3. August 2023

Buchkritik: “Was vom Tage übrig blieb” von Kazuo Ishiguro

"Was vom Tage übrig blieb" von Kazuo Ishiguro

“Was vom Tage übrig blieb”: was für ein beeindruckender Roman!

Das Buch eines Literaturnobelpreisträgers: Das war der Hauptgrund, warum ich mir „Was vom Tage übrig blieb“ zum Geburtstag wünschte. Der Roman, der sich um das Leben des Butlers Mr. Stevens dreht, erschien bereits 1989 und erhielt unter anderem den Booker Prize.

Große Aufmerksamkeit bekam die Geschichte außerdem nochmals vier Jahre später, weil sie mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmt wurde – und das Leinwandwerk mehrfach für den Oscar nominiert war. Kazuo Ishiguro erhielt dann 2017 den Nobelpreis. 

Um was geht es in „Was vom Tage übrig blieb“? 

Über die Handlung von „Was vom Tage übrig blieb“ wusste ich vor dem Lesen nicht viel. Zuerst dachte ich, der Roman hätte asiatische Einflüsse. Kazuo Ishiguro wurde in Japan geboren und kam als Kind mit seinen Eltern nach England.

Die Geschichte ist jedoch durch und durch britisch. Sie spielt größtenteils in Cornwall sowie auf dem Anwesen in Oxfordshire und bezieht sich auf verschiedene historische Ereignisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – wie etwa den Umgang mit dem Versailler Vertrag und Hitlers Rekrutierung von Verbündeten in Großbritannien. 

Über einen würdevollen Butler

Im Mittelpunkt steht der in die Jahre gekommene Butler Stevens, der zu Beginn der Handlung eine sechstägige Reise nach Cornwall unternimmt. Er ist auf dem Landsitz Darlington Hall als oberster Butler angestellt, auf dem seit drei Jahren sein neuer Arbeitgeber, der aus den USA stammende Mr. Farraday, lebt. Er ist es auch, der Stevens zu der Reise ermutigt und ihm dafür seinen schicken Wagen leiht. 

Der Butler nutzt dieses Angebot, um eine ehemalige Bedienstete, Miss Kenton, zu besuchen. Sie hatten einige Jahre gemeinsam unter dem alten Dienstherr, Lord Darlington, gearbeitet. Da auf Darlington Hall derzeit große Personalnot herrscht und Miss Kenton ihm kurz zuvor einen Brief geschrieben hat, in dem sie sentimental auf diese Zeit zurückblickt, hofft Steven, dass sie Interesse an ihrem alten Arbeitsplatz hat. Er fährt deshalb mit dem Ziel los, sie zurückzugewinnen. 

Die Geschichte ist in die verschiedenen Etappen von Stevens Reise unterteilt. Er trifft bei Stopps in ländlichen Gegenden auf unterschiedliche Menschen, die ihn aus seiner elitären Darlington-Hall-Blase herausholen und Erinnerungen in ihm wecken. So bekommt er nach und nach einen neuen Blick auf seinen alten Chef. 

Ihm hat er sein ganzes Leben gewidmet. Stevens war immer professionell und würdevoll, wie es sich seiner Meinung nach für einen guten Butler gehört. Unter „Würde“ versteht er: 

„Würde“ hat entscheidend zu tun mit der Fähigkeit eines Butlers, niemals die berufliche Identität zugunsten einer privaten preiszugeben. Solche Menschen spielen als Butler lediglich eine Schmierenkomödie – ein kleiner Stoß, ein leichtes Stolpern, und schon fällt die Fassade und offenbart den Schauspiele dahiner. Die großen Butler sind groß aufgrund der Fähigkeit, ihre berufliche Identität bis zum Äußersten auszufüllen und in ihr zu leben.

Quelle: “Was vom Tage übrig blieb”

Ohne moralisches Empfinden

Stets dienstbereit, hält sich Stevens für einen vorbildlichen Butler. Doch mit jedem Kapitel wird klarer: Er erfüllte seinem Chef jeden Wunsch – ohne kritisches Hinterfragen und ließ sich auch noch von Freunden des Lords demütigen.

Der Butler schaltete auch sein moralisches Empfinden völlig aus. So unternahm er nichts, als Lord Darlington in den 1930er-Jahren die Entlassung zweier jüdischer Angestellter verlangt. 

Auch seine persönlichen Bedürfnisse stellte er immer zurück. Als sein Vater im Sterben liegt, nimmt er sich kaum Zeit für ihn, weil auf dem Anwesen eine große Konferenz stattfindet. Auch eine Heirat ist für den Butler undenkbar.

Er scheint nur nicht zu merken, wie viel von seinem Leben er opfert. Je länger die Reise dauert und je mehr er auf alte Zeiten zurückblickt, desto deutlicher wird: Stevens ist zwar rational, professionell und beruflich weit gekommen. Aber er hat keinen Zugang zu seinen Gefühlen. Erst gegen Ende der Reise geschieht etwas, das ihn wachrüttelt und ihm noch einmal einen neuen Blick auf sein eigenes Leben ermöglicht – doch jetzt scheint es zu spät, die Reue setzt ein.

Feine Sprache und vielschichtige Geschichte

„Was vom Tage übrig blieb“ ist ein beeindruckender Roman. Er ist tiefgründig, gesellschaftskritisch und hat mich zum Nachdenken über das Leben angeregt.

Er hat mir auch unglaublich gut gefallen, weil die Sprache sehr fein und gewählt ist. Jeder Satz wirkt durchdacht, ohne sperrig zu sein. Dazu kommt die unglaubliche Intelligenz des Romans. Wie sich die Geschichte nach und nach enthüllt, fand ich sehr spannend. Die Charaktere sind interessant und tiefgründig. Dazu kommt die historische Einbettung, die dem Werk noch eine weitere lesenswerte Ebene verleiht. 

Es wird nicht das letzte Buch von Kazui Ishiguro sein, das ich lese. Für mich hat er zu Recht den Literaturnobelpreis erhalten.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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