17. Juli 2018

Heimat: “Ein Morgen mit Thomas Georg Blank und Jonas Müller-Ahlheim im ,ßpatz'”

Das sind Jonas und Thomas (von links). Dominic hatte leider keine Zeit.

Ausstellungen mitten in einer WG in der Südstadt

Es ist stockdunkel in dem WG-Zimmer. Das einzige Fenster ist verdeckt von einer Holzplatte. Putz ist außerdem darüber gespachtelt und lässt selbst dem kleinsten Funken Tageslicht keine Chance mehr.

Es sind die besten Rahmenbedingungen für die Videoskulptur „Aeolian Processes” von Emre Hüner. Als Thomas Georg Blank den Beamer einschaltet, wandert meine komplette Aufmerksamkeit zu den zwei Screens, die scheinbar im Raum schweben und auf denen nun Emre Hüners zehn- und sechsminütige Filme laufen, die sich mit den Umwälzungen der Welt über Jahrhunderte hinweg beschäftigen – manifestiert in Gegenständen aus Stein, Keramik oder Plastik.

Noch bis zum 22. Juli sind die Arbeiten des türkischen Künstlers in dem Zimmer in der Augartenstraße 47 in der Karlsruhe Südstadt zu sehen. „ßpatz“ haben Thomas Georg Blank, Jonas Müller-Ahlheim und Dominic Scharfenberg ihren wandelbaren Projektraum genannt.

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Die Welt nach Karlsruhe bringen

„Die Idee für den ,ßpatz’ kam uns vor einem Jahr“, erzählt Thomas, als ich ihn und Jonas an diesem sonnigen Morgen besuche, und wir in ihrem Hinterhof sitzen. Gemeinsam mit Dominic überlegten sie, was sie mit dem noch leeren vierten Zimmer in ihrer Wohnung machen sollen. Ein Wohnzimmer einrichten, einen weiteren Mitbewohner suchen oder Kunst zeigen? „Sehr schnell waren wir uns einig, dass es letzere Option sein soll“, sagt Jonas. Ihre Idee: Jeden Monat neue Künstler aus anderen Städten und Ländern nach Karlsruhe holen und damit frischen Wind in die Karlsruher Kunstszene bringen. Ihr Wohnzimmer verlegten sie kurzerhand ins Bad, „Wohnbad“ nennen sie nun diesen facettenreichen Raum.

Eine Halfpipe mitten in der Wohnung

Ihr eigentliches Finanzierungskonzept: Durch die Bewirtung bei Vernissagen und weiteren Rahmenveranstaltungen wollten sie die Materialkosten decken. „Ganz schnell haben wir aber festgestellt, dass das überhaupt nicht funktioniert“, sagt Thomas lachend. Allein für die erste Ausstellung, bei der sie nach Plänen des mexikanischen Künstler-Duos Sangree eine Halfpipe aus Holz in das Zimmer bauten, bezahlten sie 1.000 Euro. „Das hat uns kurz hart ins Minus getrieben“, erinnert sich Thomas. Der Einsatz lohnte sich aber, ihre Engagement sprach sich schnell herum: Knapp 300 Besucher kamen beispielsweise zur Vernissage von Takuya Yamashita, die Resonanz war überwältigend.

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

In der Karlsruher Offspace-Szene tut sich was

Kennengelernt haben sich die drei jungen Herren an der Kunstakademie, an der sie alle freie Kunst studieren. „In der Off-Space-Szene in Karlsruhe passiert gerade Einiges“, erzählt Thomas und nennt als Beispiele unter anderem die Ateliers von Robert Loos und Umut Yasat, The Rotten Bar oder das V8. „Auch wir möchten mit unserem Projektraum einen Ort in der Fächerstadt schaffen, in dem es Neues zu entdecken gibt, Menschen miteinander in Kontakt kommen und ein Austausch stattfindet“, fasst Jonas zusammen. Eine Mischung aus WG-Party und Vernissage sozusagen.

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Ein Teil von “Die Anstoß”

Der „ßpatz“ ist Teil des interdisziplinären Vereins „Die Anstoß“, bei dem Jonas und Thomas Mitglied sind. „Wir sind ein Subprojekt und können beispielsweise auf die Kommunikationskanäle des Vereins zurückgreifen“, erläutert Jonas. Das ‘ß’ ist die offensichtlichste Verbindung. Grundsätzlich ist der „ßpatz“ aber autark organisiert.

Als Inspiration für den Name des Projektraums dienten die „Wasserspatzen“, eine hessische Spezialität, die besonders Thomas gerne mag und die sie zu Träumereien über ein eigenes, kleines Restaurant anregte. „ßpatz“ bezieht sich außerdem auf die fliegenden Spatzen, über die sie in der WG eine spannende Dokumentation sahen. „Die Vögel sind in jeder Großstadt vertreten, sie suchen sich ihre Nische zwischen den Betonbauten und behalten auch im Urbanen ihre Wildheit“, begründet Jonas.

Ausstellung von Laura Baginski / Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Ausstellung von Laura Baginski / Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Bunte Lichtspiele

Besonders Abwechslung und Vielseitigkeit sind den drei Studenten in ihrem „Nest“ wichtig. Nach dem Start mit der Halfpipe von Sangree im Februar, folgten sehr unterschiedliche Arbeiten. Laura Baginski stellte mit ihren Werken den weiblichen Körper in den Vordergrund, Takuya Yamashita verdunkelte den Raum und zeigte im Schwarzlicht fasziniernde Lichtinstallationen. „THE KIDS ARE ALRIGHT – Sex, Drogen und Gewalt“ lautete der Titel der Ausstellung von greater form, die sich mit Kindern und Jugendlichen in der Plattenbausiedlung Leipzig-Grünau auseinandersetzte.

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Credit: ßpatz/Thomas Georg Blank

Der erste Zyklus endet!

Angelehnt an die Vogel-Metapher wird die nächste Ausstellung, die am 27. Juli startet,  „Kuckucksei“ heißen. „Es wird eine Überraschung, wer seine Werke zeigt“, sagt Thomas. Danach ist erstmal Pause im “ßpatz”. Die drei Kunststudenten fliegen in die weite Welt. Thomas nach San Diego, Jonas nach Kopenhagen und Dominic ins Ruhrgebiet. „Wir kommen nächstes Jahr aber wieder in unsere WG zurück“, verspricht Jonas. Dann beginnt der nächste Zyklus des „ßpatz“, betonen die Herren. Es bleibt also spannend.

Infos:

Die Ausstellung von Emre Hüner läuft noch bis 22. Juli.

Die Vernissage von „Kuckucksei“ ist am Freitag, 27. Juli, ab 18 Uhr. 

Die theoretische Begleit-Veranstaltung dazu bei „Die Anstoß“ findet am Samstag, 26. Juli, 19 Uhr, mit Reinhard Büttner statt. 

Aktuelle Infos gibt es auf Facebook: sspatz und auf der Website: sspatz.org

Geöffnet ist der „ßpatz“ immer freitags  von 18 bis 22 Uhr und sonst auf Anfrage.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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