10. September 2022

Serienkritik: “Familiengeheimnisse”

„Familiengeheimnisse“: Netflix-Serie aus Polen mit starken und schwachen Momenten

Kurz vor dem Ja-Wort bekommt Kaska (Eliza Rycembel) Panik. Hochschwanger läuft sie von der vollbesetzten Kirche weg und lässt ihren Bräutigam Jan (Bartosz Gelner) warten. Die Hochzeitsgesellschaft ist verwirrt. Warum kommt Kaska so spät? Wird die Hochzeit trotzdem stattfinden?

Was hinter Kaskas Zweifeln steckt, wird in der polnischen Netflix-Serie „Familiengeheimnisse“ nun in acht Folgen erzählt. Keineswegs geradlinig und chronologisch, sondern in vielen verschiedenen Rückblenden, die nach und nach entwirren, wie es zu der Situation in der Kirche kommen konnte.

Wer ist überhaupt der Vater von Kaskas Kind? Und in welchem Verhältnis stehen Jans Vater (Pawel Delag) und Kaskas Mutter (Izabela Kuna) zueinander? Eine Überraschung folgt auf die nächste.

So viele Geheimnisse

Es sind vor allem die Rückblenden und das verworrene Geflecht, die für mich den Reiz der Serie aus Polen ausmachen. Einzelne Ereignisse werden mit der Zeit mehrmals aus anderen Perspektiven gezeigt. Dadurch verändert sich jedes Mal die Bedeutung.

Schnell ist klar, dass nur wenige Monate vor der Hochzeit nicht etwa Jan, sondern Pawel (Piotr Pacek) Kaskas große Liebe war. Er rettet ihr fünf Jahre zuvor das Leben, als sie nach der Zusage für ihr Medizinstudium in Warschau unachtsam über Gleise läuft und fast von einer Bahn überfahren wird – hätte sie Pawel nicht rechtzeitig weggezogen.

Auch Pawel ist Medizinstudent und es dauert nicht lange, bis sie nach dieser ersten Begegnung ein Paar werden. Alles ist gut, bis Pawel den Wunsch äußert, heiraten zu wollen. Kaska ist es noch zu früh – vor allem weil sie sehr unter der Trennung ihrer Eltern leidet.

Kurze Zeit später verschwindet Pawel plötzlich spurlos aus Warschau. Auch über das Handy ist er nicht mehr zu erreichen. Kaska ist traurig und verwirrt. Was steckt dahinter?

Viel Geld, aber auch viel Drama

Viel Drama gibt es auch im Leben von Jan, dem stehengelassenen Bräutigam, und seiner sehr elitären Familie. Der attraktive Vater Emil hat eine florierende Klinik für plastische Chirurgie, in der auch Jan als Arzt arbeitet. Mutter Dorota (Edyta Olszówka) ist Professorin und leitet Seminare, an denen Kaska und Pawel teilnehmen.

Die Familie ist trotz Reichtum und schöner Villa völlig zerrüttet. Emil hat ständig Affären. Dorota ist frustriert und fühlt sich zu einem Studenten hingezogen. Jan ist durch die emotionale Kälte in seiner Familie so verloren, dass er kokst und ständig Party macht. Als Dorotas Affäre mit ihrem Studenten aus den Fugen gerät, eskaliert die Situation.

Kurzweilig, aber mit Einschränkungen

„Familiengeheimnisse“ ist bis zum Schluss sehr kurzweilig. Die Warschauer Kulisse ist toll, die Schauspieler*innen ebenfalls und einige Szenen haben auch großen Witz. Die Konzeption macht außerdem neugierig.

Ganz perfekt ist „Familiengeheimnisse“ trotzdem nicht. Zu einem gibt es in der Serie sehr viele unrealistische Zufälle. Ständig begegnen sich die einzelnen Familienmitglieder an verschiedenen Orten in Warschau und ertappen sich so bei Heimlichkeiten – was bei der Größe der Stadt sehr unrealistisch ist.

Zum anderen wirken manche Konflikte etwas zu konstruiert und bringen sehr viel unnötiges Drama – wie beispielsweise der Autounfall der Eltern von Jans bestem Freund. Oder der Tod des Verlobten von Kaskas Schwester. Möglicherweise hätte es der Serie gut getan, statt acht nur sechs Folgen zu haben, um die Handlung etwas realistischer und schneller voranzutreiben.

Irritierendes Ende

Irritiert hat mich auch das Ende. Entweder soll es so offen sein, weil weitere Folgen geplant sind. Oder den Macher*innen war ein Knall am Schluss wichtig. Es wird sich zeigen, ob es eine zweite Staffel von “Familiengeheimnisse” geben wird. Falls nicht, bin ich vom Ausgang enttäuscht.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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