19. Dezember 2017

Flimmerkasten: “Aus dem Nichts”

NSU-Drama: Langweile kommt keine auf!

Hmmm. Hin- und hergerissen sitze ich beim Abspann von „Aus dem Nichts“ in meinem Kinosessel. Mit einem großen Wumm endet der neue Film von Fatih Akin – und auch die 106 Minuten davor sind voller Dynamik und Spannung. „Aus dem Nichts“ berührt, erschüttert und lässt mich am Ende erschlagen und nachdenklich zurück.

Doch, irgendwie, so ganz rund ist der Film zunächst nicht für mich. An einigen Stellen bin ich sehr irritiert, vor allem deshalb, weil in meinem Kopf ständig der Vergleich mit dem tatsächlichen NSU-Geschehen abläuft. Regisseur Fatih Akin hat die Parallelen auch bewusst gesetzt. Im Abspann erinnert er nochmals an die Untaten von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Ein Spielfilm, keine Doku!

Genau in diesem Bezug liegt für mich aber auch während des Films das Problem: Die Parallelen zur Realität sind riesig, aber „Aus dem Nichts“ erzählt eine fiktionale Geschichte, die für sich allein steht. Es ist eine deutsche Frau, die ihren kurdischen Mann und ihren gemeinsamen Sohn durch ein Bombenattentat verliert – keine ausländische. Es ist ein Pärchen, das den Anschlag auf das kurdische Reisebüro verübt, kein Trio. Immer wieder musste ich mir so während des Films selbst sagen: Es ist ein Spielfilm, keine Doku, sieh nicht nur die Unterschiede, sondern das Gesamte.

Könnte das wirklich so sein?

Aber vor allem das Gerichtsurteil machte mich stutzig, ist so etwas in der Realität tatsächlich vorstellbar? Gerne würde ich mich mit einem Strafrechtsexperten darüber unterhalten. Dient der Ausgang nur der Dramaturgie oder würde ein Richter tatsächlich so entscheiden? Auch bleiben die Täterperspektiven außen vor. Hier lässt Fatih Akin viel Spielraum für eigene Gedanken – für mich ein wenig zu viel.

Wie leere Figuren wirken dadurch die Angeklagten. Im Mittelpunkt stehen der Schmerz der Opfer, die Ungerechtigkeit, die voreingenommene Arbeit der Ermittler und die Wut. Das ist alles okay, aber irgendwie dann doch ein wenig eindimensional.

Schlecht konzipierte Figuren!

Gegliedert ist der Film in drei Teile: „Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Das Meer“. Während im ersten Kapitel die Bombenexplosion, die Ermittlung und die Trauer im Mittelpunkt stehen, die Bilder grau, kalt und verregnet sind, geht es im zweiten Teil um das Gerichtsverfahren und das angeklagte rechtsradikale Paar. Vor allem bei der Wahl des Verteidigers hat Fatih Akin alles richtig gemacht – seine Aggressivität ließ mich kalt erstarrten.

Schlecht konzipiert ist dagegen die Figur des Vaters des Angeklagten. Seine Aussagen klingen hölzern und wenig authentisch. Auch sein Versöhnungswille nach dem Prozess wirkt völlig grotesk.

Außerdem ist die beste Freundin von Katja eine Nummer zu melodramatisch angelegt. Musste Fatih Akin der Frau, die gerade Mann und Kind verloren hat, unbedingt eine Freundin gegenüber stellen, die schwanger ist und ein Baby bekommt – dieser Kontrast ist für mich zu viel und hätte es nicht gebraucht, um das Leid von Katja nachvollziehen zu können.

Diane Kruger ist eine Wucht!

Aber: Allein Diane Kruger ist eine Wucht, sie spielt so auf den Punkt und verkörpert ihre Rolle unfassbar eindringlich. Besonders im ersten und dritten Teil, der dann im sonnenerhellten Griechenland stattfindet, geht sie vollkommen in ihrer Rolle auf.

Nachdem ich nun einige Tage Distanz habe, das Werk von Fatih Akin mit diesem Abstand als reinen Spielfilm betrachten kann, bin ich auch insgesamt milder gestimmt. „Aus dem Nichts“ hat Schwächen in der Konzeption einzelner Elemente, gleichwohl: Er ist im Gesamten sehenswert, allein der Intention wegen. Erinnert er doch nochmals an das Leid der NSU-Opfer und ihrer Hinterbliebenen, was so unfassbar wichtig ist.

Wer also einen spannenden und kurzweiligen Spielfilm sehen möchte, ist bei “Aus dem Nichts” richtig, wer sich dagegen für die NSU an sich interessiert, sollte “Mitten in Deutschland” schauen.

Der Dreiteiler lief bereits vor geraumer Zeit in der ARD und ist inzwischen auf Netflix abrufbar. Er erzählt die NSU-Geschichte aus drei Perspektiven: aus der Sicht der Täter, der Opfer und der Ermittler. Auch wenn hier ebenfalls fiktionale Elemente enthalten sind, ist er sehr an die Realität angelehnt. Dieser Dreiteiler erschüttert – und informiert.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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