26. Juni 2015

Schmöker: “Was ich liebte” von Siri Hustvedt

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Vom netten Roman zum spannenden Thriller

Es beginnt so harmlos. Als ich die ersten Seiten von „Was ich liebte“ zu lesen begann, dachte ich: „Ach, das liest sich aber schön.“ Bei den ersten rund 200 Seiten handelt es sich um einen netten Roman um zwei Künstler-Ehepaare, die in Brooklyn leben. Es geht um Leo und Erica sowie Bill und Violet. Um die gewöhnlichen Irrungen und Wirrungen der Liebe – mit interessanten Exkursen zur Literatur, Kunst und Psychologie. Doch Seite für Seite steigert sich in „Was ich liebte“ die Spannung – auf so subtile Weise, dass ich zunächst kaum bemerkte, wie sehr mich dieser Roman verschlang und Platz in meinem Denken einnahm. Schließlich konnte ich das Buch nicht mehr weglegen. Erzählte Freunden ständig davon. Schönheit, Spannung, Schwieriges: „Was ich liebte“ vereint alles. Siri Hustvedt hat mit diesem Roman ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen.

Hysterie und Magersucht

Siri Hustvedt, übrigens die Frau von Paul Auster, lässt Leo die Geschichte erzählen. Da er ein ausgesprochen guter Beobachter und Erzähler ist, werden einem alle Protagonisten schnell sehr gut vertraut. Leo erinnert sich im Alter zurück: Wie er Bill kennenlernte, wie er selbst an der Universität über seine spätere Ehefrau Erica stolpert und wie sich Bill von seiner ersten Frau Lucille trennt und zu Violet findet. Als Leser bekommt man schnell einen Einblick in das Leben und das künstlerische Schaffen der Protagonisten. Vor allem Bills künstlerische Werke und Ericas Forschungen zur Hysterie sowie zu Essstörungen von Frauen werden sehr detailliert beschrieben. Siri Hustvedt glänzt mit ihrem umfangreichen Wissen, bezieht sich auf eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen.

Ein Unfall verändert alles

Der zunächst ruhige Roman kippt, als beide Ehepaare etwa zeitgleich Söhne bekommen. Matthew und Mark. Die Kinder wachsen zusammen auf, sind jedoch sehr verschieden. Ein plötzlicher Unfall verändert dann das Leben beider Familien grundlegend.

Ein literarisches Geschenk

Siri Hustvedts Roman überzeugt mit seiner sehr klaren Sprache, seiner Tiefe der Themen und des geschickten Spannungsaufbaus. Aufgeteilt ist er in drei Bereiche, die chronologisch ablaufen. Was sich über all die Jahrzehnte durchzieht, ist der Aspekt der bedingungslosen und konstanten Freundschaft. Im Gegensatz zur flattrigen Liebe – die über Jahrzehnte hinweg schwächer werden kann und so manchen Schicksalsschlägen nicht standhält. Dieses Buch zu lesen, ist unglaublich bereichernd, es ist ein Geschenk.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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