2. Dezember 2019

Schmöker: “Altes Land” von Dörte Hansen

Mehr als ein Frauenroman!

Annes Welt gerät gehörig ins Wanken, als ihr Mann sie betrügt – mit der hübschen Lektorin mit den blutroten Fußnägeln, den langen schwarzen Haaren und dem weißen Wagen. Christoph liebt Carola. Die Gewissheit haut Anne um. Die junge Mutter will nur noch weg. Raus aus Hamburg-Ottensen. Sie packt ihre Habseligkeiten zusammen, setzt ihren kleinen Sohn Leon in einen Sprinter und fährt zu ihrer kranteligen Tante Vera, die auf einem heruntergekommenen Hof auf dem “Alten Land” lebt – seit 60 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg landete sie als kleines Mädchen in dem ächzenden Haus mit Reetdach – ausgehungert und durchgefroren nach dem langen Marsch aus Ostpreußen.

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18. August 2019

Schmöker: “Ein ganzes Leben” von Robert Seethaler

Serotonin in Buchform

Zum ersten Mal drang „Ein ganzes Leben“ mit voller Wucht in mein Herz, als Robert Seethaler seinen Protagonisten Andreas Egger von der Bauersfrau Ahnl Abschied nehmen lässt. Es ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in einem Dorf in den Alpen, als die bereits in die Jahre gekommene Seniorin beim Brotbacken das Bewusstsein verliert. Sie stürzt nach vorne und erstickt im Teig.

Drei Tage lang liegt sie danach im brütend heißen Sommer aufgebettet in einer Kammer, bis sie endlich eine Pferdekutsche abholt. Danach überstürzen sich die Ereignisse. Als der Totenwagen beim Schmid vorbeirollt, rennt dort ein Hund aus der Tür, beißt einem der Haflinger in das Bein. Dieses stürzt daraufhin zur Seite und der Sarg kommt ins Rutschen. Wie Robert Seethaler das darauf folgende Geschehen beschreibt, ist ein sprachliches Vergnügen:

„Der Deckel, der für den Transport nur notdürftig verschlossen war und erst am Grab endgültig zugenagelt werden sollte, war aufgesprungen und der Unterarm der Toten erschien im Spalt. In der Dunkelheit der Totenkammer war ihre Hand schneeweiß gewesen, doch hier, im hellen Mittagslicht, erschien sie gelb wie die Blütenblätter der kleinen Bergveilchen, die am schattigen Bachufer blühten und sofort dahinwelkten, sobald sie der Sonne ausgesetzt waren. Das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es mit zitternden Flanken stehenblieb. Egger sah, wie die Hand der toten Ahnl aus dem Sarg baumelte, und für einen Moment schien es, als wollte sie ihm zum Abschied zuwinken, ein allerletztes Behütdichgott, für ihn allein bestimmt.“

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1. April 2019

Schmöker: “Unschuld” von Jonathan Franzen

Eine wilde Geschichte: “Unschuld” von Jonathan Franzen

Ein Whistleblower, sozialisiert im DDR-Regime, traumatisiert, neurotisch. Frauen mit Vaterkomplex, die verloren durch die Welt tapsen: “Unschuld” von Jonathan Franzen ist ein Aufeinandertreffen von pathologischen Persönlichkeiten. Eine Figur, deren Psyche einigermaßen in Balance ist, suchte ich in diesem Buch vergeblich.

Gleichwohl: Ich habe „Unschuld“ gerne gelesen. Es ist voller Spannung, zeigt interessante Einblicke in die DDR, in die USA und die Welt der Hacker. Jonathan Franzen ist ein großartiger Erzähler. Mit “Unschuld” ist ihm erneut eine imposante Gesellschaftsstudie gelungen – voll mit differenzierten Persönlichkeitsanalysen. Die Sätze prägnant, weise, sein Stil gerade, ohne platt zu sein. Der Amerikaner schafft Literatur, die mich jedes Mal wieder von Neuem bereichert, unterhält und mich zum Nachdenken anregt. Nur: An die Vorgänger “Die Korrekturen” und “Freiheit” kommt “Unschuld” nicht heran.

