29. März 2023

Karlsruhe: “Ein Wiedersehen mit Nico Schnepf”

Nico Schnepf
Das ist Nico Schnepf. Credit: Martin Köhler

Auf der Suche nach Schönheit: Nico Schnepf hat einen besonderen Bildband veröffentlicht

Blitzende Helme, eine glitzernde Discokugel und kleine Schnurrbärte, die das Bühnenbild zieren: Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ich Nico Schnepf mit seiner damaligen Band „Mini Moustache“ zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe.

Es ist ein besonderes Spektakel im Karlsruher Club „Die Stadtmitte“ – optisch und musikalisch. Disco trifft auf Funk und Pop. Dazu französische Texte. „Mini Moustache“ ist Anfang der 2010er Jahre definitiv ihrer Zeit voraus, es ist ein toller Abend.

Mehr als 25 Jahre Bühnenerfahrung

Dass ich Nico in den nächsten Jahren in Karlsruhe noch so oft über den Weg laufen werde, ahne ich damals noch nicht. Aber ich merke schnell, wie gut er in der Kulturszene der Region und weit darüber hinaus vernetzt ist – kein Wunder bei seiner Vita.

Der gebürtige Rastatter studiert im ersten Jahrgang „Popmusikdesign“ an der Popakademie Baden-Württemberg und sammelt bereits früh Kontakte zu anderen Musiker*innen – war Keyboarder unter anderem für Königwerq, Paucker, We Invented Paris und L’Aupaire.

Er komponiert Filmmusik, ist Gründer des Studios & Labels „Monohausen“, betreibt das Designbüro „We Are Design“ in der Karlsruher Weststadt und ist von Beginn an Teil des Künstlerkollektivs „Das Vereinsheim“.

Bereits kurz nach dem Auftritt mit „Mini Moustache“ sehe ich ihn so wieder. Dieses Mal im „Tempel“ bei einem „Das Vereinsheim“-Konzert, bei dem er befreundete Musiker*innen als Keyboarder begleitet. Auf der Aftershow-Party kommen wir ins Gespräch, der Kontakt hält über die Jahre.

Vor ein paar Monaten flattert dann eine Einladung von ihm in mein E-Mail-Postfach. Während der Corona-Pandemie hat Nico einen Bildband erstellt – mit Fotografien, die in den vergangenen Jahren bei Konzerten, auf Reisen oder bei Abenden mit Freund*innen entstanden sind. In seinem Designbüro in der Weststadt präsentiert er Ende 2022 eine Ausstellung zum Bildband. Grund genug, endlich einmal mit ihm über sein vielfältiges künstlerisches Schaffen zu sprechen.

Nico Schnepf, We are Design
Alle nun gezeigten Fotos sind von Nico Schnepf.
Nico Schnepf, We are Design

Du hast einen Bildband mit dem Titel kommkomm herausgebracht. Was hat dich auf die Idee dazu gebracht?

Nico: Ein künstlerisch sehr herausforderndes Jahr 2020 hat mich – wie so viele Menschen in der kreativen Zunft – überraschend in eine Zeit der Ungewissheit geführt. Anfangs konnte ich damit gut umgehen, aber mit zunehmender Unsicherheit und fehlendem sozialen und kreativen Austausch klopften die Fragezeichen nach Kunst, dem Leben mit und von ihr, nach Sinn, Schaffen, Aufgabe und Berufung immer lauter an die Tür. Irgendwann öffnete ich sie und begann, die vielen Fragen zu sortieren.

Nico Schnepf, We are Design

Wie stelle ich mir diesen Prozess vor?

Nico: Am Anfang stand das Aufräumen, Entdecken, Sichten, Trennen und Wegwerfen von Material in überfüllten Schubladen und Archiven. Unter den analogen und digitalen Staubschichten stieß ich auf vergessene Aufnahmen, die für mich eine besondere Schönheit aufwiesen und/oder auf eigentümliche Weise miteinander sprachen.

Hunderte von unveröffentlichten Abzügen an der Atelierwand zu sehen, machte mich zunächst stolz. Aber ich habe mich auch gefragt, warum ich sie noch nicht mit der Welt geteilt habe – und ob das überhaupt Sinn ergibt.

Über Instagram wäre das ganz einfach, aber ich konnte mich bis heute nicht dazu durchringen, mich auf diesen Kanal mit seiner Geschwindigkeit, seiner algorithmischen Durchdringung und seinem hohen Suchtpotenzial einzulassen. Außerdem liebe ich Papier, die Haptik und den Geruch von Druckerschwärze. Daher gab es für mich nur die Möglichkeit, die Arbeiten in Buchform zusammenzufassen.

Ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg zur Förderung der künstlerischen Praxis half mir, die Umsetzung halbwegs realistisch weiterzudenken und das Projekt in Angriff zu nehmen.

Nico Schnepf, We are Design

Reiseeindrücke, Porträts, mal farbig, mal schwarz-weiß: In kommkomm kombinierst du unterschiedlichste Fotografien auf verschiedenen Papieren. Was war dir bei der Gestaltung wichtig?

