15. Dezember 2020

Heimat: “Was steckt hinter ato.black? Ein Interview mit Norina Quinte”

“Atofakt” von Nemanja Sarbajic (Credit: Sebastian Heck)

ato.black: “Strukturen innerhalb der Kunstwelt neu denken”

Die Crew von ato.black (kurz: ato) möchte Künstler*innen auf vielfältige Weise unterstützen. Wie genau, hat mir Norina Quinte verraten. Sie gehört zu den Gründungsmitglieder*innen der Online-Vermittlungs- und Verkaufsplattform für Kunst, die ihre Basis in Karlsruhe hat.

Außerdem hat sie mir geschrieben, was die Arbeit von ato.black ausmacht, wie die Zusammenarbeit mit den Künstler*innen läuft – und welche Potenziale die Fächerstadt für sie hat. Erfahrt mehr dazu im folgenden Interview!

“Atofakt” von Peter Piek (Credit: Sebastian Heck)

Für alle, die ato.black noch nicht kennen – kannst du kurz erklären, was hinter eurem Projekt steckt?

Norina: Unsere Crew besteht aus kreativen Köpfen und Macher*innen, die mit ihrer Arbeit den Kunstbetrieb voranbringen möchten. Wir vermitteln und verkaufen Kunst über unsere Webseite.

Außerdem organisieren wir Happenings und Ausstellungen an unterschiedlichsten Orten. Kunst muss nämlich physisch erlebbar sein. Die Welt wird immer komplexer. Das wirkt sich natürlich auch auf die Kunstwelt aus. Wir haben deshalb erkannt, dass wir dieser Entwicklung am besten im Kollektiv gerecht werden können.

Visionen unserer Arbeit sind Humor, Perspektivenvielfalt, Dialog, keine Ellenbogenmentalität und Transparenz. Damit wir – und alle, die sich zukünftig anschließen – unseren eigenen Werten treu bleiben, haben wir ein Manifest verfasst. Voraussetzung für die Teilnahme an ato ist, dass diese Grundsätze verstanden und praktisch umgesetzt werden.

“Atofakt” von Hannah Cooke (Credit: Hannah Cooke)
“Atofakt” von Sibylle Wagner (Credit: Sebastian Heck)

Die Idee zu ato entstand vor drei Jahren – was war der konkrete Anlass?

Norina: Die ursprüngliche Idee entstand aus der Neugierde heraus, einen Weg zu finden, wie Künstler*innen und Kulturschaffende langfristig finanziell fairer an Werkverkäufen beteiligt werden könnten. Außerdem war 2017 der Kunstmarkt vorwiegend entweder nur online oder rein „offline“ vertreten.

Uns fehlte ein Angebot, das beides zusammenbringt. Online-Plattformen können den Kunstkauf und das Netzwerken stark vereinfachen, dennoch kann nicht außer Acht gelassen werden, dass das reale Erleben von Kunst elementar ist. Ein weiteres wichtiges Anliegen war schon damals, dass der Kreis kunstinteressierter Personen wachsen sollte und aus der elitären Blase befreit wird.

“Atofakt” von Constanze Zacharias (Credit: Sebastian Heck)

Und daraus haben sich dann eure Ziele abgeleitet?

Norina: Genau. Ein Anliegen von ato ist es, Strukturen innerhalb der Kunstwelt neu zu denken. Deshalb haben wir ein neues Beteiligungsmodell für Kunstverkäufe entwickelt. Beim Verkauf von Kunstwerken profitieren selbstverständlich die Künstler*innen. Zudem trägt unser Modell dazu bei, dass alle anderen Akteur*innen unserer Crew, die größtenteils aus der geisteswissenschaftlichen und kreativen Branche kommen, für ihre geleistete Arbeit prozentual beteiligt werden.

Unser Ziel ist es auch, dass wir Menschen für Kunst begeistern können, die unserer Meinung nach von Galerien zum Teil nicht ernst genug genommen werden, weil sie beispielsweise als nicht kaufkräftig genug erscheinen. Deshalb bieten wir auch Aktionen wie das „Atofakt“ an.

Wie genau unterstützt ihr die Künstler*innen?

Norina: Für Künstler*innen wollen wir eine Struktur schaffen, die hilft, sie in ihrer Eigenvermarktung zu unterstützen – auch ohne große finanzielle Mittel. Gerade im digitalen Bereich sind gute Abbildungen, filmische Portraits usw. zunehmend wichtiger, um potentielle Käufer*innen zu erreichen. Unsere Crew erstellt die Inhalte und wird durch anschließende Werkverkäufe transparent und fair dafür entlohnt.

Wir möchten weiter die Künstler*innen auch als Menschen hinter ihren Werken vorstellen, dass der Beitrag, den sie durch ihre Arbeit für die Gesellschaft leisten und somit der Wert von Kunst, verstanden werden kann. Dies passiert zum Beispiel durch die Inhalte auf unserer Homepage. In unserem Magazin und auf den individuellen Profilseiten zeigen wir Beiträge von Künstler*innen und der Crew, die einen ersten Zugang ermöglichen und einfach Spaß machen.

