12. August 2018

Schmöker: “Wer die Nachtigall stört” von Harper Lee

Ein wunderbares Buch!

Bereits nach wenigen Sätzen wusste ich: „Wer die Nachtigall stört“ ist ein Buch, das ich über alles lieben werde, das mich bewegen, berühren und mein Denken beeinflussen wird.

Dieses erste Gefühl täuschte mich nicht. Als ich den Klassiker von Harper Lee am Ende zuschlug, saß ich auf meiner Couch und war einfach nur erfüllt von dieser Schönheit, die in Worten, gedruckt auf Papier, zu mir gefunden hatte.

Plädoyer für Menschlichkeit und Zivilcourage

Klug, warmherzig und voller toller Werte: Harper Lee hat mit „Wer die Nachtigall stört“ einen Roman geschaffen, der auf ganz verschiedenen Ebenen funktioniert. Er ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Zivilcourage, er wirft Fragen auf, wie gerecht und fair ein Rechtssystem sein kann, und er verdeutlicht anhand der fiktiven Stadt Maycomb die typischen Strukturen der Südstaaten in den 1930er-Jahre – die erschreckend ähnlich zu den heutigen sind. Fremdes wird abgelehnt, Veränderungen werden sehr skeptisch betrachtet und lösen zunächst große Ängste aus. Es ist kaum verwunderlich, dass Donald Trump besonders in dieser Region so viele Anhänger hat.

Vertrauen und Respekt

„Wer die Nachtigall stört“ wird aus der Sicht von Scout erzählt. Sie ist zu Beginn der Handlung acht Jahre alt und ein Wildfang. Scout trägt lieber Hosen als Kleidchen und hängt meistens mit ihrem vier Jahre älteren Bruder Jem ab und ihrem gemeinsamen Freund Dill, der immer in den Sommerferien nach Maycomb kommt. Gemeinsam treiben sie allerhand Schaberschnack und halten die Nachbarschaft auf Trab.

Scout und Jem wachsen ohne ihre Mutter auf, die verstarb, als Scout zwei und Jem sechs Jahre alt waren. Ihr Vater, Atticus, ist ein angesehener Anwalt in dem kleinen Städtchen. Auch seine Kinder behandelt er auf sehr respektvolle und gleichberechtigte Weise – was sich unter anderem darin zeigt, dass er Scout und Jem nie einfach etwas vorsetzt oder verbietet, sondern ihnen Dinge erklärt und sie ihn stets mit Vornamen ansprechen. Atticus vermittelt seinen Kindern immer wieder, wie wichtig es im Leben ist, Rücksicht zu nehmen, anderen zu helfen und Empathie zu zeigen.

„Man kann einen anderen nur richtig verstehen, wenn man in seine Haut steigt und darin herumläuft.“

Atticus hat nun die Aufgabe, den dunkelhäutigen Tom Robinson zu verteidigen, der eine junge, weiße Frau vergewaltigt haben soll. Die Menschen in Maycomb sind in Aufruhr, Atticus wird bedroht, der Gerichtsprozess wird zum großen Spektakel, der die eingefahrenen Denkmuster der Südstaatler aufzeigt und große Emotionen auslöst. Jem, Dill und Scout schleichen sich in den Gerichtssaal und bekommen ein Schauspiel zu sehen, das ihnen viel von ihrer kindlichen Naivität nimmt.

Wertevermittlung auf liebevolle Art

Trotz dieses schweren Themas ist „Wer die Nachtigall stört“ unglaublich liebevoll und leicht zu lesen. Harper Lee schreibt unverschnörkelt, klar und sehr angenehm. Außerdem blitzen durch ihre liebenswürdigen und schrägen Charaktere immer wieder humorvolle und überraschende Elemente durch. Dadurch kommt ihr Appell nach Moral und Wertebewusstsein nie mit einem erhobenen Zeigefinger daher, sondern reiht sich völlig selbstverständlich in das Geschehen.

In den USA ist der Roman seit Jahrzehnten Schullektüre – völlig zurecht. Selten habe ich ein Buch gelesen, das auf so wunderbare Art vermittelt, wie wichtig Rücksichtsnahme, Toleranz und Empathie im Alltag sind. Und: Das so viele prägnante Zitate enthält.

“Mut heißt, von vornerein wissen, dass man geschlagen ist, und trotzdem den Kampf – ganz gleich um was es geht – aufzunehmen und ihn durchzustehen.”

„Vernünftige Leute sind nie stolz auf ihre Talente.“

„Wer die Nachtigall stört“ erschien vor mehr als 50 Jahren, hat aber an Aktualität keineswegs etwas eingebüßt. Das Buch ist so sehr lesenswert!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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