Nico: Die Herausforderung bestand für mich darin, Motive aus einem Zeitraum von zwölf Jahren zusammenzubringen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Das mag einfacher sein, wenn man den Ruf von Wolfgang Tillmans genießt (zu Recht!) – für mich war es ein ziemlich grausamer Prozess. Jedenfalls bis zu dem Abend, an dem ich eine Komposition fand, die eine verbindende Geschichte aus mir heraussprudeln ließ, plötzlich ergab alles einen Sinn!

So beschreibt kommkomm mit Text und Bildern für mich einen ganz besonderen Lebensabschnitt; ein Finden, Zweifeln, Vertrauen und die ständige Suche nach Schönheit. In zwei Kapiteln erzählen Bilder und Texte von Stationen und Situationen im Leben, die dem einen oder anderen überraschend bekannt vorkommen mögen.

Die Entstehungsgeschichte der Motive ist sehr unterschiedlich. Neben vielen geplanten Porträts für Plattencover zeigt das Buch auch spontane Begegnungen auf Reisen, soziale Kontraste und subtile Details, die oft auf eigentümliche Weise miteinander sprechen oder sich in der Gegenüberstellung auf einer Doppelseite kompositorisch ergänzen.

Nico Schnepf, We are Design
Nico Schnepf, We are Design

Du schreibst im Buch, dass du erste Anzeichen einer Retromanie verspürst. Wonach genau sehnst du dich?

Nico: Weniger Tempo, länger durchhalten, weniger Ablenkung, mehr Blickkontakt, mehr Papier lesen – oder einfach mal nicht lesen; klarer Fokus, Verlässlichkeit und so weiter.

In Mannheim hast du an der Popakademie studiert, seit Jahren dein Kreativbüro aber in der Karlsruher Weststadt. Was schätzt du daran?

Nico: Die Zeit in Mannheim habe ich sehr genossen. Im ersten Jahrgang der Popakademie konnten wir noch viel mitgestalten und die Popkultur und Szene der Stadt aufmischen. Nach dem Studium hatte ich das Bedürfnis, für ein paar Jahre nach Berlin zu gehen, um die Stadt und die wachsende internationale Szene aufzusaugen – das war sehr lehrreich, intensiv und ausgelassen, aber meine eher süddeutsche Sozialisation, Familie, Liebe und Freunde waren ein starker Magnet für mich, wieder in meine Heimat zurückzukehren.

Ehrlich gesagt ist es keine besonders innige Liebesgeschichte mit Karlsruhe oder einem Stadtteil. Wir haben hier einfach eine schöne Wohnung und ich habe tolle Atelierräume in der Uhlandstraße gefunden – und der Hafen mit unserem zweiten Zuhause ist auch nicht weit.

Du bist nicht nur Fotograf und Grafiker, sondern auch Musiker und vieles mehr. Inwiefern hat die Pandemie deine Arbeit verändert?

Nico: Tatsächlich war jede der von dir beschriebenen Aktivitäten in der Vergangenheit ein wichtiges Ventil für mich. Die Pandemie bedeutete unter anderem ganz konkret eine dreijährige Konzertpause. Das hat mir nach 25 Jahren sehr regelmäßiger Bühnenpräsenz am meisten zugesetzt.

Mit Fotografie und Grafik habe ich versucht, die Umstände und Auswirkungen künstlerisch zu verarbeiten, beispielsweise in der Serie CovidFuture oder im Kooperationsprojekt Pandemische Spaltung mit Sarah Lipfert.

Musikalisch isoliert und ohne meine Kollegen zu komponieren, war auch neu für mich. Hier entstand die Serie tsayd. Instrumentale Momentaufnahmen, eher unprätentiös und ohne ambitionierte Studiotechnik, verbinden sich hier mit naiven Onetakes am heimischen Küchenklavier und entschleunigten Filmaufnahmen aus meinem Reisearchiv.

Und wie siehst du in die Zukunft?

Nico: Puhhhhh. In die Zukunft… Ich hoffe, dass es uns als Gesellschaft gelingt, wieder unbeschwerter zu werden. Ein Bewusstsein zu wecken, das die Kraft, Chancen und Werte von Musik, Kultur und Kunst erkennt, Mut zur Weiterentwicklung macht und insgesamt mehr Wertvolles, Ehrliches und Eigenständiges auf Bühnen, Leinwände, in Ausstellungen, Hallen und Clubs bringt.

Karlsruher Lichtblicke des vergangenen Sommers waren für mich auf jeden Fall Hereinßspaziert oder der WERKstattPALAST.

Nach den anstehenden Konzerten mit meinem musikalischen Herzensprojekt Das Vereinsheim geht es im April wieder für ein paar Monate mit meiner kleinen Familie, Segelboot, Kamera und Instrument durchs Mittelmeer: nach Schönheit suchen. Mal schauen, was ich entdecke und am Ende daraus mache…

Den Bildband gibt es auf der zugehörigen Webseite: www.wearedesign.de/kommkomm

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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