8. Februar 2020

Fernweh: “Limoncello in Limone am Gardasee”

Ein Ausflug nach Limone

Das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, kam mir nachts um 4 Uhr. Es war ein kalter Februartag, dick eingepackt lag ich in meinem Bett, nur das matte Laternenlicht von der Straße fiel in mein dunkles Zimmer. Wo ist dieser Bahnhof in Limone? In meinem Kopf ratterte es. Ich tastete nach meinem Handy auf dem Nachttisch, deaktivierte den Schlafmodus, setzte meine Brille auf und schrieb meiner Freundin eine Nachricht: „Wir müssen unsere Zugverbindung nochmals checken, ich habe ein ganz komisches Gefühl – wirklich, ein ganz komisches.“

Pool, Pizza und Pasta

Die Schnapsidee, eine Woche lang als Profi-Touris am Gardasee zu chillen, war uns zu später Stunde beim Abendessen in einem italienischen Restaurant gekommen. „Lass uns irgendwo hinfahren, wo es gemütlich ist“, hatte ich zu meiner Freundin gesagt. “Cose della vita”. Eros Ramazzotti trällerte im Hintergrund seine Schnulzen, ließ unser Kopfkino anspringen. Gemeinsam überlegten wir: Wie wäre ein entspannter Urlaub in Norditalien. Ohne Partys. Einfach nur Pool, Pizza und Pasta?

Hotel am See

Perfekt. Der Plan stand. Sieben Übernachtungen mitten in Limone. Kein Airbnb, keine individuelle Reiseroute, sondern Urlaub mit Frühstücksbuffet, Eisbecher mit Schirmchen und Bootstouren. Sonnenhut und Sandalen inklusive. Wir wollten ein Hotel am See, umgeben von einer riesigen Felsformation, gelben Zitronen und funkelndem Wasser. In unserem Kopf schien das traumhaft.

Eisenbahnromantik

Schnell war uns klar: Mit dem Zug sollte es nach Norditalien gehen, ein Beratungsgespräch am Service-Schalter für die reibungslose Anreise sorgen. Keine Experimente, keine Fallstricke. „Ich erledige das“, sagte meine Freundin, marschierte zum Schalter und rief mich danach an. „Ich habe alles gebucht, bei Herrn Pfeiffer von der Deutschen Bahn“, erzählte sie mir. Ein witziger Typ. Superspar-Tickets und eine Rücktrittsversicherung hatte er ihr angedreht. Das klang nach einem rundum Sorglospaket. Ich freute mich.

Limone sul Garda!!!

„Und ist das auch das richtige Limone?“, fragte ich sie, halbernst, halbscherzend. Seitdem ich mit dem Zug vor einigen Jahre fast in Brügge/Westfalen und nicht in Brügge/Belgien gelandet war, neige ich in diesem Punkt zu großer Vorsicht. Der Teufel liegt im Detail.

„Ja! Ich habe extra gefragt“, bekam ich von ihr als Antwort. „Herr Pfeiffer sagt, es gibt nur eins, wir müssen in München und Mailand umsteigen.”

Okay. Das klang gut. Ich war beruhigt.

Am nächsten Abend begann ich, nach einem Hotel zu suchen. Um unnötige Strapazen zu vermeiden: In unmittelbarer Nähe zum Bahnhof in Limone. Nur: Der versteckte sich ganz schön gut in diesem Internet.

Ich tippte in die Suchmaschine: Bahnhof Limone Adresse

Das Ergebnis: diffus. Überall hieß es nur: Anreise von Rovereto, Verona oder Denzano. Hä? Und wo genau ist nun der Bahnhof in Limone? War die Suchmaschine kaputt? Ein Scherz? Ich googelte auf Italienisch, wieder nix.

Ich war genervt. Das gibt es doch nicht. Ich öffnete Google Maps, gab dort Limone und Bahnhof ein. Das Ergebnis: ein Campingplatz. Hääääää? Das kann doch nicht sein, dass der Hauptbahnhof mitten in einem Campingplatz liegt.

Ein Bahnhof im Campingplatz?

In meinem Kopf ratterte es nun gewaltig. „Stazione Limone“, ich probierte es wieder auf Italienisch. Erneut Fehlanzeige. Nur der Campingplatz erschien. Ich schrieb meiner Freundin: Was steht genau auf den Bahntickets? Irgendwas mit anderen Orten?

„Nur Limone, sonst nix“, schrieb sie zurück.

Hmmm, ich wusste nicht weiter, legte mich ins Bett und wachte mit dem komischen Gefühl auf. Es ließ mich nicht mehr los. Am nächsten Tag recherchierte ich weiter. Nur: Ich fand keine Adresse.

Völlig frustriert gab ich dann unsere Zugverbindung bei bahn.de ein und klickte auf die Karte, die neben dem Suchergebnis zu sehen ist. Miniklein war die Umgebung um den Bahnhof zunächst, ich zoomte, zoomte und zoomte. Und dann machte es Wummm.

