18. Januar 2020

Schmöker: “I love Dick” von Chris Kraus

“I love Dick”: einfach nur anstrengend

Bereits nach fünf Seiten kam ich ins Zweifeln. Das soll das „wichtigste Buch über Frauen und Männer im 20. Jahrhundert sein“ (The Guardian)?! Und „mitreißend schön“ (Der Spiegel)?! Ich war irritiert. Denn von der ersten Seite an fehlte mir bei „I love Dick“ jegliches Gefühl. Vielmehr liest sich der Roman von Chris Kraus konstruiert und schwerfällig. Die Liebe in „I love Dick“ verkommt zur Performance. Jede Handlung der verkopften Protagonistin ist durchdacht. Die Sätze sind absolut nüchtern geschrieben, an keiner einzigen Stelle war ich berührt. Freude beim Lesen? Fehlanzeige. Auf Seite 161 von 292 resignierte ich und gab den literarischen Kampf auf.

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5. Januar 2020

Schmöker: “Der Report der Magd” von Margaret Atwood

“Der Report der Magd”: Willkommen in der religiösen Diktatur

Keine Jeans, kein Make-up, keine Partys: In Nordamerika haben religiöse Fundamentalisten die Macht übernommen und den totalitären Staat Gilead errichtet. Es herrscht dort ein Leben der Entbehrungen. Vor allem für Frauen, die nach einer Atom-Katastrophe zum größten Teil unfruchtbar sind. Die wenigen Damen, die noch Kinder auf die Welt bringen können, werden den verschiedenen Führungskräften zugeteilt. Ihre einzige Funktion: als Gebärmaschinen aktiv sein. Erfüllen sie ihre Aufgabe nicht, droht ihnen die Kolonie – ein Ort, wo sie verseuchten Müll sortieren müssen und nur noch auf den Tod warten können.

Desfred ist eine dieser sogenannten Mägde. Sie ist die Erzählerin des dystopischen Romans „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood oder „The handmade’s tale“ wie er im Original heißt. Obwohl die Amerikanerin das Werk bereits in den 1980er-Jahren schrieb, hat es an Aktualität keineswegs eingebüßt. Im Gegenteil. Zu was ist der Mensch fähig? Die Autorin zeigt die dunkelsten Abgründe. George Orwell lässt grüßen.

2017 hat Margaret Atwood für ihr Kultbuch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Auch eine TV-Serie mit mehreren Staffeln gibt es inzwischen.

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27. Oktober 2019

Flimmerkasten: “Ich war noch niemals in New York”

Böse Kombination: Udo Jürgens + Musicals

Die Warnlichter blinkten rot, knallrot. Ein Musical-Film mit Songs von Udo Jürgens.

Musicals.

Udo Jürgens.

Eigentlich zwei Gründe für mich, um schreiend davonzulaufen.

“Starlight Express” hat mich verdorben

Mein Musical-Trauma begann bereits in der achten Klasse. Damals ging es anlässlich eines exklusiven Ferienprogramms zu „Starlight Express“. Es war wenige Tage nach dem Tod von Lady Di – und meine Freundinnen und ich saßen auf der Rückbank des Reisebusses, blätterten durch die „Bravo“, sahen die zu Tränen rührende Berichterstattung und standen dem armen William in Gedanken bei.

Wenige Stunden später hätte ich dringend Beistand benötigt. „Starlight Express“. Das bedeutete: Zwei Stunden und 40 Minuten singende Darsteller auf Rollschuhen, grellleuchtende Lichter – und eine Geschichte, an die ich alle Erinnerungsfetzen aus dem Kopf geworfen habe. Es war schlichtweg eine Qual, ich rutschte auf dem Samtsitz hin und her, zählte die Minuten. Als ich den Saal verließ, wusste ich genau: Das wars. In ein Musical möchte ich nicht mehr gehen.

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18. August 2019

Schmöker: “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler

Serotonin in Buchform

Zum ersten Mal drang „Ein ganzes Leben“ mit voller Wucht in mein Herz, als Robert Seethaler seinen Protagonisten Andreas Egger von der Bauersfrau Ahnl Abschied nehmen lässt. Es ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einem Dorf in den Alpen, als die bereits in die Jahre gekommene Seniorin beim Brotbacken das Bewusstsein verliert. Sie stürzt nach vorne und erstickt im Teig.

Drei Tage lang liegt sie danach im brütend heißen Sommer aufgebettet in einer Kammer, bis sie endlich eine Pferdekutsche abholt. Danach überstürzen sich die Ereignisse. Als der Totenwagen beim Schmid vorbeirollt, rennt dort ein Hund aus der Tür, beißt einem der Haflinger in das Bein. Dieses stürzt daraufhin zur Seite und der Sarg kommt ins Rutschen. Wie Robert Seethaler das darauf folgende Geschehen beschreibt, ist ein sprachliches Vergnügen:

„Der Deckel, der für den Transport nur notdürftig verschlossen war und erst am Grab endgültig zugenagelt werden sollte, war aufgesprungen und der Unterarm der Toten erschien im Spalt. In der Dunkelheit der Totenkammer war ihre Hand schneeweiß gewesen, doch hier, im hellen Mittagslicht, erschien sie gelb wie die Blütenblätter der kleinen Bergveilchen, die am schattigen Bachufer blühten und sofort dahinwelkten, sobald sie der Sonne ausgesetzt waren. Das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es mit zitternden Flanken stehenblieb. Egger sah, wie die Hand der toten Ahnl aus dem Sarg baumelte, und für einen Moment schien es, als wollte sie ihm zum Abschied zuwinken, ein allerletztes Behütdichgott, für ihn allein bestimmt.“

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21. Juli 2019

Schmöker: “Die Geschichte der Baltimores” von Joël Dicker

Die Geschichte der Baltimores: Ein spannender Roman über eine Familie

Es gibt Autoren, denen vertraue ich blind. Von ihnen kaufe ich Romane, ohne eine geringste Ahnung davon zu haben, um was es geht. Jonathan Franzen, Siri Hustvedt, Hanya Yanghiara oder Benedict Wells gehören dazu – und Joël Dicker. Von ihm las ich vor einigen Jahren „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“. Ein Buchhändler hatte mir den spannenden Wälzer empfohlen. In Rekordtempo verfolgte ich den Fall um die vermisste Nola, erzählt aus der Perspektive des Protagonisten Marcus Goldmann. Ich versank komplett in diese gut konstruierte Geschichte.

