3. November 2021

Schmöker: “Auf Erden sind wir kurz grandios” von Ocean Vuong

“Auf Erden sind wir kurz grandios”: Ein Buch, das tiefe Spuren hinterlässt!

Poetische Sätze treffen auf gewaltvolle Erinnerungen: Es ist eine Achterbahn der Gefühle für mich, „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong zu lesen. Der Roman ist ein Brief, den ein Sohn an seine Mutter schreibt – einer Analphabetin. Sie wird ihn nie lesen können.

Der Brief dient vielmehr als Selbstermächtigung für den Verfasser, es ist ein Aufarbeiten des Geschehenen, ein Erinnern, Verstehen und Reflektieren. Das Besondere: Der Brief ist voller Gegensätze: Während die Sprache liebevoll gewählt, an vielen Stellen sehr zart und fragil ist, erschüttert der harte Inhalt.

Rassismus, Kriegserfahrungen und Sucht

Ocean Vuong schreibt in kurzen Kapiteln, manchmal sind es Anekdoten, dann wieder ein einzelner Gedanke, ein anderes Mal historische Fakten oder biologische Phänomene.

„Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.“

„Auf Erden sind wir kurz grandios ist die Geschichte eines Jungen, Little Dog, der 1990 als Zweijähriger mit seiner Familie aus Vietnam in die USA kommt. Aufgeteilt ist der Roman in drei größere Abschnitte: Es geht darin um Kriegserfahrungen, häusliche Gewalt, Rassismus, Drogensucht, Homosexualität und die Entzauberung des amerikanischen Traums.

Roman oder Autobiografie?

Was davon ist Fiktion, was hat der Autor selbst erfahren? “Roman” steht auf dem Cover, also ist es wohl keine Autobiografie. Als ich mich aber mit dem Leben von Ocean Vuong beschäftige, entdecke ich schnell: Die Parallelen zwischen Little Dog und ihm sind enorm.

Little Dog wächst mit seiner Mutter Rose und seiner Großmutter Lan in Hartford (Connecticut) auf. Sein Vater wurde von der Polizei verhaftet, nachdem er wiederholt seine Familie verprügelte.

Mutter Rose ist daraufhin alleinerziehend, arbeitet in einem Nagelstudio, atmet täglich die giftigen Dämpfe ein, kommt abends mit zerschundenem Körper nach Hause. Ihr Umgang mit Little Dog: liebe- und gewaltvoll zugleich. Oft weiß sie sich nicht anders zu helfen, als ihn zu schlagen.

Little Dogs Erinnerungen daran blitzen im Brief immer wieder auf:

„Jenes Mal mit der Milchflasche, Das Zerbersten des Kruges auf meinen Schulterknochen, dann ein weißes Rieseln auf die Küchenfliesen.“

Ein schäbiger Name dient als Schutz

Ein Rettungsanker ist für ihn seine Oma Lan, die ihm auch seinen Namen verpasste. „Little Dog“ als Schutz vor den bösen Geistern in Vietnam, die auf der Jagd nach schönen und gesunden Kindern sind.

„Etwas zu lieben heißt so, ihm einen derart schäbigen Namen zu geben, dass es vielleicht unberührt bleibt – und am Leben.“

Doch auch Lan ist keine verlässliche Bezugsperson für den Heranwachsenden. Sie leidet an Schizophrenie. Immer wieder fühlt sie sich verfolgt, oft von der Vergangenheit, in der sie viel Leid erfahren hat. Um ihre Geschichte in Vietnam geht es vor allem im ersten Teil des Buches.

Little Dog blickt darin zurück auf den Vietnam-Krieg, erzählt von Lan, die mit 17 Jahren aus ihrer arrangierten Ehe ausbricht, als Prostituierte arbeitet und sich dann in einen amerikanischen Soldaten verliebt – als sie bereits mit Little Dogs Mutter im vierten Monat schwanger ist.

Weit weg vom amerikanischen Traum

Die Geschichten von Lan und ihrer Tochter Rose sind hart, voller Elend, ohne Hoffnung. Auch die Ankunft in den USA legt keinen hellen Schleier auf ihre Biografien. Sie landen in einer Stadt, in der sich die weiße Unterschicht durchs Leben kämpft.

„In dem Hartford, in dem ich groß wurde, grüßen wir uns nicht mit „Hallo“ oder „Wie geht es dir“, sondern indem wir, das Kinn in die Luft gereckt, fragen: „s’gut?“ (…) wo sich ganze weiße Familien – manche Menschen nennen sie „Trailer Trash“ – auf halb verfallene Veranden in Wohnwagensiedlungen und Sozialwohnungen quetschen, ihre Gesichter unter Zigarettenrauch oxycontin-verhärmt und angestrahlt von Taschenlampen, die statt Lichtern von Angelschüren baumeln und „s’gut?“ brüllen, wenn man vorbeiläuft.“

Little Dog ist von klein auf mit Rassismus konfrontiert. Er wird immer wieder von Mitschülern beschimpft, regelrecht attackiert. Für den sensiblen und zurückhaltenden Jungen wird der Alltag zur Qual. Rose und Lan können ihm nicht helfen. Sie sprechen kaum Englisch. Er ist auf sich allein gestellt.

Die bekannte Mischung aus Zuneigung und Härte begegnet ihm auch als Jugendlicher wieder. Er beginnt nach dem Unterricht auf einer Tabakfarm zu arbeiten und lernt dort Trevor kennen. Es ist der Beginn einer Romanze, in der Little Dog sich wieder klein machen muss.

Oxycontin überrollt die USA

Aber auch Trevor ist gebeutelt vom Leben. Er ist zwar weiß, doch wächst mit einem alkoholabhängigen und prügelnden Vater auf, fühlt sich nicht wohl Zuhause. Als er 15 Jahre alt ist, bricht er sich den Knöchel und bekommt Oxycontin verschrieben. Er kommt nie mehr los davon, versinkt im Drogensumpf.

Little Dog schreibt dazu:

„Sieber meiner Freunde sind gestorben. Vier an einer Überdosis. Fünf, wenn man Xavier mitzählt, der sich auf einer unreinen Charge Fentanyl mit 140 Sachen in seinem Nissan überschlug.

Ich feiere meinen Geburtstag nicht mehr.“

Das Bemerkenswerte ist, dass Little Dog trotz all dieser Umstände sein Leben meistert. Der dritte Teil beginnt damit, dass er als Student von New York nach Hartford zurückfährt. Er hat es also geschafft, aus Connecticut rauszukommen, ist nun an der Universität und wälzt Bücher.

Hier sind auch die Parallelen zu Ocean Vuong, der selbst in Hartford aufwuchs und in Brooklyn Literaturwissenschaften studierte. Inzwischen hat er für seine Publikationen zahlreiche Preise erhalten und arbeitet selbst als Dozent.

Das Buch ist eine Herausforderung, die sich aber lohnt!

Ocean Vuongs Buch zu lesen, fiel mir nicht leicht. Mehr als 20 Seiten am Stück schaffte ich selten. Die Sprache ist meisterhaft, aber nicht immer zugänglich. An mancher Stelle ist sie sehr fragmentiert, dann wieder verschachtelt.

Das Schwierige war aber vor allem der Inhalt für mich. Die düsteren Erinnerungen sind nicht einfach auszuhalten, zeigen, wie anstrengend das Leben sein kann. Die zauberhafte und beeindruckende Poesie der Sätze brachte mich aber dazu, es immer wieder von Neuem in die Hand zu nehmen.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong ist ein besonderes Buch. Es geht tief und hinterlässt Spuren.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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