11. Februar 2019

Kurioses: “Pendeln”

Abenteuer Alltag

Bei mir bleibt gerade viel Zeit auf der Strecke. Ich pendle. Mein neuer Job macht es erforderlich. 140 Kilometer fahre ich nun täglich mit dem ICE, von montags bis freitags. Schon nach sechs Wochen weiß ich: Langweilig wird das nicht. Der Zug ist voll mit kuriosen Gestalten und Geschichten. Mein Alltag ist zu einem kleinen Abenteuer geworden.

Danke, Deutsche Bahn!

Bereits mein erster Arbeitstag am 2. Januar begann äußerst holprig. Ja, es knirschte und kratzte gewaltig. Wer schon mal einen neuen Job angetreten ist, weiß: Am ersten Tag möchte man unbedingt pünktlich sein, einen guten Eindruck machen. Fit sein, nicht etwa noch zerstört von Silvester mit Restalkohol und Fahne im Büro aufkreuzen, mit roten Äderchen in den Augen und abstehenden Haaren, weil man zu spät dran war und alles drunter und drüber ging.

Nein.

Läuft!

Um meinen ersten Tag tipptop antreten zu können, verbrachte ich den Jahreswechsel sehr moderat und anständig. Ohne Partyexzesse und Limoncello in Massen, alles verlief ohne Turbulenzen. Am 1. Januar ging ich abends ausgeruht ins Bett. Kein Hang-over, nur Vorfreude. Als am nächsten Morgen um 6.50 Uhr der Wecker klingelte, war ich so fit, dass ich quasi aus dem Bett schwebte.

Dusch-, Föhn- und Schminkaktionen: Alles verlief nach Plan. Ich trank entspannt meinen Kaffee, lief um 7.40 Uhr zu meinem Fahrrad – das mit vollgepumpten Reifen und funktionierendem Licht im Hinterhof wartete. Neues Jahr, endlich Struktur im Leben. Ich war mir sicher. Überpünktlich war ich am Bahnhof, sogar der Zug kam plangemäß ans Gleis gerollt. Ich stieg ein, setzte mich. Läuft bei mir, ich war mir nun ganz sicher.

Tja. Wie war das nochmals mit dem Hochmut?

Erst rauschte es kurz, knatterte, dann ertönte eine weibliche Stimme aus den Lautsprechern. „Liebe Fahrgäste. Der geplante Lokführerwechsel in Karlsruhe klappt nicht“, informierte sie. Die vorgesehene Arbeitskraft sei nicht aufgetaucht, niemand wisse, wo der Herr ist. Die Weiterfahrt: auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

Zack. Von wegen: neues Jahr, neues Glück. Wie versteinert saß ich da.

Wo war der Lokführer? Meine Gedanken wirbelten nun auf Hochtouren. War er am wilden Feiern im Berghain und hatte die Zeit vergessen? Dann konnte das ja noch Tage dauern.

Tick, tack. Eine Minute nach der anderen verstrich. Nichts passierte. Nach 20 Minuten meldete sich die Dame wieder: Der Lokführer sei immer noch nicht aufgetaucht, ein Oberleitungsschaden auf der ICE-Strecke noch dazu gekommen. „Dieser Zug fährt nicht weiter. Bitte steigen Sie alle aus.“ Ihre Anweisung war deutlich.

90 Minuten kam ich an meinem ersten Tag zu spät. Mein Chef, ein Ex-Pendler, zeigte zum Glück Verständnis.

Vorsicht, Verletzungsgefahr

Bereits wenige Tage später stellte ich dann fest: Wer antizyklisch pendelt, also morgens raus aus Karlsruhe möchte und nicht rein, sollte im Hauptbahnhof die Slalomtechnik beherrschen. Einfach mittig in das Hauptgebäude hineinlaufen und links zum Gleis abbiegen: Das funktioniert in der Rushhour nicht.

Riesige Menschenmassen, die alle zum Ausgang wollen, kommen mir kurz vor 8 Uhr entgegen. Das ist, wie wenn man beim Schnäppchen-Schlussverkauf oder einem Großkonzert gegen den Strom läuft. Wer in der Mitte ist und an den Rand möchte, rempelt ständig mit anderen zusammen.

Ich lerne schnell!

Nach einer Woche hatte ich mir eine Route ausgetüftelt. Sie ist ganz einfach: immer links bleiben, links, links, links. Egal, wer kommt. Mantraartig sage ich mir das immer wieder. Bloß nicht abdrängen lassen. Ich schlängle mich seither so gut und schnell es geht durch die Masse. Kollateralschäden sind dabei nicht zu vermeiden. Mal knallt mir ein Koffer gegen das Bein, ein Rucksack in den Oberkörper oder ein massiver Regenschirm mit Stock an den Kopf. Aber ich habe das darwinische Prinzip stets im Kopf: survival of the fittest. Nicht ausweichen, ich muss meinen Zug bekommen. Komme was wolle.