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26. November 2018

Schmöker: “Die Stunden” von Michael Cunningham

Wunderbar: „Die Stunden“ von Michael Cunningham

Es war ausgerechnet ein Abend mit Netflix, der mich zum Roman „Die Stunden“ von Michael Cunningham brachte. Wahllos hatte ich nach einer unkomplizierten Unterhaltung gesucht und war so auf den Film „The Hours“ gestoßen. 97 Prozent Übereinstimmung mit meinen Interessen, hatte der Streaming-Dienst errechnet. Okay. Der Algorithmus muss es ja wissen. Ich klickte auf Play – ohne eine Ahnung zu haben, was auf mich zukommen wird.

Innerhalb nur weniger Minuten wusste ich bereits: Perfekt, das ist genau meins. Drei Geschichten von drei Frauen, die in unterschiedlichen Jahrzehnten und an unterschiedlichen Orten leben, aber alle über eine Gemeinsamkeit miteinander verbunden sind – über “Mrs Dalloway” von Virgina Woolf. Weiterlesen »

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27. Dezember 2017

Heimat” Ein Nachmittag mit Johanna Wohlgemuth”


Aus Gedanken werden Worte

Selbst nachts hat Johanna Wohlgemuth ihr Notizbuch immer griffbereit. Wenn im Halbschlaf ihre Gedanken kreisen, plötzlich eine neue Idee für ihren Roman entsteht, schaltet sie schnell die Nachttischlampe an, greift zum kleinen Buch mit farbigem Einband – und zum Kugelschreiber. Aus Gedanken werden Worte. “Ich muss einfach schreiben, ich habe gar keine andere Wahl”, erzählt mir die 29-Jährige, als wir uns an einem kalten Vorweihnachtstag in einem Café in Karlsruhe treffen. “Mein Kopf würde sonst platzen.”

Johanna und ich sind uns zum ersten Mal begegnet, als ich im vergangenen Jahr für den Blog über “beschriftet” schrieb. Die 29-Jährige ist Gründungsmitglied dieser Literatengruppe, die regelmäßig in Karlsruhe Lesungen hält. 2017 hat Johanna nun auch einige Veranstaltungen alleine bestritten. Der Anlass: Die Veröffentlichung ihres ersten Romans “Frau Schnieder kehrt heim”, der beim Gorilla Verlag erschienen ist.   Weiterlesen »

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20. September 2016

Heimat: “Ein Nachmittag mit beschriftet”

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Das sind Jörg, Simon, Dominik, Johanna, Thomas und Aleksej (hinten von links) sowie Annegret und Daniela (vorne von links).

Junge Straßenliteraten mit Texten to go

Sie ziehen durch die ganze Stadt – an vier Tagen, ausgerüstet mit Mikrofon und ganz schön vielen Worten. Die Autorengruppe beschriftet bringt vom morgigen Donnerstag bis Sonntag unter dem Motto „Unterwegs“ moderne Literatur mitten auf öffentliche Plätze in Karlsruhe – zweimal täglich, jeweils 20 Minuten lang.

„Diese Teaser-Lesungen sind Werbung für unsere zweistündige Hauptveranstaltung im Kinosaal in der ,Kurbel’ am Montag, 26. September,“, sagt Daniela Waßmer, ein Mitglied der beschriftet-Gruppe. Diese Hauptlesung ist ab 19 Uhr und läuft unter dem Motto „Angekommen“. Eingebettet sind die Veranstaltungen von „beschriftet“ in die Karlsruher Literaturtage 2016. Weiterlesen »

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18. September 2016

Schmöker: “Literaturtage Karlsruhe 2016”

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Kneipenlesung in der Südstadt

Literatur zwischen illustren Gestalten, Bier und Rauch: Das Pilskarussell in der Rüppurrer Straße 48 verwandelt sich am Mittwoch, 28. September, zu einem ganz besonderen Ort. Anlässlich der Karlsruher Literaturtage ist dort um 21 Uhr eine Kneipenlesung zu Adam Seides „ABC der Lähmungen“.

