24. Mai 2021

Melodien: “Ein Nachmittag mit Heidi Herzig”

Heidi Herzig I San Franziska

Kunstprojekt „San Franziska“ von Heidi Herzig im Kloster St. Franziskus

Nach dem fulminanten Auftritt auf dem Schiff „MS Karlsruhe“ war es genug. Schlagersängerin Heidi Herzig spürte: „Ich brauche eine Auszeit“. Zu viel Aufmerksamkeit und zu viel Blitzlichtgewitter hatten sie auf ihrer „So wie Du“-Schlagertournee im Jahr 2019 müde gemacht, sie war ausgelaugt.

„Ich brauchte Ruhe und Unbeobachtetheit, musste mein Zentrum finden“, erzählt sie mir. Deshalb beschloss sie, ins Kapuzinerkloster St. Franziskus in Weiherfeld-Dammerstock zu ziehen. Dort hat sie bis vor wenigen Wochen in Form eines “Stadtkloster Artist in Residence Programm” gelebt – auf Youtube sind nun einige Videos zu sehen, in denen sie Ausschnitte aus ihrem ungewöhnlichen Alltag zeigt. „San Franziska“ lautet der Name des Kunstprojekts.

Eine Schlagersängerin als Alter Ego

Medienkünstlerin Heidi Herzig hat mit der gleichnamigen Schlagersängerin eine Kunstfigur geschaffen, die sich ganz der deutschsprachigen Musik widmet. Dass sie für ihr Alter Ego kein Pseudonym wählte, liegt daran, dass sie ihren eigenen Namen perfekt für eine Schlagersängerin fand – eine Alliteration mit Herz. „Ich hätte mir keine bessere Version ausdenken können“, sagt sie und lacht.

Heidi Herzig
Das ist Heidi.

Aber nicht nur der Name der Medienkünstlerin und der Schlagersängerin sind gleich, auch ansonsten ist es schwierig, eine klare Trennung zu ziehen. 2019 gründete sie die sechsköpfige Schlagermusikgruppe „Heidi Herzig Band“. Den Auftritt auf der MS Karlsruhe gibt es tatsächlich, auch ein gesamtes Album hat Heidi Herzig in einem Hochhaus in Berlin Marzahn in den Miami Nice Studios aufgenommen. Alle Songs sind sowohl bei Spotify als auch bei Youtube zu hören.

Jahrelang in der Fabrik gearbeitet

Woher kommt diese Faszination für Schlager? „Ich habe während meines Studiums in einer Verpackungsproduktion und Fabriken gearbeitet – überall wurde gesungen“, erklärt sie mir. Außerdem lief oft auch SWR 4. Sie hörte Songs unter anderem von den Flippers, Helene Fischer und Udo Jürgens. Ihre Eindrücke hielt sie schriftlich fest.

Heidi Herzig spürte damals, wie die Musik die Menschen in der Fabrik verbindet. „Das fand ich spannend“, sagt die Medienkünstlerin. Sie begann, ihre Fabriktext-Materialien zu sortieren, formulierte Texte und beauftrage ein Komponist*innen-Duo für die Musik.

Die Aufnahmen, die beim Konzert auf der MS Karlsruhe und im Kloster entstanden, sind der erste von drei Teilen des “Schlagerfeuers”. Sie werden alle zu einem Film zusammengefügt.

Von Dresden nach Karlsruhe

Heidi Herzig ist 1983 in Dresden geboren und kam nach dem Abitur nach Karlsruhe. Dort hat sie sowohl ein geisteswissenschaftliches Studium am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) abgeschlossen als auch ein Studium der Medienkunst und Szenografie an der Hochschule für Gestaltung (HFG) erfolgreich beendet. Für ihr Gemeinschaftsprojekt „Auf der Reling – Spuren an einem Element“ erhielt sie 2019 den Preis der Badischen Beamtenbank.