Für Kurator*innen und Künstler-Agent*innen, die oftmals nicht über die finanziellen Mittel verfügen, eine klassische Galerie zu eröffnen, bieten wir die Möglichkeit, eigene Künstler*innen über unserer Seite zu vertreten. Unsere Struktur bricht quasi mit der Idee von einzelnen „Galeriebetreiber*innen“ und bietet stattdessen Hilfestellungen durch kollektives Arbeiten. Hier scheint nämlich Bedarf zu bestehen. Wir sind mit einigen Personen im Dialog, die sich 2021 mit ihrer Künstler*innen-Auswahl anschließen möchten.

Wo seht ihr derzeit die größten Herausforderungen in der Kunstwelt?

Norina: Nach wie vor können nur unter fünf Prozent der Künstler*innen von ihrer Kunst leben. Außerdem ist es für sie sehr schwierig, Galerien zu finden, die sie langfristig vertreten. Das Verhältnis von Galeriebetrieb und Künstler*innen scheint nicht zu stimmen. Es ist für viele Künstler*innen schwierig, neben ihrer eigentlichen Arbeit, also dem Schaffen von Kunst, täglich an Eigenvermarktung denken zu müssen.

Aber auch Galerien haben zu kämpfen: Die monatlichen Mieten für Galerieräume sind sehr hoch, dies allein führt schon zu erheblichen Fixkosten. Wer als Galerie erfolgreich sein möchte, gibt außerdem horrende Standgebühren bei Messen aus, ohne im Vorhinein zu wissen, ob ausreichend Verkäufe zustande kommen.

Dazu kommt noch die Bezahlung der Content-Produzent*innen und vieles mehr, was Geld kostet. Zu mir sagte einmal jemand: Wer in den Galeriebetrieb möchte, muss entweder gut geerbt haben oder sollte reich heiraten. Das ist nicht gerade ermutigend.

“Atofakt” von Von Silberland (Credit: Von Silberland)

Welche Schwierigkeiten begegnen euch im Alltag?

Norina: Unsere Crew ist über Deutschland hinweg verteilt – über Berlin, Karlsruhe oder auch Stuttgart beispielsweise. Dadurch, dass wir keinen festen Ort haben und auch dezentral arbeiten, sind wir gerade zu Beginn unserer Arbeit für manche Menschen schwer greifbar.

Es gibt Leute, die sehen uns als einen Offspace, für andere sind wir eine Galerie. Auch als Agentur wurden wir schon bezeichnet. Die Ideen, die wir bei ato umsetzen möchten, sind komplex und es bedarf Zeit, bis alles verständlich kommuniziert werden kann.

Hinzu kommt, dass wir durch unseren Wunsch nach Veränderung bei bestehenden Galerien nicht immer beliebt sind. Das variiert aber, wir hatten beispielsweise auch schon Zuschriften von Galerist*innen, die uns bestärkt haben und die Problematik, mit der wir uns befassen, durchaus erkannt haben. Und klar: Geldmangel ist oft ein Problem, aber das ist leider ein globales Phänomen…

Wie geht es euch gerade mit den Einschränkungen aufgrund der Coronakrise?

Norina: Wir haben gemischte Gefühle. Es war uns zwar vor dem krisengeprägten Jahr 2020 klar, dass wir mit unserer Idee einen langen Atem brauchen. Geld hatten wir auch zuvor immer nur so viel, wie wir selbst gerade investieren konnten. Trotzdem ist es in diesem Jahr schwierig, da wir die Online-Plattform im Dezember 2019 gelauncht haben und wir nun sicherlich nicht so arbeiten konnten, wie wir es ursprünglich planten.

Außerdem haben wir großes Pech, weil wir uns offiziell noch in der „Gründung“ befinden und wir deshalb kein einziges Corona-Hilfspaket beantragen konnten. Wir können nicht nachweisen, was wir 2019 an Umsätzen hatten, da es uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich gab. Es ist schade, bestehende (Galerie-)Systeme erfahren finanzielle Unterstützungen, Ideen, die das System „neu denken“, leider nicht.

SOLO mit Hannah Cooke (Credit: Sebastian Heck)
SOLO mit Hannah Cooke (Credit: Sebastian Heck)

Konntet ihr 2020 trotzdem Projekte realisieren?

Norina: Ja, wir haben 2020 so gut es ging genutzt. Im März hatten wir beispielsweise ein Ausstellungsformat zum Weltfrauentag mit fünf Künstlerinnen – zur gleichen Zeit verteilt auf London, Berlin und Karlsruhe.

Wir haben außerdem sehr früh angefangen, eine Residency-Reihe zu starten und stellten jeden Monat einer/einem neuen Künstler*in unser Büro in der Kaiserstraße in Karlsruhe zur Verfügung. Dort konnten dann Besucher*innen „SOLO“ vorbeikommen und die Arbeitsprozesse mitverfolgen.

