5. November 2023

Buchkritik: “Pick me girls” von Sophie Passmann

"Pick me girls" von Sophie Passmann

“Pick me girls” von Sophie Passmann: über ein unglückliches Mädchen

Schon nach wenigen Seiten des Buches „Pick me girls“ von Sophie Passmann beschleicht mich die Befürchtung: Auch ich könnte in meiner Jugend ein pick me girl gewesen sein. 

Sophie Passmann definiert ein pick me girl wie folgt

„Die einzige Charaktereigenschaft des pick me girls ist es, dass sie versucht, anders als andere Frauen zu sein. Andere Frauen werden dabei immer über weibliche Klischees definiert: oberflächlich, leicht hysterisch, unentspannt, essgestört, Spielverderberinnen, die ihren Partner von entspannten Abenden mit den Jungs weglocken, um sich bei ihnen auszuheulen, dass sie drei Kilos zugenommen hatten.“

Quelle: “Pick me girls” von Sophie Passmann

Die Anerkennung von Männern ist oberstes Ziel. 

Oha. Das ist mein erster Gedanke. Damals, in der Mittel- und Oberstufe, hingen meine Freundinnen und ich gerne auf dem Skatepark ab, trugen Baggy Pants und weite Pullover, rauchten und hörten deutschen Hiphop. Freundeskreis, Torch und die Absoluten Beginner. 

Der klassische Mädchenkram interessierte uns weniger. Wir trugen keine hohen Schuhe, kurzen Röcke und lasen keine Chick-Lit. Mit den Jungs schauten wir eher Kultfilme wie „Kids“ oder „Trainspotting“. Wir machten ihnen keine Vorschriften. 

Diente unser Verhalten also nur dazu, Männern zu gefallen? Ich komme ins Nachdenken und lese weiter.

Was ist ein pick me girl?

Jetzt erfahre ich: Berühmtes Vorbild für ein typisches pick me girl ist Meredith Grey aus Grey’s Anatomy, die mit den Worten “Nimm mich, ich bin nicht wie die anderen” um die Gunst eines Mannes kämpfte. 

Der Begriff wurde 2020 auf Tiktok bekannt, als Videos von Frauen ins Netz gestellt wurden, die die Eigenschaften eines typischen pick me girl persiflierten.

Verwirrung!

Aber je mehr ich das Buch und die typischen Charakteristika eines pick me girls lese, desto klarer wird mir, dass dieser Begriff in den weiteren Ausführungen doch nicht auf mein früheres Ich zutrifft. Sophie Passmann schreibt unter anderem

„Ich bin davon überzeugt, dass es bei pick me girls viel um Scham geht, um Selbsthass und um das ständige Gefühl, dass mit einem selbst etwas grundlegend falscher, hässlicher oder unangenehmer ist als mit anderen Mädchen.“

Quelle: “Pick me girls” von Sophie Passmann

Das war bei uns in der Jugend definitiv nicht der Fall. Wir haben die Subkultur geliebt, hatten keine Komplexe oder tieferen Probleme. Wir konkurrierten auch nicht mit den anderen Mädchen um die Jungs – die Vorlieben waren einfach anders. Wir interessierten uns nicht für die geschniegelten Jungs mit den Hemden.

Kein Entrinnen – wirklich?

Jedoch wird frau laut Sophie Passmann in unserer Gesellschaft fast zwangsläufig zum pick me girl. Denn sie meint, dass  

„alle Frauen, die im Patriarchat groß werden, pick me girls sind. Manchmal. Oder früher. Zwischendurch. (…) Je leichtfertiger Frauen anderen Frauen im Namen der feministischen Solidarität vorwerfen, pick me girls zu sein, desto mehr entsteht ein Meta-Paradoxon (…) Ich bin nicht wie andere Frauen, denn ich bin nie so.“

Quelle: “Pick me girls” von Sophie Passmann

Puh. Ist das wirklich so? Mir fehlt in dieser Argumentationslogik die Differenzierung. Was ist mit den Frauen, die Glück im Leben haben, mit viel Urvertrauen aufwachsen und zufrieden sind? Hier ein Beispiel anekdotischer Evidenz (wie es Sophie Passmann auch gerne tut): 

Kürzlich hörte ich ein Interview mit Barbara Schöneberger. Diese Frau sprüht vor Selbstvertrauen, Lebensfreude und Energie – und das, wie sie selbst sagt, seit ihrer Kindheit. Dass sie ein pick me girl ist oder war, kann ich mir nicht vorstellen, selbst wenn sie im konservativen Westdeutschland der 1970- und 1980er-Jahre sozialisiert wurde. Da ist keine Spur des Selbsthasses, Schams oder des Abwertens anderer Frauen. 

Was will mir die Autorin sagen?

Von Seite zu Seite werde ich deshalb verwirrter, bis ich am Ende gar nicht mehr genau weiß, was mir die Autorin mit diesem Buch und dem Phänomen des pick me girls überhaupt genau sagen will – außer dass sie selbst lange Zeit sehr unglücklich war und sich Frauen gegenseitig unterstützen sollen. Alles keine neuen Erkenntnisse. Mir fehlen der rote Faden und der theoretische Überbau zum Thema pick me girls.

Essstörungen, Schönheitseingriffe, unglückliche Beziehungen: Die Autorin erzählt dafür ausführlich von ihren Komplexen und ihrem Kampf, Aufmerksamkeit zu bekommen. In ihrer Jugend war sie nach eigenen Aussagen psychisch krank, hochintelligent und dick. Sie suchte lange ihre Rolle, versuchte zuerst cool, dann kaputt zu sein. Mit pick me girls hat sie nun das Buch geschrieben, das sie mit 14 Jahren gebraucht hätte.

Okay, also eher ein Ich-zentriertes-Mutmach-Buch, das mit dem Titel mehr interessante Informationen verspricht, als es letztlich bietet. 

Frauen-Bashing

Viel zu oft schließt die Autorin auch von ihren persönlichen Erfahrungen auf Allgemeines  – wie bereits in ihrem Buch „Komplett Gänsehaut“, das ich ebenfalls zu wenig differenziert fand. Ein Beispiel: 

„Ich möchte nicht, dass Frauen glauben, es würde reichen, so zu sein, wie andere Frauen, weil ich glaube, dass Frauen heute nicht ansatzweise so interessant sind wie junge Männer. Ich kenne zu viele junge Frauen ohne Hobbys, ich kenne zu viele junge Frauen ohne Musik- oder Filmgeschmack.“

Quelle: “Pick me girls” von Sophie Passmann

Solche geschlechtsspezifischen Aussagen finde ich plump. Es gibt doch auch so viele langweiligen Jungs, die sich nur für Fußball und Fitnessstudio interessieren. Was ist mit jungen Frauen wie Luisa Neubauer oder Carla Reemtsma? Haben nicht gerade sie Fridays for Future in Deutschland maßgeblich geprägt? 

„Pick me girls“ zu lesen, hat mir am Ende deshalb wenig gebracht, außer dass ich nun viel Persönliches über Sophie Passmann weiß. Grundsätzlich denke ich, dass das Thema viel passender für einen Essay wäre. Es scheint zu wenig Substanz zu bieten, um ein ganzes Buch zu füllen. 

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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