5. April 2020

Coronavirus in Karlsruhe: Ein Gespräch mit Diana Böhm von “Unser Onkel”

"Unser Onkel" Karlsruhe
Credit: Katja Sievers I photography

Wie steht es um “Unser Onkel”?

Das Coronavirus hat das gesellschaftliche Leben komplett lahmgelegt. Sowohl Gastronomie als auch Kultureinrichtungen und Einzelhandel mussten schließen. Diana Böhm hat mit “Unser Onkel” in der Karlsruher Weststadt ein kleines Paradies geschaffen. Papeterie, Wohnutensilien, Accessoires, Kleidung und viele andere schöne Dinge verkauft sie in ihrem Laden. Die Coronavirus-Maßnahmen treffen sie hart. Ich habe sie deshalb gefragt: Wie geht es dir? Und wie können wir dich unterstützen?

Liebe Diana, du musstest wegen der Corona-Pandemie den Laden schließen. Wie hast du die vergangenen Tage erlebt?

Diana: Es ist gerade eine sehr emotionale Zeit. Auf der einen Seite ist es sehr schwer, den Laden für ungewisse Zeit zu schließen, auf der anderen Seite erfahren wir gerade sehr viel Zuspruch von unseren Kunden. Bereits an dem Samstag vor der Schließung hatten wir im Laden einen wirklich sehr schönen Tag. Es gab viele tolle Gespräche, auch wenn das Coronavirus im Mittelpunkt stand. Jeder hatte seine Probleme und Ängste damit und doch war es bewegend zu sehen, wie Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen – selbst wenn sie sich gar nicht kennen. Die Stimmung war trotz des schweren Themas gut und fröhlich. Viele Stamm-, aber auch Neukunden, wünschten uns viel Glück, Mut und Zuversicht für die nächste Zeit.

Besonders berührt hat mich in den vergangenen Tagen, dass Marlene und Tim Kaupa, zwei Herzensmenschen und liebe Stammkunden, bei Betterplace sogar eine Spendenpetition für uns, andere Künstler und Labels gestartet haben. Sie sind alle so zauberhaft und ich bin stolz darauf, so tolle Kunden zu haben.

Was sind für dich als Einzelhändlerin nun die größten Herausforderungen?

Diana: Diese Ungewissheit, wann wir wieder öffnen können, ist sehr schwer auszuhalten. Gerade die Monate März, April, Mai und auch Juni zählen zu sehr umsatzstarken Monaten. Die Fixkosten laufen weiter und jeder, der die Mietpreise in der Weststadt kennt, kann sich vorstellen, dass die Ladenmieten nicht günstig sind.

Dazu kommt, dass gerade die Frühjahr-/Sommerkollektionen ausgeliefert wurden – beziehungsweise noch werden. Das ist Ware, die nicht verkauft werden kann, aber bezahlt werden muss. Wir haben die Produkte bereits im vergangenen Jahr bestellt. Sie kann nun nicht einfach storniert werden – und wir sprechen hier von mehreren Tausend Euro.

Wir möchten die Ware außerdem gar nicht zurückschicken. Denn wir arbeiten ausschließlich mit kleinen Öko-Labels aus dem Modebereich zusammen. Auch ihnen sind die Hände gebunden. armedangels hatte angekündigt, die Auslieferzeiten um einen Monat nach hinten zu schieben, Dedicated und People Tree bemühen sich um die Verlängerung der Zahlungsfristen, usw. Das sind alles nett gemeinte Maßnahmen, helfen aber weder dem Einzelhandel noch den Labels.

Die Auswirkungen gehen viel weiter, als man es sich vorstellen kann. Können die kleinen Ökolabels nicht mehr existieren, dann betrifft es alles, was wir uns bislang im Bereich fairer und ökologisch hergesteller Mode aufgebaut haben.

Wir können nur spekulieren über die wirtschaftlichen Konsequenzen, die bis in die Produktionsländer wie Indien, Portugal, die Türkei, aber auch Deutschland reichen.