Neun Monate im Kloster “St. Franziskus”

Das Performance-Projekt „San Franziska“ ist Teil der Reihe „Kunst am Stadtkloster“. Es ist nicht das erste Mal, dass sich an diesem Ort Religion und Kunst treffen. Auch Lisa Bergmann und Judith Milz setzten ihr Kunstprojekt „Der gefaltete Raum“ am Klosterareal mithilfe Raumex (Angelika Jäkel) um.

Insgesamt neun Monate lang lebte Künstlerin Heidi Herzig im Kloster – mitten in der Corona-Hochphase. „Es war eine interessante Erfahrung“, sagt sie. Zeitweise wohnte auch ein Priester aus Burundi/Ostafrika dort. Mit ihm führte sie anregende Gespräche. Außerdem beobachtete sie die christlichen Veranstaltungen, die die Kirche veranstaltete, wie Stuhlkreise, die regelmäßig dort stattfinden.

Bora Bora als Sehnsuchtsort

Für ihr Projekt hat sich Heidi Herzig extra die „Ordnung der San Franziska“ ausgedacht – in Anlehnung an den Namen des Klosters. Basis dafür sind die Manuskripte der ebenfalls fiktiven Unternehmensberaterin Franziska Sommer. Sie lebte bis 1992 im Kloster. In den Notizen hielt sie verschiedene Beobachtungen fest – unter anderem kreierte sie den Leitsatz „Bora Bora“.

Wie hängen eine Insel in der Karibik mit einem Kloster in Karlsruhe zusammen? „Franziska Sommer bemerkte bei ihrer Arbeit als Unternehmensberaterin, dass für viele Fabrik-Mitarbeiter*innen diese Insel ein unerreichbarer Sehnsuchtsort ist und wollte das Bora Bora ins Wohnen, in den Alltag holen“, erklärt mir Heidi Herzig.

Da Bora Bora berühmt für blaues Wasser ist, spielt diese Farbe eine elementare Rolle im Projekt: ein Song von Heidi Herzig heißt „Dunkelblau“, ihre Kleidung in den Videos ist blau und auch die Ordensfarbe für San Franziska ist demnach ausgewählt.

Einblick in den Alltag im Kloster

Die Performances, die Heidi Herzig nun alle auf Youtube zeigt, sind mehrere Aufnahmen aus ihrem Klosteralltag – von 6 Uhr am Morgen, 24 Stunden lang. Sie geben einen guten Einblick in das Kloster: in die Wohnräume im ersten Obergeschoss sowie in den prächtigen Klostergarten, der 3.000 Quadratmeter groß ist.

In den Videos ist unter anderem zu sehen, wie sie am Morgen auf dem Trampolin springt, mit zwei Wischmops an den Füßen den Boden reinigt oder im Wasserkocher ein Frühstücksei zubereitet. Außerdem erkundet sie die Gegend rund ums Kloster, fährt Fahrrad, läuft mit einem roten Gymnastikball an der Alb entlang oder pflückt Blumen mit gelben Blüten.

Schlagersänger José führt sie in Versuchung

Heidi Herzig wird in ihrer Zeit im Kloster vor allem nachts vom sogenannten „Schlagerfeuer“ heimgesucht. Es sind Erinnerungen an die alten Zeiten auf der Bühne. Das Gefühl kommt an einem Abend auch personifiziert in Gestalt von Schlagersänger José ins Kloster.

Dem Karlsruher erzählt sie von ihren Erlebnissen, von den Stimmen, die sie hörte, von ihren Gefühlen. José hört ihr zu, ermutigt sie zu ihrer Rückkehr, bringt sie durch Musik in Versuchung. Mit Erfolg: Heidi Herzig singt wieder.

Am Morgen nach seinem Besuch ist die Entscheidung im Kloster gefallen: Heidi Herzig packt ihre Koffer, beendet ihre Auszeit. Der zweite Teil kann nun beginnen.

Info:
Alle Videos von “San Franziska” sind auf Youtube abrufbar.

(Visited 416 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Newsletter abonnieren
Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@miriam_steinbach