Die mit dem Turm

Dieses wilde Treiben betrachten jeden Tag drei oder vier Menschen, die im Hauptgebäude in der Mitte des Ganges stehen. Meist zwei Männer und eine Frau. Manchmal ist noch eine weitere Dame dabei. Sie gehören einer religiösen Gemeinschaft an, haben Pappschilder bei sich, auf denen etwas von Glück, Erleuchtung und Familie steht. Außerdem verteilen sie Broschüren von ihrer Gemeinschaft, ein Turm ist darauf zu sehen. Ich sehe sie da jeden Tag, egal wie kalt es ist. Meist haben sie Hüte oder Mützen auf, ihre Gesichter sind ausdruckslos, selten reden sie – weder miteinander noch mit Fremden. Ich frage mich oft, ob diese Taktik wirklich aufgeht und sie neue Mitglieder finden. Aber Respekt habe ich. Ihr Durchhaltevermögen ist enorm.

Absoluter Anfänger

Wer jeden Tag Zug fährt, sieht die unterschiedlichsten Menschen. Man könnte sagen: Pendeln erweitert den Horizont. Unter den Zuggästen sind gestresste, entspannte, schlafende und anstrengende. Zur letzten Kategorie gehört definitiv der Mann, der vor Kurzem hinter mir saß und Videos auf seinem Handy schaute. Jeder normale Pendler und Reisende weiß: Man macht das mit Kopfhörer. Immer. Man belästigt die anderen Menschen nicht mit seinem Kram. Vor allem nicht im Ruhebereich. „Psssst“, steht dort an der Wand. Eine gezeichnete Dame ist neben dem Schriftzug zu stehen. Sie führt ihren Zeigefinger gegen den Mund. Das müssten alle verstehen. ALLE.

Der Mann hinter mir nicht. Entweder war er ignorant oder ein absoluter Anfänger. Er ließ seine Videos mit Ton laufen – in maximaler Lautstärke. Ich hörte jeden Satz, den Oliver Welke in der „heute show“ von sich gab. Alle Gags, ob gut oder schlecht. Zunächst warte ich wenige Minuten. Wollte am frühen Morgen nicht gleich pöbeln. Aber nix änderte sich. Nach sieben Minuten riss mein Geduldsfaden. Ich drehte ich mich um und schaute ihn scharf an, ja, sehr scharf. Danach war Ruhe.

Guten Morgen!

Aber nicht nur mit Menschen, auch mit Vierbeinern habe ich nun schon näheren Kontakt gehabt. An einem Freitagmorgen saß ich auf meinem Sitz in einer Zweierreihe. Ich las Zeitung, hörte noch Musik dabei, bekam von der Außenwelt nicht viel mit. Plötzlich raschelte es, ich senkte das bedruckte Papier – und blickte in die zwei haselnussbraunen Augen eines Hundes. Sie waren nur Zentimeter von mir entfernt. Drei Menschen vom Zoll standen hinter ihm, also ich mutmaße, dass sie von dieser Einrichtung waren. Geredet haben sie nämlich nicht. Aber sie hatten eine schwarze Uniform an und die vier Buchstaben standen auf ihrem Rücken. Sie stupsten den Hund wortlos nochmals an, er schnupperte daraufhin mit seiner feuchten Schnauze nicht nur meinen Rucksack ab, sondern auch mich – von den Schuhen bis zum Oberkörper.

Hilfe.

Sie fanden keine Drogen bei mir. Wortlos zogen sie weiter. Danach war ich wach.

Nur Hits!

Bei mir bleibt gerade viel Zeit auf der Strecke. Ich pendle. Mein neuer Job macht es erforderlich. 140 Kilometer fahre ich nun täglich mit dem ICE, von montags bis freitags. Schon nach sechs Wochen weiß ich genau, wo ich stehen muss, damit sich eine Tür genau vor mir öffnet. Abends werde ich außerdem oft von einem Violinen-Spieler am Karlsruher Hauptbahnhof empfangen. Er spielt selbst bei Schnee und Regen auf seinem Instrument, treibende Elektrobeats begleiten ihn. Sein Repertoire: nur große Hits. „Despacito“ beispielsweise oder „I will survive”. Wenn ich ihn schon von Weitem höre, muss ich immer lachen. Manchmal schreibt das Leben einfach die besten Geschichten.

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2 thoughts on “Kurioses: “Pendeln”

  1. Adina sagt:

    Bin ich eine kuriose Gestalt?!? Liebe Grüße von Pendlerin zu Pendlerin

    1. Miriam Steinbach sagt:

      Haha, neeee, du/ihr seid Lichtblicke

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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