Marcus Goldmann ist nun auch im Nachfolgewerk „Die Geschichte der Baltimores“ Dreh- und Angelpunkt. Wieder spielt das Geschehen in den USA. Dieses Mal an verschiedenen Schauplätzen: in Baltimore (Maryland), in Montclair (New Jersey) und in der Stadt Boca Raton, die im sonnigen Florida liegt.

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14. Mai 2019

Schmöker: “Der größere Teil der Welt” von Jennifer Egan

Eine wilde Reise durch Zeit & Raum

Als ich „Der größere Teil der Welt“ zu lesen begann, ahnte ich nicht, auf welch wilde Reise mich Autorin Jennifer Egan mitnehmen wird. Innerhalb weniger Tage schwirrte ich von den 1970er-Jahren in die Zukunft, von San Francisco nach Neapel und dann ging es auch noch in die Wüste. Meine Reiseführer: Bernie Salazar, ein Musikproduzent sowie Ex-Punk und Sasha, seine adrette Assistentin mit kleptomanischen Zwängen.

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24. Februar 2019

Schmöker: “Der Trafikant” von Robert Seethaler

Ein Juwel in Buchform

Fast wäre „Der Trafikant“ in meinem Bücherchaos untergegangen. Bereits vor Jahren hatte ich ihn gekauft, auf meinen Stapel an ungelesenen Werken gelegt – und vergessen. Immer wieder kam ihm ein anderer Roman zuvor, verdrängte ihn. „Der Trafikant“ rutschte tief, tiefer und verschwand nahezu, bis ihn seine Verfilmung im vergangenen Jahr schlagartig in mein Gedächtnis zurückbrachte.

Zum Glück.

Innerhalb weniger Tage habe ich das Buch mit dem minimalistischen Cover nun gelesen, Satz für Satz aufgesaugt. „Der Trafikant“ ist voll mit wunderbaren Beschreibungen, Witz und einer Leichtigkeit der Sprache, die der Grausamkeit der Geschehnisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg diametral gegenübersteht – und dadurch erst recht eine Intensität entwickelt. Der Roman erfasste mich mit voller Wucht. Er ist ein funkelnder Juwel in Buchform.

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26. November 2018

Schmöker: “Die Stunden” von Michael Cunningham

Wunderbar: „Die Stunden“ von Michael Cunningham

Es war ausgerechnet ein Abend mit Netflix, der mich zum Roman „Die Stunden“ von Michael Cunningham brachte. Wahllos hatte ich nach einer unkomplizierten Unterhaltung gesucht und war so auf den Film „The Hours“ gestoßen. 97 Prozent Übereinstimmung mit meinen Interessen, hatte der Streaming-Dienst errechnet. Okay. Der Algorithmus muss es ja wissen. Ich klickte auf Play – ohne eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommen wird.

Innerhalb nur weniger Minuten wusste ich bereits: Perfekt, das ist genau meins. Drei Geschichten von drei Frauen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten und an unterschiedlichen Orten leben, aber alle über eine Gemeinsamkeit miteinander verbunden sind – über “Mrs Dalloway” von Virgina Woolf. Weiterlesen »

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6. Oktober 2018

Schmöker: “Unterwegs” von Jack Kerouac

Unterwegs mit Sex, Drugs ’n’ Jazz – ein literarischer Roadtrip

Jack Kerouac hat mich fertig gemacht. In einem berauschenden Tempo sauste ich in “Unterwegs” mit seinem Protagonisten Sal Paradise durch die USA – von Denver nach San Francisco, nach New Orleans oder nach Mexico. Meist per Anhalter, manchmal auch auf Güterzügen oder mit geklauten Autos. Kritzelte immer wieder mit Bleistift die Namen der Personen und Routen ins Buch, um den Überblick zu behalten, machte Knicke in die Seiten mit besonders schönen Sätzen.

Nun halte ich ein Buch in der Hand, das durch diesen Prozess selbst seine Form verändert hat. „Unterwegs“ oder „On the road“ wie es im Original heißt, ist so unendlich voll gepackt mit Poesie und wunderbaren Worten. Es gibt deshalb kaum noch eine Seite in meinem Buch, die in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten blieb.

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12. August 2018

Schmöker: “Wer die Nachtigall stört” von Harper Lee

“Wer die Nachtigall stört” von Harper Lee: ein wunderbares Buch!

Bereits nach wenigen Sätzen wusste ich: „Wer die Nachtigall stört“ ist ein Buch, das ich über alles lieben werde, das mich bewegen, berühren und mein Denken beeinflussen wird.

Dieses erste Gefühl täuschte mich nicht. Als ich den Klassiker von Harper Lee am Ende zuschlug, saß ich auf meiner Couch und war einfach nur erfüllt von dieser Schönheit, die in Worten, gedruckt auf Papier, zu mir gefunden hatte. Weiterlesen »

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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