Das Format stieß auf gute Resonanz und hat sich im Nachhinein als ideale Lösung herausgestellt. Künstler*innen konnten dadurch präsent sein und verschwanden nicht von der Bildfläche. Im Oktober organisierten wir noch eine Ausstellung von Kristiane Kegelmann und Benjamin Breitkopf in einer alten Remise in Berlin, die kurz vor dem Abriss stand und bei der das Thema “Verrottung” im Mittelpunkt stand.

Remiserable Berlin (Credit: Leonard Schulz)
Remiserable in Berlin mit Werk von Kristiane Kegelmann (Credit: Leonard Schulz)

Was sind derzeit für euch die größten Herausforderungen?

Norina: Die Herausforderungen für uns sowie alle Künstler*innen und Kulturschaffende liegt im Moment sicherlich darin, dass nicht klar ist, ob die Dinge, die wir durchdenken und organisieren, auch wirklich stattfinden werden. Das kostet viel Kraft – insbesondere bei unbezahlter Arbeit.

Zum Beispiel haben wir für November eine Ausstellung mit 24 verschiedenen Positionen geplant. Der vorgesehene Titel: „Was heisst morgen?“. Wir hatten ihn schon 2019 ausgesucht, nun hätte er auch perfekt zur aktuellen Lage gepasst. Kurz vor dem Start kam aber der Lockdown light, wir mussten alles absagen – alle Energie und Arbeitszeit fiel vorerst in sich zusammen, ohne ersichtliches Ergebnis.

SOLO mit Nemanja-Sarbajic (Credit: Emma-Lilo Keller)

Euer Team ist weit verstreut. Warum habt ihr ausgerechnet Karlsruhe als Basis für euer Büro ausgewählt?

Norina: Karlsruhe bildete am Anfang für uns eine gute Basis und ist auch immer noch ein Ort, an dem sehr viel passiert. Einige von uns haben hier studiert, einen Job gehabt oder bei der Gründung von „Die Anstoß“ mitgewirkt – dadurch entsteht ein großes Netzwerk.

Das Büro in der Kaiserstraße können wir uns leisten, da uns die Stadt Karlsruhe bei der Miete unterstützt. Wir beschränken uns aber nicht auf die Fächerstadt: Ausstellungen haben wir in diesem Jahr auch in London und Berlin organisiert.

SOLO mit Peter Pieks Installation auf dem Kronenplatz Karlsruhe (Credit: Sebastian Heck)

Was schätzt ihr an der Fächerstadt?

Norina: Je länger wir hier sind, desto mehr schließen wir die Stadt in unser Herz. Das liegt zum einen natürlich an den Menschen, aber auch daran, dass die Stadt kulturell noch nicht vollständig gesättigt ist.

Das heißt, wenn man etwas vor hat und eine gewisse Ausdauer mitbringt, wird man auch gehört und kann Projekte umsetzen. Karlsruhe hat übrigens auch die größte Künstler*innen-Dichte Deutschlands!

SOLO mit Von Silberland Karlsruhe (Credit: Norina Quinte)

Woran mangelt es?

Norina: Obwohl es in den vergangenen Jahren viele neue Projekträume, Aktionen und Kulturangebote gab, könnte die Bespielung der öffentlichen Orte und Plätze weiter vorangebracht werden. Hier ist Karlsruhe doch sehr brav. Ein wenig mehr Mut und Freiheit würde sicherlich nicht schaden. Außerdem fehlt es an Unterstützung inhaltlicher Innovationen, denn Karlsruhe unterstützt finanziell vor allem technologische Entwicklungen.

SOLO mit Peter Pieks Installation Karlsruhe (Credit: Sebastian Heck)

Was sind eure nächsten Pläne?

Norina: Ab Februar werden wir unser Büro in einen kleinen „Atofakte-Shop“ umbauen. Es wird allerdings nicht nur ein Shop, sondern auch ein Experimentier-Labor für unser Crew-Mitglied Emma-Lilo Keller. Sie konzipiert und entwirft unsere zukünftige „mobile Galerie“. Denn im Juni 2021 ziehen wir aus der Kaiserstraße aus und werden mit diesem wandelnden Ausstellungsmobil durch Deutschland touren und Kunstvermittlung und Happenings in den öffentlichen Raum bringen.

Wir freuen uns sehr auf diesen Prozess. Es ist spannend, darüber nachzudenken, was eine „mobile Galerie“ alles beinhalten sollte, damit sie viele Personen anspricht und somit auch auf die Bedeutung von Kunst aufmerksam macht.

Da wir unsere Infrastruktur gerne mit vielen Interessierten teilen möchten, werden wir auch 2021 diejenigen Personen betreuen, die sich ato anschließen und sie im Team willkommen heißen. Unser ganz persönliches Ziel ist es, dass wir dem Projekt weiterhin die Zeit einräumen, die es verdient, ohne uns von äußeren Umständen unter Druck setzen zu lassen.

Informationen zu ato.black

Weitere Infos und die “Atofakte” findet ihr auf der Webseite von ato.black

SOLO mit Von Silberland Karlsruhe (Credit: Norina Quinte)
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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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