kommen wir auf der Ringstraße am Gebiet südlich des Vulkans Eyjafjallajökull vorbei. Er sorgte 2010 mit seinem Ausbruch und den Aschewolken dafür, dass der Flugverkehr mehrere Tage lahm gelegt war. Nachrichtensprecher zeigten beim Aussprechen seines Namens eine große Fantasie.

 

Zeitreise: Das Heimatmuseum „Skógar“

Nicht weit weg von Seljalandsfoss entfernt, liegt außerdem das Heimatmuseum „Skógar“. Dort gibt es alles rund um das isländische Leben – wie haben die Menschen vor Jahrhunderten gelebt? Wie sahen die Schulen damals aus, wie die Kirche? Wo haben die Isländer geschlafen, mit was sich ihren Lebensunterhalt verdient. All das erfahren wir in dem Freilichtmuseum, in dem mehrere Gebäude im ursprünglichen Stil nachgebaut sind.

Vik í Mýrdal – ein wunderschöner schwarzer Strand

An diesem Tag steht als Abschluss noch Vik í Mýrdal auf dem Programm. Dort gibt es mit dem Reynisfjara einen ganz besonderen Strand: einen pechschwarzen. Die Asche von früheren Vulkanausbrüchen haben ihm diese Farbe gegeben. Es ist traumhaft schön dort – die Sonne scheint, das Wasser funkelt, der schwarze Sand glänzt. Außerdem befindet sich an der Küste die Felsformation Reynisdrangar. Laut einer Saga wollten drei Trolle drei große Schiffe an den Strand schleppen. Dabei wurden sie jedoch von der Sonne überrascht – und in Stein verwandelt.

Der Ausflug von Selfoss nach Vik í Mýrdal ist deshalb so besonders, weil sich die Natur entlang der Ringstraße ständig verändert, allein im Auto zu sitzen, den Blick nach vorne oder nach rechts und links zu richten, genügt schon. Die Weite, die lilafarbenen Lupinen, der blaue Himmel. Es ist wunderschön.

Tschüss Sonne, hallo Hot Pot

Als wir am nächsten Tag aufwachen, hat sich die Sonne verzogen, es regnet in Strömen. Was tun? Wir entscheiden uns, zum Hot Pot nach Hrunalaug zu fahren. Er liegt versteckt hinter Hügeln. Und wüssten wir nicht, dass es ihn gibt, wären wir niemals zufällig darauf gestoßen. Wir verlassen die Ringstraße, kurven eine Weile auf Schotterpisten umher und sind dann da.

Nur eine Dame steht vor dem Hügel und möchte umgerechnet zehn Euro für das Parken und das Baden. Aber im Vergleich zu anderen Eintrittspreisen, ist das günstig. Alles ist provisorisch dort, in einem minikleinen Hüttchen können wir unsere Regenjacken, Pullis und Hosen ausziehen. Dann geht es rein in das heiße Naturbecken. Nur zwei Amerikaner sind noch da, zwei Weltenbummler aus Boston, sehr offene und nette Herren. Mit ihnen verbringen wir den Nachmittag dort – den Kopf im Regen, den restlichen Körper im warmen Wasser, die Aussicht: grüne Berge, sonst nichts. Es gibt wohl kaum etwas Entspannenderes.

….Fortsetzung folgt.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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