Shiiiiit. Dieses Limone war in den Westalpen und nicht am Gardasee. Ein kleiner Skiort. Auf den Livebildern der Internetseite war eine kleine Pfütze von geschmolzenem Eis zu sehen und definitiv kein See. Herr Pfeiffer hatte doch tatsächlich das falsche Limone erwischt. Unseres hatte gar keinen Bahnhof. Es war nur mit dem Bus von Rovereto aus zu erreichen.

Herr Pfeiiiiiffffffffer! Er hatte es komplett verballert. Von wegen es gibt nur eins. Ich tobte.

Servicewüste Deutsche Bahn

„Ich gehe zum Schalter, tausche die Tickets um“, sagte meine Freundin. Ein optimistischer Plan. Bei Superspar-Preisen ist das leider gar nicht möglich, sagte ihr der Mann am Schalter. „Dann eben über die Reiserücktrittsversicherung“, forderte sie. Aber nein, das gehe nur bei Tod eines Angehörigen, schwerer Krankheit oder Verlust des Arbeitsplatzes, bekam sie daraufhin zu hören.

Whaaat? Dank Herrn Pfeiffer hatten wir nun Tickets für 180 Euro zu einem Skiort in den Westalpen – im Juni. Wunderbar. Auch die Service-Hotline konnte uns nicht weiterhelfen.

Aber ich gab nicht auf. Ich wollte an den Gardasee, wollte Profi-Touri sein, ich hatte mich so gefreut. Also recherchierte ich verschiedene Routen und fand eine von Mailand nach Limone sul Garda. Zwar dauerte die Zugfahrt von Karlsruhe aus mehr als neun Stunden, aber dafür brauchten wir nur noch eine Ergänzungskarte.

Puhhh. Zum Glück. Karriere als Profi-Tourist gerettet.

Hotspot für Senioren

Nur, was uns dann nach der langen Zugfahrt in Limone am Gardasee erwartete, toppte meine kühnsten Vorstellungen. Wir sprengten komplett den Altersdurchschnitt. Der lag etwa bei Ü60. Überall kurvten Senioren mit Rollatoren durch die Gegend, blickten mit Ferngläser durch die Gegend und zeigten die gewagtesten Outfits. Sie meinten es ernst mit den Tennissocken in den Sandalen und den Sonnenhüten. Außerdem stellten wir fest: Farbige Haare sind auch bei den Rentnern in – zwar nicht in Rosa oder Hellblau, dafür aber in Aubergine und Bordeaux.

Nett hier!

Ich muss gestehen: Limone ist sehr hübsch. Die Felsformation ragt mächtig hervor und das Wasser funkelte wunderbar bei Sonnenschein. Es gibt Zitronen und Limoncello in rauen Mengen. Außerdem verbrachten wir gerne unsere Zeit an dem hübschen Pool, den wir uns mit Enten teilten – sowie mit einer lustigen Rentnertruppe, die es mit der Sonnencreme überhaupt nicht im Griff hatte. Krebsrot lagen die Damen und Herren in der prallen Sonne auf ihren Liegen und ließen es sich mit Bier gutgehen.

An einem Abend gab es außerdem ein Queen-Musical an der Promenade und zahlreiche Alleinunterhalter trällern fast täglich ihre Lieder in den Restaurants. Ein Urlaub in Limone ist wie ein Ausflug in eine andere Welt.

Massenabfertigung am Gardasee

Doch der Service in den meisten Cafés und Restaurants ist unterirdisch. Wir mussten oft warten und bekamen für viel Geld wenig Qualität. Auf dem Eisbecher für 9,40 Euro war die künstlichste Sprühsahne der Welt, nur wenige Erdbeerscheiben und kein Schirmchen. In den Lachsnudeln für 17 Euro waren nur 3 winzige Stückchen Fisch und der Taxifahrer verlangte von uns statt den vereinbarten 50 Euro zum Bahnhof am Ende einfach 70 Euro. Es war frustrierend. Um Handgreiflichkeiten zu vermeiden, bezahlten wir. Das Karma soll es richten.

Goethe war in Malcesine

Ein bisschen moderner als Limone ist Malcesine, wohin wir einen Tagesausflug mit dem Boot machten. Goethe war übrigens auch schon dort. Malcesine ist ebenfalls sehr schön anzusehen – aber genauso überlaufen und überteuert. Gemütliches Schlendern ist dort nicht möglich. Wir setzten uns deshalb ein wenig außerhalb mit einem Prosecco Aperol ans glitzernde Wasser und schauten dem Treiben mit Abstand zu.

Kurze Karriere als Profi-Touris

Unsere Karriere als Profi-Touris hat sich nach dem Gardasee deshalb erstmal wieder erledigt. Massentourismus und Abzockereien an Hotspots in der Hauptsaison, das ist nicht unsere Welt – auch wenn sie blitzt und funkelt.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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