28. Juli 2020

Schmöker: “Kleine Feuer überall” von Celeste Ng

Perfekte Unterhaltung: “Kleine Feuer überall” von Celeste Ng

Die Höhe der Grashalme, die Farbe der Häuser: Die Bewohner von Shaker Heights überlassen nichts dem Zufall. In dem kleinen Vorort in Cleveland ist alles perfekt durchgeplant. Es gibt für alles eine Regel.

„Sie hatten alles verordnet: die angemessene Zeit, um morgens aufzustehen, die angemessene Farbe der Vorhänge, die angemessene Haarlänge für Männer, die angemessene Art, wie man die Hände zum Gebet faltet. Die Shaker sind davon überzeugt, wenn sie jede Kleinigkeit planten, können sie ein Stück Himmel auf Erden schaffen.“

Elena Richardson und ihre Familie sind die perfekten Shakers. Sie leben in einem großen Haus, sind reich und gesund. In Elenas Leben lief bislang alles nach Plan. Sie studierte, heiratete, bekam vier Kinder und engagiert sich wohltätig. Deshalb vermietet sie auch günstig eine Wohnung im alten Haus ihrer Eltern an die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre Tochter Pearl, die neu in Shaker Heights ankommen. Sie ahnt nicht, dass die beiden Frauen ihr geregeltes Leben gehörig durcheinanderbringen. Nach und nach entstehen „Kleine Feuer überall“. 

Reese Witherspoon hat eine Serie daraus gemacht

„Kleine Feuer überall“ ist der zweite Roman von Celeste Ng. Kritiker überhäuften ihn mit Lob, auf den Bestseller-Listen stand er lange ganz weit oben. Ich war neugierig, vor allem nachdem ich sah, dass es nun auf Amazon Prime eine Mini-Serie dazu gibt, die von Reese Witherspoon produziert wurde. Die blonde Amerikanerin spielt auch die Rolle von Elena Richardson.

Zuerst las ich nun das Buch, schaute dann die Serie. Mein Fazit: Vom Roman bin ich begeistert, die Serie hat mich dagegen irritiert. Nicht nur, dass Mia und Pearl plötzlich dunkelhäutig sind und dadurch zusätzliche Funken entstehen, auch die gesamte Geschichte hat ein völlig anderes Ende und wird an vielen Stellen unnötig dramatisiert. Dadurch bekommt vor allem Mia eine Härte, die im Roman überhaupt nicht beschrieben wird.

Wie kam es zu dem Brand?

Die Geschichte spielt in den 1990er-Jahren, als der Skandal von Bill Clinton und Monica Lewinsky gerade brodelt. Die Ereignisse um Elena und Mia werden rückblickend erzählt. Bereits auf den ersten Seiten steht das Haus der Richardsons in Flammen – es ist das Ergebnis der kleinen Feuer, die zuvor monatelang schwelten. Als Brandstifterin gerät die jüngste Tochter Izzy in Verdacht. Pearl und Mia sind am Vorabend außerdem aus Shaker Heights abgereist. Wie es dazu kam, erzählt Celeste Ng dann mit verschiedenen Zeitsprüngen – bis zurück in die 1980er.

Der Roman ist unglaublich spannend!

Das Besondere an dem Roman ist: Er ist unglaublich spannend. Celeste Ng beschreibt die konträren Lebensentwürfe der Richardsons und Warrens so unterhaltsam, dass ich immer weiterlas, weil ich wissen wollte, was als nächstes passiert. Dabei ist nicht nur die Sprache sehr eingänglich, sondern auch die einzelnen Figuren sind mehrdimensional. Dadurch ist nur schwer vorhersehbar, wie sich die Geschichte entwickelt.

Der Roman behandelt viele fundamentale Fragen, die im Leben der meisten Frauen auftauchen: Wie möchte ich leben? Sicherheit oder Abenteuer? Was macht eine gute Mutter aus? Treibe ich ab, wenn die Umstände nicht passen? Wie vereine ich Familie und Beruf? Auch Rassismus kommt zur Sprache – im Roman aber nicht durch Mia und Pearl, sondern durch Bryan, den Freund von Lexy, der ältesten Tochter der Richardsons.

Die Bedürfnisse variieren!

Die Geschichte zeigt außerdem, wie unterschiedlich die Bedürfnisse innerhalb Familien sein können. Für beide Mütter ist es eine emotionale Herausforderung, dass sich ihre Kinder bei der jeweilig anderen Familie wohlfühlen. Denn während Pearl bei den Richardsons zunächst eine langersehnte Struktur findet, entdeckt die rebellische Izzy bei Mia eine Gleichgesinnte. Als Elena frustriert beginnt, in Mias Vergangenheit herumzuwühlen, fängt das Feuer an zu lodern. Geheimnisse werden nach und nach enhüllt. Danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Es brennt lichterloh.

Da der Roman so kurzweilig geschrieben ist, habe ich ihn innerhalb nur weniger Tage am Feierabend durchgelesen. Er ist keine tiefsinnige Literatur, aber perfekte Unterhaltung. Auch die Serie ist insgesamt okay, wer nur sie schaut, wird wahrscheinlich auch keine Irritationen verspüren. Im Vergleich zum Buch ist sie jedoch ein wenig enttäuschend – vor allem wegen der unnötigen Verdrehung zahlreicher entscheidender Momente.

Kleiner Fun-Fact zum Schluss: Shaker Heights und die verrückte Version der Plan-Stadt gibt es tatsächlich.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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