12. September 2013

Schmöker: “Angerichtet” von Herman Koch

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Und dann habe ich nur noch gelesen, gelesen und gelesen. Selten hat mich ein Buch so nachhaltig beschäftigt wie „Angerichtet“, die Tragikomödie des Niederländers Herman Koch. Kurz vor dem Urlaub kaufte ich es mir, nahm es dorthin mit – und las die zweite Hälfte quasi am Stück. „Angerichtet“ zog mich völlig in den Bann. Zu was sind Eltern in der Lage, um ihre Kinder zu schützen? Das ist die zentrale Frage. Herman Kochs Antwort erschütterte mich.

Vom Aperitif bis zum Trinkgeld: Strukturiert ist das Buch nach einem mehrgängigen Menü. Im Restaurant treffen sich zwei Ehepaare. Paul und Claire auf der einen Seite und auf der anderen Serge und Babette. Die beiden Männer sind Brüder. Serge ist ein bedeutender und berühmter Landespolitiker. Er hat gute Chancen, zeitnah Ministerpräsident zu werden. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit ist groß. Erzählt wird das Geschehen aber aus der Sicht von Paul, einem Lehrer. Er scheint der bodenständigere, sympathischere Typ zu sein.

Anlass des gemeinsamen Treffens ist die Zukunft ihrer Söhne. Irgendetwas Schlimmes ist passiert, doch was genau, das bleibt zunächst noch unklar. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen erstmal das Restaurant und das Essen. Erzähler Paul geht detailliert auf die Gerichte und die Rahmenbedingungen der Lokalität ein. Er philosophiert über den neuen Woody Allen-Film, den kleinen Finger des Kellners, beklagt sich, dass der „Gruß des Hauses“ etwas kostet und beschreibt ausführlich die Toilette.

Trotz dieser scheinbar belanglosen Anekdoten gelingt es Herman Koch durch seinen sehr präzisen und immer wieder lakonischen Schreibstil, den Leser von der ersten Seite an mitzunehmen. Unabhängig davon, dass ich unbedingt wissen wollte, was denn nun passiert, fand ich die Beschreibungen höchst unterhaltsam und treffsicher.

Was mich aber völlig an dem Buch faszinierte, ist die Wandlung von Paul. Er kommt immer mehr ins Erzählen, erinnert sich an Erlebnisse in der Vergangenheit – und verändert somit nach und nach auch die Gegenwart. Die Sicht, die der Leser anfangs auf die Situation im Restaurant und die beiden Ehepaare hat, gerät von Seite zu Seite immer mehr ins Wanken. Wer ist hier eigentlich der Gute, wer der Schlechte? Wer benimmt sich daneben, wer normal? Und wer hat eigentlich noch Moral in der ganzen Geschichte? Die Grenzen verschwimmen immer mehr, ein richtiger Sog entwickelt sich. Es kommt zu einem Finale, das knallt.

Gleich zwei Freundinnen haben mir das Buch völlig unabhängig voneinander ans Herz gelegt. Danke Patrizia und Ijeoma. Ich genoß jede einzelne Seite.

Nach wie vor beschäftigt mich aber folgender Absatz auf Seite 197: „Der Psychologe hatte mir einen Namen genannt. Einen deutsch klingenden Namen. Es war der Nachname des Neurologen, nach dem die Krankheit benannt worden war….“ Wie heißt diese Krankheit? Um eine Antwort bin ich dankbar.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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