5. April 2017

Schmöker: “Die Herrlichkeit des Lebens” von Michael Kumpfmüller

Über die Liebe

Sie begegnen sich zum ersten Mal an der Ostsee. Sofort sind sie da, die zarten Bande zwischen Dora Diamant und Franz Kafka; zwischen der jungen, unbekümmerten Köchin und dem todkranken, schwermütigen Doktor. Bei langen Spaziergängen kommen sie sich näher, schnell ist klar: Sie möchten sich nicht mehr verlieren, beinander bleiben, auch wenn die Umstände keine guten sind. Der Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ von Michael Kumpfmüller erzählt von Franz Kafkas letzten großen Liebe – vom ersten Aufeinandertreffen bis zu seinem Tod. Es ist ein sehr ruhiger, unaufgeregter und zutiefst trauriger, aber auch sehr schöner Roman.

Grobe Skizze

Wie war Franz Kafka als Mensch? Was in dem Buch tatsächlich wahr und was Fiktion ist, wird nicht so recht klar. Michael Kumpfmüller erläutert im Nachwort, dass die Gestapo im Jahr 1935 alle Briefe von Dora Diamant und Franz Kafka konfiszierte. Es bleiben so nur Vermutungen, was in ihnen gestanden haben könnte. Bei der Recherche bekam der Autor jedoch Unterstützung von zahlreichen Literaturexperten sowie Historikern. Das Resultat: Ein Skizzierung der Liebesgeschichte von Dora und Franz Anfang der 1920er-Jahre – zwischen Ostsee, Prag, Berlin und Wien. Die Erzählung ist trotz der nur groben Umrahmung keineswegs oberflächlich, sondern berührt und ließ mich immer wieder mit dem Paar mitfühlen.

Gegen alle Widrigkeiten

Franz Kafka leidet bei seinem Aufenthalt an der Ostsee bereits an Tuberkulose in einem fortgeschrittenen Stadium. Er ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 40, hat oft Temperatur und schreibt nur noch unregelmäßig, seine Eltern müssen ihm seinen Lebensunterhalt finanzieren. Trotzdem möchte er nach der Begegnung mit Dora am Ostsee-Strand unbedingt zu ihr nach Berlin ziehen. Verzaubert ist er von ihrem Anmut. Er setzt sich durch und wohnt das erste Mal mit einer Frau zusammen.

Das gemeinsame Leben ist eine Herausforderung: In Zeiten der großen Inflation und Wirtschaftskrise haben sie nur beengte Verhältnisse in Steglitz und müssen sich, unverheiratet, immer wieder den skeptischen Blicken von Vermieterinnen oder Nachbarn stellen. Ihre Liebe zueinander lässt sie aber alles durchstehen, kämpfen und jeden so kleinen schönen Augenblick genießen. Die Zeit ist knapp, Franz’ Zustand verschlechtert sich zunehmend.

Auf das Ende zu – und trotzdem sehr schön

Das Buch ist unterteilt in drei Kapitel: kommen – bleiben – gehen. Da alles auf den Tod von Franz Kafka hinausläuft, entwickelt sich von Seite zu Seite mehr Melancholie, an manchen Tagen hatte ich deshalb schlichtweg keine Lust, mich mit soviel Schwere auseinanderzusetzen – ich begann parallel mit einem zweiten Buch. Gleichwohl: Ich rang zu keiner Zeit mit dem Gedanken, den Roman komplett zur Seite zu legen. Denn die Geschichte von Dora und Franz zeigt auch, wie wunderschön die Liebe sein kann und wie wertvoll es ist, einen Menschen an seiner Seite zu haben, der bedingungslos in der Not da ist. Ein lesenswertes Buch.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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