22. Februar 2024

“Middlesex” von Jeffrey Eugenides

"Middlesex" von Jeffrey Eugenides

Buchkritik “Middlesex”: Schwerer Start, grandioses Ende

Mit „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides hatte ich einen sehr holprigen Start. Obwohl mich das Thema (Intersexualität) brennend interessierte, legte ich das Buch beim ersten Leseversuch vor einigen Jahren nach etwa 100 Seiten wieder weg. Jeffrey Eugenides hat beim Schreiben des Romans einfach so viele Infos in jeden einzelnen Satz gepackt, dass mir nach einem stressigen Arbeitstag oft der Kopf rauchte.

Nun entdeckte ich aber, dass „Middlesex“ laut der BBC zu den Top20-Büchern zwischen 2000 und 2020 gehört. Deshalb überkam mich der Ehrgeiz, den Roman doch nochmals in die Hand zu nehmen – dieses Mal mit Erfolg.

Zwar waren die ersten 400 Seiten wieder recht zäh, aber dann zog mich die Handlung so in ihren Bann, dass ich die zweite Hälfte des Buches innerhalb weniger Tage durchlas und am Ende sehr ergriffen auf dem Sofa saß. „Middlesex“ hat mich nicht nur sehr berührt, sondern auch meinen Horizont erweitert. Zuletzt ist mir das bei Paul Austers „4321“ passiert.

Um was geht es in Middlesex?

„Ich wurde zweimal geboren, zuerst als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.“

Quelle: “Middlesex”

Im Mittelpunkt von “Middlesex” steht der 41-jährige Cal, der gerade in Berlin lebt und seine Familiengeschichte erzählt – angefangen von seinen griechischen Großeltern bis zu sich selbst.

Cal ist intersexuell, ein sogenannter Hermaphrodit, und wurde bei seiner Geburt als Mädchen eingeordnet, als Calliope Helen Stephanides. Bei seiner Geburt übersahen die Ärzte, dass seine Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig weiblich oder männlich waren. Cal spricht lange Zeit von seinem “Krokus” und meint damit eine Anomalie des Penis, bei der die Harnöffnung an der Unterseite liegt (Hypospadie).

Bis zu seiner Pubertät ist er sich nicht bewusst, dass er intersexuell ist. Er bemerkt nur schnell, dass er sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlt und dass sein „Krokus“ außergewöhnlich ist.

Verrückte Familiengeschichte

Dass Cal ein Hermaphrodit ist, liegt an seiner besonderen Familiengeschichte. Denn er hat einen Gendefekt, der typisch für eine Region in der heutigen Türkei ist, in der seine Großeltern aufwuchsen und in der häufig nahe Verwandte miteinander Sex hatten.

Mit seinen Großeltern Lefty und Desdemona startet die Handlung in „Middelsex“. Die Geschwister kommen nach dem Ersten Weltkrieg aus ihrem Bergdorf in die Stadt Smyrna (das heutige Izmir) und fliehen dort vor dem großen Brand. Auf dem Schiff beschließen sie zu heiraten und kommen als Ehepaar in ihre neue Heimat, den Vereinigten Staaten. Dort wohnen sie in Detroit bei ihrer Cousine Lina.

Ihr Leben als Immigranten ist oft schwer. Lefty kämpft sich zunächst bei Ford durch, bevor er ein Restaurant eröffnet. Seine Frau landet bei einem Guru, bei dem sie sich um das Seidengeschäft kümmert. Außerdem bekommen die beiden Geschwister zwei Kinder.

Damit nicht genug des Inzests: Ihr Sohn Milton heiratet später seine Cousine Tessie. Es sind damit sogar zwei sehr nahe Verflechtungen, die den Gendefekt von Cal begünstigen. So erklären es zumindest die Ärzte im Buch.

Viele abenteuerliche Geschichten

Cal erzählt seine Familiengeschichte chronologisch. Erst beschreibt er ausführlich das Schicksal seiner Großeltern, dann das seiner Eltern und schließlich seinen Lebensweg, den ich mit Abstand am interessantesten fand. Es mangelt nicht an kuriosen Liebesaffären und abenteuerlichen Geschichten. Es gibt in “Middlesex” wilde Verfolgungsjagden mit dem Auto, Straßenschlachten in Detroit und ein Unfall mit einem Traktor.

Jeffrey Eugenides geht sehr einfühlsam mit seinem Protagonisten um. Bereits als Kind fühlt sich Calliope anders. Als sie als Jugendliche eine Mädchenschule besucht, verliebt sie sich dort in eine Mitschülerin (das obskure Objekt). Besonders ab diesem Punkt habe ich den Roman sehr gerne gelesen. Der Coming-of-Age-Teil ist witzig und sehr unterhaltsam. Auch die späteren Passagen rund um die Diagnose der Intersexualität durch einen Arzt in New York fand ich sehr interessant.

Gesellschafts- und Entwicklungsroman: „Middlesex“ vereint beides. Jeffrey Eugenides glänzt außerdem mit einer unglaublich ausgefeilten Sprache. Jeder Satz wirkt durchdacht, ist filigran und weise. Es wimmelt nur so von präzisen Beobachtungen, historischen Genauigkeiten und Hinweisen zum Thema Intersexualität. Ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, dass mich der Roman schlauer macht.

Was macht einen Menschen aus?

Interessant finde ich, dass sich Jeffrey Eugenides in „Middlesex“ bereits Anfang der 2000er-Jahre damit auseinandersetzte, was gender (gesellschaftliches Geschlecht) und was sex (biologisches Geschlecht) ist – also mit genau dem Thema, das heute oft so aufgeregt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Den Umgang, den Cal selbst damit findet, ist super!

Verwunderlich finde ich nur, wie in der deutschen Übersetzung der Name von Cals Bruder von „Chapter Eleven“ in „Pleitegeier“ verwandelt wurde. Ich googelte tatsächlich „Pleitegeier“, weil ich mich fragte, ob irgendeine Bedeutung dahinter steht. Schlauer machte mich das Internet in diesem Fall leider nicht. Kurios finde ich beide Namen.

(Anmerkung: Michael aus Düsseldorf klärte mich auf: Mit “Chapter 11” wird in den USA der Zustand bezeichnet, in dem sich Unternehmen befinden, bei denen ein
Konkursverfahren läuft. Deshalb ist Pleitegeier tatsächlich eine passende Übersetzung.
)

In meiner Ausgabe, die 2011 erschien, ist außerdem das N*-Wort zu lesen. Ob das in späteren Auflagen noch so ist, weiß ich nicht.

Unglaublich tolles Buch!

Insgesamt fand ich “Middlesex” super. Als ich mich daran gewöhnt hatte, wie dicht Jeffrey Eugenides schreibt, freute ich mich nur noch über die unkonventionellen Geschichten, die ihresgleichen suchen. Der Roman unterhält bestens, ist unglaublich gut recherchiert und klug. Zurecht hat er den Pulitzer-Preis bekommen und zählt zu den besten Büchern dieses Jahrhunderts.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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