21. November 2023

Karlsruhe: “Mama geht tanzen”

Mama geht tanzen Karlsruhe

Killer der Gleichberechtigung: “Mama geht tanzen”

Gleich mehrmals musste ich blinzeln, als ich vor wenigen Tagen in meinem Instagram-Feed die Werbung für eine Veranstaltung in einem Karlsruher Club hatte: „Mama geht tanzen“, heißt es da. Eine After-Care-Party von Mamas für Mamas”, steht da weiter. Nach drei Stunden (20 bis 23 Uhr) verlassen die Frauen glücklich die Tanzfläche. Puh, puh, puh.

Noch stärker mutierte meine Irritation, als ich am Wochenende in der lokalen Tageszeitung einen größeren Artikel über das Event entdeckte, in dem die Organisatorin das Konzept näher erklärt. Da stand unter anderem: 

  • du kannst tanzen wie du willst
  • anziehen was du willst
  • du musst keine Angst vor K.O.-Tropfen haben

Wow! Was für tolle Features. Statt mit High Heels, geschminkt und im schicken Outfit kann Mama dann auch mit zerzausten Haaren, vollgekleckertem T-Shirt und Barfußschuhen kommen? 

Aber mal Klischeekiste beiseite, es sind vor allem zwei Punkte, die mich an dem Event stören. 

1) Der Titel

Veranstaltungen, die im Titel Mama/Mutti/Mom tragen, sind mir vollkommen suspekt. Diese Einschränkung des Personenkreises ergibt für mich nur Sinn bei Rückbildungskursen und Stillcafés. 

Was spricht denn dagegen, dass bei Club-Events Mütter und Väter zusammen eine gute Zeit haben – egal ob sie sich abwechseln mit dem freien Abend oder einen Babysitter buchen. Aber aufgrund des Titels nur eine bestimmte Gruppe einzuladen, ist Quatsch.  

Das sind für mich auch Killer der Gleichberechtigung. Die 1950er-Jahre lassen grüßen. Die gestresste Hausfrau darf sich mal wieder einen Abend mit ihren Freundinnen gönnen, ein Sektchen trinken, aber bitte nicht zuviel, dann geht es pünktlich nach Hause, damit am nächsten Tag wieder alles nach Plan läuft. Neudeutsch heißt das hier: me-Time. 

Was da nicht steht, mir aber automatisch durch den Kopf schwirrt: Der Mann dagegen geht mit seinen Fußballjungs aus, feiert heftig und torkelt um 5 Uhr nach Hause. Am nächsten Tag ist mit ihm in Sachen Kinderbetreuung bis zum späten Nachmittag nicht zu rechnen. 

Sorry, ich bin schon wieder in der Klischeekiste gelandet. 

Ständig heißt es in gesellschaftlichen Diskussionen, Männer beteiligen sich zu wenig an der Care-Arbeit, Mental Load liegt in Frauenhand. Ja, das stimmt häufig auch. Daran muss sich etwas ändern. Aber zur Gleichberechtigung trägt es nicht bei, wenn es so schräge Mutti-Veranstaltungen gibt.

Männer werde der Eingang beim Tanzabend für Mamas zwar nicht verwehrt. 99 Prozent der Besucher*innen seien aber weiblich, sagt die Veranstalterin im Zeitungstext. Klar, wundert mich nicht. Ich würde auch nicht zum „Bier und BBQ für Dads“ gehen. 

Aber was ist ein Discobesuch ohne Männer? Fehlt da nicht etwas? Es ist doch eine ganz andere Atmosphäre, wenn in einem Club alles bunt gemischt ist. Ich finde es toll, mit Papas an der Bar zu quatschen. Wie läuft es mit der Beikost, wie mit den Zähnen? Reisen, Literatur, Politik. Es gibt so viele Themen, über die ich gerne mal wieder mit Leuten außerhalb meiner Blase reden würde. Nur den Nahostkonflikt würde ich im Moment als Einstieg meiden.

2) Die Uhrzeit

Wer ist denn auf die Idee gekommen, dass die Mamas wieder um 23 Uhr nach Hause müssen? Das ist ja wie bei einer Schuldisco, wenn die Schüler*innen der Mittelstufe die Tanzfläche räumen müssen, weil dann die coolen Kids von der Oberstufe kommen. 

Mir ist es ein völliges Rätsel, warum das Ende terminiert ist. Soll Mutti noch früh genug ins Bett kommen, um am nächsten Morgen wieder um 6 Uhr aufzustehen? Oder schafft der Mann die Nacht nicht alleine mit dem Kind?

Prinzipiell fände ich es ja super, wenn ein Discobesuch öfter mal bereits um 20 Uhr möglich wäre. Das hätte ich auch schon ohne Kind gerne gehabt. Nach einer stressigen Arbeitswoche noch zu einer humanen Uhrzeit in den Club – sehr gerne. In den vergangenen Jahren schaffte ich es nur noch selten, bis Mitternacht wachzubleiben, um dann erst loszuziehen. 

Früher war das Routine. Wir trafen uns um 21 Uhr bei Freund*innen oder in einer Bar, tranken uns warm und gingen dann zum Tanzen. Dafür fehlt mir aber bereits seit einiger Zeit die Energie – völlig unabhängig von meinem Sohn. 

Deshalb fände ich es toll, wenn Clubs tatsächlich einmal im Monat eine Veranstaltung anböten, bei  der es schon früh losgeht, für alle. Dann kann jeder kommen, wann er will und vor allem so lange bleiben, wie er will.

Auch eine Sonntagsveranstaltung wäre doch super. Am besten mit Kinderbetreuung in einem Tanzsaal. Dann könnten Mums und Dads ab 10 Uhr zusammen feiern und ihren Nachwuchs gegen Nachmittag wieder im Nebenraum einsammeln. Das wäre doch weitaus mehr Gleichberechtigung als das Konzept „Mama geht tanzen“. 

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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