Dichter, Denker, Junkies, Linke, Geschäftsleute: Adam Seide setzt mit „ABC der Lähmungen“ den Stammgästen in der Hannoveraner Kneipe “Bei Erich” ein Denkmal. „Wir wollten für diese Lesung eine besondere Kneipe mit Charakter – so fiel die Wahl auf das Pilskarussell“, erzählt mir Literaturtage-Organisator Matthias Walz bei unserem Treffen vor wenigen Tagen. Startschuss der einwöchigen Karlsruher Literaturtage ist am Mittwoch, 21. September, mit einem Dead-and-Alive-Slam im Badischen Staatstheater. Das Motto der Literaturtage ist in diesem Jahr „Literatur offensiv“. Weiterlesen »

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26. Juni 2015

Schmöker: “Was ich liebte” von Siri Hustvedt

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Vom netten Roman zum spannenden Thriller

Es beginnt so harmlos. Als ich die ersten Seiten von „Was ich liebte“ zu lesen begann, dachte ich: „Ach, das liest sich aber schön.“ Bei den ersten rund 200 Seiten handelt es sich um einen netten Roman um zwei Künstler-Ehepaare, die in Brooklyn leben. Es geht um Leo und Erica sowie Bill und Violet. Um die gewöhnlichen Irrungen und Wirrungen der Liebe – mit interessanten Exkursen zur Literatur, Kunst und Psychologie. Doch Seite für Seite steigert sich in „Was ich liebte“ die Spannung – auf so subtile Weise, dass ich zunächst kaum bemerkte, wie sehr mich dieser Roman verschlang und Platz in meinem Denken einnahm. Schließlich konnte ich das Buch nicht mehr weglegen. Erzählte Freunden ständig davon. Schönheit, Spannung, Schwieriges: „Was ich liebte“ vereint alles. Siri Hustvedt hat mit diesem Roman ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen. Weiterlesen »

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8. April 2013

Heimat: “Poetry Slam Lesebühne”

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Karlsruher Poetry Slam Lesebühne “An WOrt und Stelle”

Lyrik, Kurzgeschichten und verdichteter Quatsch: In Karlsruhe gibt es mit der Poetry Slam Lesebühne  „An WOrt und Stelle“ eine neue Veranstaltungsreihe. Die Idee dahinter: „Wir möchten der Poetry Slam-Szene einen Spielraum geben und mit diesem Literatur- und Veranstaltungsformat außerdem ein szenefremdes Publikum gewinnen“, erläutert Veranstalter Stefan Unser. Er steht mit Aaron Schmitt hinter dem Konzept. Beide sind selbst Poetry Slammer. Stefan Unser organisiert unter anderem die Poetry Slam-Veranstaltungen im Kohi mit. Kooperationspartner der Lesebühne ist die Badische Bibliotheksgesellschaft. Die nächste Veranstaltung ist so auch in der Badischen Landesbibliothek am Dienstag, 16. April, Beginn 19 Uhr. Insgesamt sechs Veranstaltungen im Jahr sind geplant. Weiterlesen »

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19. Februar 2013

Schmöker: “Die Wand” von Marlen Haushofer

Die Wand

Fern ab der Zivilisation

Über Nacht ist sie plötzlich da: die Wand. Sie ist glatt, kalt, undurchsichtig und trennt eine Frau, die in den Bergen alleine in einer Jagdhütte schläft, von der restlichen Welt. Warum die Wand da ist, was mit den anderen Menschen geschah? Es bleibt ein Rätsel. Nur mit einem Hund, einer Kuh, einem Stier und Katzen bestreitet die Frau von nun an ihr Leben. Fern ab der Zivilisation, mitten in der Natur. Weiterlesen »

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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