8. Januar 2017

Schmöker: „The Girls“ von Emma Cline

Mehr als ein Psychothriller

Suzanne trägt ein schmutziges und äußert kurzes Kittelkleid, als Evi sie zum ersten Mal im Park sieht. Die Faszination ist sofort da. Als sich ihre Blicke treffen, die schwarzhaarige Suzanne lächelt, beginnt Evis Herz zu hüpfen, die Luft schichtet sich um. Es ist der Beginn einer Verbindung, die Evis eintöniges Leben in einen Strudel reißt – voller Sex, Drogen und Gewalt.

„The Girls“ spielt in Kalifornien im Jahr 1969. Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Evi, die durch die wilde Suzanne schließlich in eine Hippie-Kommune gerät, deren Anführer Russell an Charles Manson erinnert. Er setzt minderjährige Mädchen unter Drogen, verleitet sie dazu, Morde zu begehen.

Allein diese Beschreibung hätte mich nicht dazu bewegt, „The Girls“ von Emma Cline zu lesen. Aber der Debütroman der Amerikanerin ist keineswegs ein stupider Psychothriller. Er ist vielmehr ein Psychogramm, das zeigt, was einen scheinbar gewöhnlichen Teenager dazu bringt, freiwillig die Nähe zu solch einer Sekte zu suchen – und dort auch bleibt. Außerdem ist „The Girls“ sprachlich eindrucksvoll.

Vernachlässigt und unsichtbar

Evi erzählt als Erwachsene selbst ihre Geschichte, sie blickt zurück auf die Zeit, als sie mit 14-Jahren verloren in ihrem Alltag umher irrte. Ihre Eltern sind geschieden, ihre einzige Freundin distanziert sich von ihr, Evi fühlt sich vernachlässigt, unsichtbar – bis Suzanne sie im Park bewusst anlächelt, sie in ihren Bann zieht und über jegliche Grenzen schreiten lässt.

„Diese langhaarigen Mädchen schienen über allem zu schweben, was um sie herum geschah. Tragisch und abgehoben. Wie Fürstinnen im Exil. Ich musterte die Mädchen mit schamlosem, unverhohlenem Glotzen. Etwas von einer anderen Welt umgab sie. Sie bewegten sich in einem unbehaglichen Grenzbereich zwischen Schönheit und Hässlichkeit und ein Schauer gesteigerter Aufmerksamkeit folgte ihnen durch den Park.“

Interessante Kombination

Emma Cline schafft es, dass man als Leser einen Zugang zu Evi bekommt, ihr Verhalten in all seiner Irrationalität versteht, es logisch, erklärbar findet. Die Spannung steigert sich kontinuierlich von Seite zu Seite – bis zum blutigen Ende. Letztlich ist dieses aber nicht entscheidend. Immer wieder hing ich beim Lesen an einzelnen Sätzen wie:

„Die Einsamkeit, an der ich mich überfressen konnte wie an den Salzcrackers, die ich packungslos verdrückte, weil ich die Natriumschärfe in meinem Mund genoss.“

oder:

„Ich dachte, jemanden zu lieben fungiere als eine Art Schutzmechanismus, als begreife der geliebte Mensch das Ausmaß und die Intensität der ihm entgegengebrachten Gefühle und verhielt sich entsprechend. Das erschien mir fair, als wäre Fairness ein Maßstab, der das Universum auch nur im Geringsten interessierte.“

„The Girls“ ist ein kluges, unterhaltsames Buch, das Spannung, die Liebe zur Sprache und Psychologisches miteinander verbindet, eine interessante Kombination.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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