8. Januar 2021

Buchkritik: “The Girls” von Emma Cline

"The Girls" von Emma Cline

“The Girls”: Mehr als ein Psychothriller

Suzanne trägt ein schmutziges und sehr kurzes Kittelkleid, als Evi sie zum ersten Mal im Park sieht. Die Faszination ist sofort da. Als sich ihre Blicke treffen, die dunkelhaarige Suzanne lächelt, fängt Evis Herz an zu hüpfen, die Luft fängt an sich zu bewegen. Es ist der Beginn einer Affäre, die Evis eintöniges Leben in einen Strudel aus Sex, Drogen und Gewalt reißt.

„The Girls“ spielt im Kalifornien des Jahres 1969. Im Mittelpunkt steht die 14-jährige Evi, die durch die wilde Suzanne in eine Hippie-Kommune gerät, deren Anführer Russell an Charles Manson erinnert. Er setzt minderjährige Mädchen unter Drogen und stiftet sie zu Morden an.

Diese Beschreibung allein hätte mich nicht dazu gebracht, „The Girls“ von Emma Cline zu lesen. Doch der Debütroman der Amerikanerin ist alles andere als ein stupider Psychothriller. Vielmehr ist es ein Psychogramm, das zeigt, was einen scheinbar gewöhnlichen Teenager dazu bringt, freiwillig die Nähe einer solchen Sekte zu suchen – und dort zu bleiben. Zudem ist „The Girls“ sprachlich beeindruckend.

Vernachlässigt und unsichtbar

Als Erwachsene erzählt Evi ihre Geschichte, blickt zurück auf die Zeit, als sie mit 14 Jahren verloren durch den Alltag irrte. Ihre Eltern sind geschieden, ihre einzige Freundin distanziert sich von ihr, Evi fühlt sich vernachlässigt, unsichtbar – bis Suzanne sie im Park bewusst anlächelt, sie in ihren Bann zieht und alle Grenzen überschreitet.

“Diese langhaarigen Mädchen schienen über allem zu schweben, was um sie herum geschah. Tragisch und abgehoben. Wie Fürstinnen im Exil. Ich musterte die Mädchen mit schamlosem, unverhohlenem Glotzen. Etwas von einer anderen Welt umgab sie. Sie bewegten sich in einem unbehaglichen Grenzbereich zwischen Schönheit und Hässlichkeit und ein Schauer gesteigerter Aufmerksamkeit folgte ihnen durch den Park.”

Interessante Kombination

Emma Cline schafft es, dass man als Leser einen Zugang zu Evi bekommt, ihr Verhalten in all seiner Irrationalität versteht, es logisch, erklärbar findet. Die Spannung steigt kontinuierlich von Seite zu Seite – bis zum blutigen Ende. Aber das ist letztlich nicht entscheidend. Immer wieder hing ich beim Lesen an einzelnen Sätzen wie

„Die Einsamkeit, an der ich mich überfressen konnte wie an den Salzcrackers, die ich packungslos verdrückte, weil ich die Natriumschärfe in meinem Mund genoss.“

oder:

„Ich dachte, jemanden zu lieben fungiere als eine Art Schutzmechanismus, als begreife der geliebte Mensch das Ausmaß und die Intensität der ihm entgegengebrachten Gefühle und verhielt sich entsprechend. Das erschien mir fair, als wäre Fairness ein Maßstab, der das Universum auch nur im Geringsten interessierte.“

„The Girls“ ist ein kluges, unterhaltsames Buch, das Spannung, die Liebe zur Sprache und Psychologisches miteinander verbindet, eine interessante Kombination.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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