27. Dezember 2020

Schmöker: “Corpus Delicti” von Juli Zeh

“Corpus Delicti”: Wie lebt es sich in einer Gesundheitsdiktatur?

Mit Mundschutz durch den Alltag: Was für die meisten Menschen in den westlichen Ländern vor einem Jahr noch völlig abwegig erschien, ist in „Corpus Delicti“ von Juli Zeh Normalität. Der 2009 erschienene Roman spielt in der nahen Zukunft, irgendwann Mitte des 21. Jahrhunderts.

Die parlamentarische Demokratie hat ausgedient, stattdessen hat sich eine Gesundheitsdiktatur etabliert: die METHODE. Die Menschen tragen einen Chip im Arm, um ihre Aktivitäten und Körperwerte zu messen. Alles nur erdenklich Schädliche ist in der Diktatur verboten. Das heißt: keine Süßigkeiten, keine Zigaretten, kein Alkohol. Sport gehört zum Pflichtprogramm. Die Intention dahinter:

Im Gegensatz zu allen Systemen der Vergangenheit gehorchen wir weder dem Markt noch der Religion. Wir brauchen keine verstiegenen Ideologien. (…) Wir haben eine METHODE entwickelt, die darauf abzielt, jedem Einzelnen ein möglichst langes, störungsfreies, das heißt, gesundes und glückliches Leben zu garantieren. Frei von Schmerz und Leid.

Juli Zeh erzählt in „Corpus Delicti“ die spannende Geschichte von Mia Holl. Einer 34-jährigen Biologin, die sich im Laufe der Handlung immer weiter weg von einer sogenannten Idealbiografie entfernt und den Vorgaben des Systems nicht mehr folgt.

„Corpus Delicti“ ist ein äußerst kluger Roman, der in überspitzter Form zeigt, wohin ein Kontrollierungs- und Regulierungszwang vonseiten des Staates führen kann. Der aber auch die Verwendung von Fitnessapps sowie -armbändern kritisch infrage stellt.

Verurteilt zum Einfrieren

Bereits auf den ersten Seiten spoilert Juli Zeh das Ende. Mia Holl wird von einem Gericht zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit verurteilt. Der Grund: Ihr werden unter anderem terroristische Akte, die Gefährdung des Staatfriedens und der Missbrauch toxischer Substanzen vorgeworfen. Alles, was nun in den folgenden Kapiteln steht, ist die Erklärung, wie es dazu kam.

Mia hat Daten verweigert!

Mia steht am Anfang der Handlung zum ersten Mal vor Gericht. Der Grund: Sie hat ihre Meldepflichten vernachlässigt und ihren Schlaf- und Ernährungsbericht nicht eingereicht. Außerdem hat sie sich zu wenig bewegt. Die 34-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt aber noch keine Rebellin. Vielmehr hat sie der Tod ihres Bruders Moritz aus der Bahn geworfen und sie depressiv verstimmt.

Moritz war ein freiheitsliebender Mensch, der sich immer wieder Schlupflöcher in den restriktiven Vorgaben der METHODE suchte, sich seine kleinen Oasen im Alltag schuf. Er angelte beispielsweise Fische jenseits des Sperrzauns vom Hygienegebiet und aß sie statt seiner Proteinkonserven. Doch eines Tages wird ihm ein Mord an einer Frau vorgeworfen. Ein DNA-Test scheint seine Schuld eindeutig zu beweisen. Moritz streitet alles ab, wird jedoch verurteilt. Er bringt sich daraufhin im Gefängnis um.

Bevor er starb, hat er Mia aber noch „die ideale Geliebte“ übergeben. Eine imaginäre Freundin, die Moritz’ Ideen weitertragen soll und die einen großen Einfluss auf das Denken von Mia ausübt, so etwas wie ihr eigenes Gewissen wird.

Wie verändert sich unser Verhalten durch Kontrolle von außen?

Das Besondere an „Corpus Delicti“ ist der Entwurf der Gesundheitsdiktatur und die Implikationen, die damit einhergehen. Wie verändert sich unser Verhalten, wenn wir in allem, was wir tun, kontrolliert und überwacht werden – auch wenn es scheinbar nur zu unserem Besten ist? Die Richterin fragt dazu Mia:

„Kennen Sie körperliche Schmerzen, die in der Lage sind, Ihnen den Verstand zu rauben? Wissen Sie, was die Leute in früheren Zeiten durchgemacht haben? Leben bedeutet, sich selbst beim langsamen Sterben zuzusehen. Jeder Schritt in die Welt konnte ein Verderben sein, jedes Ziehen in der Brust oder Kribbeln im Arm der Anfang vom Ende. Die Angst davor, an sich selbst zugrunde zu gehen, war den Menschen ein ständiger Begleiter. Das Wesen dieser Menschen war die Angst. Ist es nicht ein großes Glück, diesen Zustand überwunden zu haben?“

Gesundheit vs. Spaß!

Doch für dieses Gesundheitsversprechen haben die Menschen all ihre Freiheiten aufgegeben. Freude und Spaß gibt in einem Leben unter der METHODE nicht. Der intakte Körper steht über allem. Schrittzähler, Pulsmesser, Basaltemperatur: All die Daten, die viele Menschen heute schon über Apps großen Konzernen zum Auswerten liefern, sind in der Gesundheitsdiktatur Pflichtabgabe. Eine gruselige Vorstellung.

Wie viel Staat muss sein?

Juli Zeh stellt durch ihr pessimistisches Science-Fiction-Szenario außerdem zur Diskussion: Wie viel Staat muss sein? Welche Regulierungen sind tatsächlich notwendig, um das Gemeinwohl zu garantieren. Wie viel muss das Individuum dafür an Freiheiten aufgeben? Themen, die gerade in der Corona-Pandemie wieder sehr aktuell sind. Außerdem stellt sich die Frage: Wie sicher sind Gerichtsurteile, die anhand von DNA-Tests gefällt werden?

Kurze Kapitel, viel Inhalt

„Corpus Delicti“ ist ein Roman, der aus kurzen Kapiteln besteht, deren Perspektiven immer wieder wechseln. Ihre Gemeinsamkeit: Sie sind alle voll bepackt mit substantiellen Aussagen. Manche Sätze musste ich zweimal lesen, weil sie so komplex und verschachtelt waren. Es lohnt sich aber! Obwohl Juli Zeh den Ausgang schon am Anfang andeutet, schafft sie es, die Geschichte keineswegs vorhersehbar enden zu lassen.

Inzwischen gibt es auch „Fragen zu Corpus Delicti“

„Corpus Delicti“ ist inzwischen auch Schullektüre. Da es so viele Interpretationsebenen und Denkansätze beinhaltet, hat Juli Zeh ein Zusatzwerk veröffentlicht: „Fragen zu Corpus Delicti“. So tief bin ich nun selbst nicht eingestiegen. Aber ich fand es sehr bereichernd den Roman zu lesen. Er unterhält und regt sehr zum Nachdenken an. Welche gesundheitsbezogenen Daten möchte ich tatsächlich mit wem teilen? Das sollte sich bereits jetzt jeder fragen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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