Für die wirtschaftliche Situation des Einzelhandels bedeutet es konkret: Wenn er keinen Umsatz macht, kann er auch später nichts bezahlen. Deshalb sind Kredite keine optimale Lösung. Und auch eine Stundung der Miete hilft nur vorübergehend – bezahlt werden muss sie ja trotzdem. Das Problem wird nur nach hinten verschoben, die Insolvenz droht weiter. Deshalb ist dringend eine finanzielle Soforthilfe notwendig.

Wir können kein Kurzarbeitergeld beantragen oder beziehen weiterhin von jemand Drittem Gehalt. Das muss jedem bewusst sein. Unsere größte Herausforderung ist nun, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um an Gelder zu kommen. Wir haben keine laufenden Kredite, müssen aber zusehen, dass wir jetzt einen erhalten.

Du stehst im direkten Kontakt mit vielen kleinen Labels – was bekommst du da für ein Feedback?

Diana: Die kleinen Labels, mit denen wir zusammenarbeiten, stehen ebenfalls mit dem Rücken zur Wand. Ihnen brechen mit einem Schlag ein Großteil der Kunden weg und da es sich ebenfalls um kleine selbständige Betriebe mit meist ein bis drei Mitarbeitern handelt, können sie nur noch über den eigenen Onlineshop Umsätze generieren. Es ist zu befürchten, dass manche Labels die aktuellen Maßnahmen ebenfalls nicht überstehen können. Wir versuchen so gut wie möglich, unsere Lieferanten zu unterstützen, müssen aber selbst erst einmal schauen, ob wir noch weitere Ware überhaupt zukaufen können.

Sind Onlineshops nun zumindest eine kleine Rettung?

Diana: Wenn amazon 10.000 neue Mitarbeiter sucht, scheint der Onlinehandel ja zu boomen. Doch darf man nicht vergessen, dass die Onlineshops von kleinen Läden nicht mit solch einem Riesen konkurrieren können. Es kostet außerdem Zeit und Geld, auf die Schnelle einen Onlineshop zu generieren – vor allem wenn er vernünftig aufgebaut sein soll.

Heute sind wir froh darüber, dass wir dieses Geld vor Jahren in die Hand genommen und parallel zum Laden den Onlineshop aufgebaut haben. Wir sind gerade dabei, mit voller Kraft viele neue Produkte, die wir zurzeit nur im Laden anbieten, in unseren Onlineshop zu stellen. Das dauert zwar eine Weile, aber wir arbeiten dran und freuen uns auf jeden Fall über jede Bestellung auf www.unseronkel.com

Wir werden auch anbieten, dass Ware in unserem Laden abgeholt werden kann oder wir ausliefern, soweit das noch möglich sein wird. Aber generell muss ich schon sagen, dass ein Onlineshop nicht den Kontakt mit den vielen lieben Menschen ersetzen kann. Deshalb wird auch unser Hauptaugenmerk immer auf den Laden gerichtet sein.

Spenden hilft am meisten!

Hast du sonst noch Tipps, wie Menschen inhabergeführtem Einzelhandel und kleinen Labelshelfen können?

Diana: Wie bereits erwähnt, helfen dem Einzelhandel und den kleinen Selbständigen nur sofortige liquide Finanzmittel, etwa in Form einer Crowd oder Spenden. Aber natürlich auch Einkauf im Onlineshop oder Gutscheinkäufe. Letzteren stehe ich jedoch etwas zwiegespalten gegenüber, da der Käufer ja nicht davon ausgehen kann, dass es das Ladengeschäft in drei Monaten nochgeben wird. Der Gutschein verjährt zwar erst nach drei Jahren, doch wenn der Laden nicht mehr existiert, hat er auch keinen Gegenwert mehr.

Spenden sind besser, wenn Unterstützung auch ankommen soll. Wer uns konkret helfen möchte, kann dies gerne über die von Tim und Marlene ins Leben gerufene Spendenaktion tun.

Denkbar wäre auch ein Grundeinkommen, nur das hilft in der augenblicklichen Situation leider auch nicht viel. Grundsätzlich ist es wichtig, dass jeder vor Augen hat, dass es in unserer Verantwortung liegt, die Krise gut und schnell zu überwinden. Jeder muss sich einschränken und auf sich sowie andere achten. Nur so gibt es eine gemeinsame Lösung für alle von uns. Denn je schneller wir die Gefahr eindämmen können, desto schneller kann auchwieder Normalität einkehren.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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