12. Juli 2018

Heimat: “Ein Nachmittag mit den Werken von Sean Scully in der Kunsthalle Karlsruhe”

© Liliane Tomasko

Streifen, vertikal und horizontal, in leuchtenden Farben!

Minen treiben im Wasser, das Schiff kommt vom Kurs ab. Als Sean Scully im Alter von vier Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit seiner Familie von Irland nach England übersiedelt, drohte große Gefahr. Tief haben sich diese stürmischen Erinnerungen in seinem Kopf festgesetzt – in seiner Reihe „Passenger“ hat er sie verarbeitet.

Das Besondere: Jedes einzelne Gemälde der „Passenger“-Reihe hat ein Inset. Das heißt, ein kleines Bild ist in ein größeres integriert, ja, noch mehr: geborgen. Es ist eine Anlehnung, wie ihn seine Mutter damals als „precious“, als kostbare Fracht, auf dem Schiff beschützte.

Passenger Night

Ein Bild aus der Serie, „Passenger Night“, ist noch bis zum 5. August anlässlich der Ausstellung „Vita Duplex“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen – sowie weitere etwa 130 Arbeiten des Künstlers. Darunter Öl- und Acrylgemälde, Pastelle, Aquarelle, Zeichnungen, Skizzenbücher und Fotografien.

Premieren!

Es ist das erste Mal, dass die Kunsthalle Karlsruhe im Durm-Flügel Werke eines zeitgenössischen Künstlers ausstellt. Außerdem bezieht „Vita Duplex“ die Sprachbegabung des Künstlers mit ein. Zitate von Sean Scully stehen neben seinen Werken, seine Publikation „Inner“, die Vorträge, Essays und Interviews von ihm enthält, wurde für die Ausstellung extra ins Deutsche übersetzt. „Vita Duplex“ ist außerdem eine Kooperation mit dem LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster, das die Schau ab März 2019 zeigt.

Vielmehr als nur Linien und Schichten

„…nichts ist abstrakt: Es ist immer noch ein Selbstbildnis…“ steht gleich zu Beginn der Ausstellung an der Wand. Für den 72-Jährigen ist Abstraktion nicht nur die kühle Auseinandersetzung mit Formen, Fläche und Farbe, sondern die bedeutungsvolle Reaktion auf das Leben, gefüllt von Erfahrung und Emotionen.

Horizontale und Gitter setzte Sean Scully zum ersten Mal Anfang der 1970er Jahre ein. Die Gitter entstanden im englischen Newcastle als Reflex auf das Schaffen von Piet Mondrian und die Stahlsklettkonstruktionen der Brücken, die den dortigen Fluss Tyne überspannten. Sie sind für ihn außerdem die binäre Struktur der Moderne, dessen Strenge er durch die Malerei zu humanisieren versucht.

Als Sean Scully 1974 von England in die USA zieht, drücken die vertikalen und horizontalen Linien seine innerliche Spannung aus: Er fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem modernen Gitter von New York und der Weite des gesamten Landes.

Overlay 2 © Sean Scully, Courtesy of the artist

Das Zusammenspiel von Polen

Der Titel „Vita Duplex“ (Doppelleben) zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ausstellung, Dualität taucht in ganz verschiedenen Ebenen auf: Für Sean Scully ergibt sich – in Anlehnung an den Schriftsteller William Butlers Yeats – Kunst aus dem Widerstreit von Licht und Dunkel, von Körper und Geist, von Oberfläche und Innenleben, von Impulsivität und Reflektion, von Gefühl und Verstand. Kein Geist bringt für ihn etwas hervor, bevor er nicht zweigeteilt ist. Ein Bruch in der Identität kann durch das Kunstschaffen überwunden werden – noch mehr: Ein Bruch erzeugt oft erst die nötige Dringlichkeit, die für das Schaffen notwendig ist.

Vita Duplex © Sean Scully, Courtesy of the artist

Nicht lässt sich ungeschehen machen

„Vita Duplex“ ist auch der Titel eines seiner Hauptwerke, die in Karlsruhe zu sehen sind. Es entstand im Jahr 1993, ein großes Leinwandbild im Maße von 254 x 330 Zentimetern. Vertikale und horizontale Streifen in Grau und Schwarz strahlen von Weitem Ordnung, Klarheit und Dominanz aus. Gestört wird diese Ruhe durch Quadrate in Ocker und Blau, bei näherer Betrachtung wird außerdem deutlich, dass die Geometrie gebrochen ist, und die Oberfläche verschiedene Tönungen hat. Schwarz war beispielsweise ursprünglich Grün, Sean Scully hatte Abschabungen vorgenommen, Reste blieben übrig. „Was geschieht, lässt sich nicht ungeschehen machen“, hält er dazu fest.

Arles-Nacht-Vincent © Sean Scully, Courtesy of the artist

Inspirationen!

Zahlreiche Künstler beeinflussen Sean Scullys Schaffen. Darunter Simon Beckett und Vincent van Gogh. Sein Werk „The Bather“ ist außerdem eine Hommage an Henri Matiss’ Gemälde „Badende am Fluss“. Das Grün und Blau von “The Bather” lösen Natur-Assoziationen aus, das Grün lässt an einen Garten denken, Blau an Wasser. Ein vorstehender Teil ist außerdem in Orangetönen gehalten, es scheint, als würde er aus der Komposition heraustreten. Das Werk strahlt so eine ausgelassene Verrücktheit aus, bedient Verstand und Gefühl.

The Bather

Viel mehr als Offensichtliche!

„Vita Duplex“ verblüfft nicht etwa beim schnellen Durchgehen, sondern entfaltet erst durch Erklärungen und Hintergrundwissen richtiges Staunen. Eine Führung oder einen Audio Guide kann ich deshalb sehr empfehlen. Zu wissen, welche Intentionen und Geschichten hinter den Werken stehen, welche Emotionen und Gedanken des Künstlers hinter den Streifen und aufeinanderlagernden Schichten liegen, ließen mich immer erstaunen – und nochmals genauer hinsehen. Nichts ist abstrakt. Ich kann Sean Scully hier nur zustimmen.

Anmerkung: Bei diesem Artikel handelt es sich um eine bezahlte Kooperation mit der Kunsthalle Karlsruhe – ich konnte aber völlig frei schreiben, die Kunsthalle wollte den Text vor der Veröffentlichung nicht sehen.

Infos zur Kunsthalle:
Adresse: Hans-Thoma-Straße 2-6
76133 Karlsruhe

Öffnungszeiten: 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen.
Öffentliche Führungen: sonntags 15 Uhr.
Weitere Infos: kunsthalle-karlsruhe.de

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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