24. Februar 2019

Schmöker: “Der Trafikant” von Robert Seethaler

Ein Juwel in Buchform

Fast wäre „Der Trafikant“ in meinem Bücherchaos untergegangen. Bereits vor Jahren hatte ich ihn gekauft, auf meinen Stapel an ungelesenen Werken gelegt – und vergessen. Immer wieder kam ihm ein anderer Roman zuvor, verdrängte ihn. „Der Trafikant“ rutschte tief, tiefer und verschwand nahezu, bis ihn seine Verfilmung im vergangenen Jahr schlagartig in mein Gedächtnis zurückbrachte.

Zum Glück.

Innerhalb weniger Tage habe ich das Buch mit dem minimalistischen Cover nun gelesen, Satz für Satz aufgesaugt. „Der Trafikant“ ist voll mit wunderbaren Beschreibungen, Witz und einer Leichtigkeit der Sprache, die der Grausamkeit der Geschehnisse kurz vor dem Zweiten Weltkrieg diametral gegenübersteht – und dadurch erst recht eine Intensität entwickelt. Der Roman erfasste mich mit voller Wucht. Er ist ein funkelnder Juwel in Buchform.

Allein in Wien

Die Geschichte beginnt im Jahr 1937 im idyllischen Salzkammergut in Österreich. Dort lebt der 17-jährige Franz mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem kleinen Dorf. Als ein Gewitter die Verhältnisse gehörig durcheinanderwirbelt, muss Franz alleine nach Wien ziehen – zu einem ehemaligen Geliebten der Mutter, dem Trafikanten Otto Trejnek, der im Ersten Weltkrieg bereits ein Bein verlor. Der Umzug: Eine große Herausforderung für den naiven, gutherzigen 17-Jährigen, der außer dem Salzkammergut noch nichts von der Welt gesehen hat. Bereits am Bahnhof in Wien gerät er in einen wilden Sturm von Sinneseindrücken:

„Die Stadt brodelte wie der Gemüsetopf auf Mutters Herd. Alles war in ununterbrochener Bewegung, selbst die Mauern und die Straßen schienen zu leben, atmeten, wölbten sich. Es war, als könnte man das Ächzen der Pflastersteine und das Knirschen der Ziegel hören. Überhaupt der Lärm: Ein unaufhörliches Brausen lag in der Luft, ein unfassbares Durcheinander von Tönen, Klängen und Rhythmen, die sich ablösten, ineinanderflossen, sich gegenseitig übertönten, überschrien, überbrüllten. Überall ein Flimmern, Glänzen, Blitzen und Leuchten: Fenster, Spiegel, Reklameschilder, Fahnenstangen, Gürtelschnallen, Brillengläser, Autos knatterten vorüber. Ein Lastwagen. Ein libellengrünes Motorrad.“

Ein Feuerwerk!

Der österreichische Autor Robert Seethaler lässt in „Der Trafikant“ auf diese Weise ein wahres Feuerwerk an Wörtern und Sätzen explodieren, zaubert von der ersten bis zur letzten Seite immer wieder wunderbare Bilder. Ich zog mit Franz zum Prater, bestaunte mit ihm das bunte Lichtspektakel, lernte mit ihm die pralle Anezka aus Böhmen kennen und bekam durch ihn einen Einblick in die Trafik, wo er nun Tag für Tag arbeitet – und die Untaten der Nationalsozialisten hautnah miterlebt.

Begegnung mit Sigmund Freud

In der Trafik, einer kioskähnlichen Verkaufsstelle, trudeln täglich viele Stammgäste ein. Sie interessieren sich für die unterschiedlichsten Zeitungen und Magazine, für Zigaretten, Zigarren und weitere kleine Genussartikel. Unter ihnen: Der bekannte und bereits in die Jahre gekommene Psychoanalytiker Sigmund Freud, der auf Franz sofort eine große Faszination ausübt. Hartnäckig und unerschrocken sucht Franz immer wieder den Kontakt zu ihm, besucht Sigmund Freud in seinem Zuhause und braucht besonders dringend seinen Rat, als er das erste Mal Liebeskummer hat – und völlig verzweifelt ist.

Es ist solch eine Freude, den warmherzigen und sympathischen Franz beim Erwachsenwerden und auf seinen verqueren Wegen durch Wien zu begleiten. Das empfindet auch Sigmund Freud so und steht ihm stets zur Seite.

„Der Bursche blühte. Und zwar nicht wie die über Jahrzehnte ausgebleichten und durchgesessenen Strickblüten auf einer der vielen Decken, die seine Frau immer so sorgfältig über die Couch drapierte und in deren dicken Wollfasern sich auf magische Weise der Staub der ganzen Wohnung zu sammeln schien. Nein, in diesem jungen Mann pulsierte das frische, kraftvolle und obendrein noch ziemlich unbedarfte Leben.“

Am Ende bleibt nur Schrecken

Die Geschichte beginnt spielerisch im Jahr 1937, nimmt mit den kommenden Jahren aber eine immer stärkere Wendung. Der Nationalsozialismus verbreitet sich in Wien. Das letzte Drittel des Buches kommt sprachlich ebenfalls federleicht daher, der Inhalt ist aber pechschwarz. Am Ende saß ich mit Gänsehaut auf meiner Couch. „Der Trafikant“ hat mich mitgezogen, meinen Kopf mit einer wunderbaren Sprachvielfalt verzaubert – und mir die Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten wieder vor Augen geführt. Eine ungewöhnliche Kombination, die lange nachwirkt.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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