7. Juli 2021

Flimmerkasten: “Nomadland”

“Nomadland”: Es lebe die Freiheit!

Fern (Frances McDormand) fühlt sich nur frei, wenn sie mit ihrem weißen Van quer durch die USA fährt. Durch die karge Wüste und naturgewaltigen Nationalparks, entlang der felsigen Küste mit den tosenden Wellen.

„Vanguard“ hat Fern ihren treuen Gefährten mit den Rostflecken genannt. Mit ihm kommt sie nicht nur von einem Gelegenheitsjob zum nächsten. „Vanguard“ ist auch ihr Zuhause. In ihm schläft sie bei Eiseskälte, erledigt in einem Eimer ihre größeren und kleineren Bedürfnisse und hat in den Schränken ihre wichtigsten Andenken verstaut.

Fern ist eine moderne Nomadin und steht im Mittelpunkt von „Nomadland“, einem der schönsten Filme, den ich seit langer Zeit gesehen habe.

Ein leiser Film voller wunderbarer Momente!

Das Werk von Chloé Zhao hat mehr als 200 Preise bekommen – darunter drei Oscars. Es ist so sehr verdient. „Nomadland“ überzeugt mit einer beeindruckenden Frances McDormand in der Hauptrolle, faszinierenden Bildern und einer bewegenden Geschichte voller Poesie, die nie kitschig ist, sondern so viel Wertvolles über das Leben bereithält. In Kombination mit der sanften Musik ist der Film ein tiefgehendes Erlebnis, das zu Tränen rührt.

Ein Sachbuch dient als Vorlage

„Nomadland“ basiert auf dem Sachbuch „Nomaden der Arbeit: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert“ von Jessica Bruder. Die Geschichte um Fern ist zwar fiktiv, gleichwohl sind in „Nomadland“ auch reale Nomaden zu sehen, die ihre Geschichte erzählen.

Beispielsweise Linda May, die Fern Tipps gibt, wo sie neue Jobs findet und wie sie mit ihrem Van auf der Straße überlebt. Oder die krebskranke Swankie, die auf dem Weg Richtung Alaska ist – zu ihrem letzten Halt.

Keine Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt

„Ich bin nicht obdachlos, sondern hauslos“, beschreibt Fern zu Beginn einem Mädchen ihre Lebenssituation. Lange Zeit lebte die 60-Jährige mit ihrem Ehemann in Empire, einer Stadt in der Wüste Nevadas, die rund um eine Mine entstanden ist. Ihr Ehemann stirbt jedoch an Krebs, die Mine schließt. Die Mitarbeiterin auf dem Arbeitsamt sieht keine Chance, Fern zu vermitteln und empfiehlt ihr nur noch die Frührente. Sie steht vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens.

Knochenharte Jobs!

Die 60-Jährige lagert daraufhin ihre Möbel ein und begibt sich mit ihrem Van auf die Reise. Ihre Ziele: die Freiheit und die wunderbare Natur der USA. Um zu überleben, stoppt sie an den verschiedensten Orten, an denen sie als Gelegenheitsarbeiterin Geld verdienen kann – in einem Lager von Amazon zur Weihnachtszeit, als Putzhilfe in einem Nationalpark oder in der Küche eines Freizeitsparks, wo sie Pommes frittiert und Burger brät. Es sind Knochenjobs, doch Fern kämpft sich durch, arbeitet hart.

Halt findet sie in der Nomaden-Gemeinschaft, die ihr Linda May ans Herz legt. In der Wüste trifft sie auf die Truppe. Es sind die unterschiedlichsten Menschen, die sich für ein Leben „on the road“ entschieden haben. Manche haben schlimme Schicksalsschläge hinter sich, andere große finanzielle Probleme.

Das Leben als Nomadin ist nicht alternativlos

Obwohl das Leben in ihrem Van keinen Komfort bietet, wird im Laufe des Films immer deutlicher, dass es für Fern keineswegs alternativlos ist. Mehrmals bekommt sie das Angebot, bei Freunden oder ihrer Schwester wohnen zu können. Aber sie hält es nicht aus, an nur einem Ort zu sein. Das Leben in ihrem Van bedeutet Freiheit für sie. Sie zieht weiter.

Keine Sozialkritik

„Nomadland“ wertet nicht. Weder wird das Leben der Nomanden dramatisiert, noch romantisiert. Chloé Zhao zeigt vielmehr einen vielseitigen Einblick in das Leben ohne festen Wohnsitz. Überraschenderweise geht der Film nicht auf die schwierigen Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor ein.

Als Fern beispielsweise während der Weihnachtssaison bei Amazon arbeitet, wirkt dort alles steril und friedlich. Nur beim Besuch ihrer Schwester wird bei einem Gespräch über Immobilien deutlich, wie groß die Kluft zwischen denen ist, die in Krisenzeiten noch reicher werden und denen, die sich kein Haus mehr leisten können.

Der perfekte Film fürs Kino!

Es war für mich der perfekte Film nach langer Kino-Abstinenz. Die Bilder von den wuchtigen Canyons, den farbgewaltigen Sonnenuntergängen, den klaren Seen und prächtigen Bäumen funktionieren wunderbar auf der großen Leinwand. Auch Frances McDormand spielt die kantige Fern mit solch einer Wucht, dass es schwer zu glauben ist, dass es nur eine Rolle für sie ist.

Obwohl „Nomadland“ ein sehr langsamer und leiser Film ist, vergehen die 110 Minuten rasend schnell. An manchen Stellen staunte ich über die Natur, an anderen wurde ich wegen der Lebensgeschichten melancholisch, aber immer hatte ich größten Respekt für die Nomanden, wie sie gebeutelt vom Leben all die Strapazen auf sich nehmen – für ein Leben in Freiheit.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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