26. November 2021

Buchkritik: “Die Stunden” von Michael Cunningham

Wunderbares Buch: „Die Stunden“ von Michael Cunningham

Es war ausgerechnet ein Netflix-Abend, der mich zu „The Hours“ von Michael Cunningham führte. Ich hatte wahllos nach unkomplizierter Unterhaltung gesucht und war dabei auf „The Hours“ gestoßen. 97 Prozent Übereinstimmung mit meinen Interessen, hatte der Streamingdienst errechnet. Okay. Der Algorithmus muss es ja wissen. Ich klickte auf Play – ohne zu ahnen, was mich erwartete.

Schon nach wenigen Minuten wusste ich: Perfekt, das ist genau meins. Drei Geschichten von drei Frauen, die in verschiedenen Jahrzehnten und an verschiedenen Orten leben, aber alle durch eine Gemeinsamkeit verbunden sind – durch “Mrs. Dalloway” von Virginia Woolf.

Prominent besetzte Verfilmung

Erstaunt war ich auch über die prominente Besetzung, die plötzlich über meinen Laptop-Bildschirm flimmerte. Nicole Kidman, Julianne Moore, Meryl Streep, Claire Danes. Schnell drückte ich auf Stopp. Was ist das für ein Film? Gibt es eine Romanvorlage?

Ja, die Internet-Suchmaschine spuckte schnell ein positives Ergebnis aus. „The Hours“ von Michael Cunningham, ein Werk, das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Statt den Film weiter anzuschauen, besorgte ich mir erst einmal das Buch – und las es innerhalb weniger Tage mit großem Vergnügen.

Voller Details

Michael Cunninghams Roman besticht vor allem durch seine wunderbare Sprache. Jeder Satz ist bis ins kleinste Detail durchdacht, er lässt Bilder von absoluter Klarheit entstehen, die einen sehr präzisen Film im Kopf ablaufen lassen. Ein Beispiel:

„Sie nimmt ihren Morgenmantel, heller, meergrüner Frotteestoff, von dem frisch aufgepolsterten Sessel, und darunter kommt der Sessel zum Vorschein, breit und gedrungen, mit lachsrotem Stoff bezogen, der Höcker bildet, mit Kordeln verschnürt und mit lachsrotem Polsternägeln gebändigt ist, die ein Rautenmuster bilden.“

Ein Tag im Leben dreier Frauen

Der Roman beginnt mit einem Prolog über den Selbstmord von Virginia Woolf. In einem Abschiedsbrief an ihren Mann erklärt sie, warum sie den Freitod als einzigen Ausweg sieht. Danach folgen in einzelnen Episoden Rückblenden auf einen gemeinsamen Tag in ihrem Leben in den 1920er Jahren. Stunden, die exemplarisch für das Ganze stehen. An diesem Tag kämpft Virginia Woolf wieder mit den Stimmen in ihrem Kopf, sucht gerade nach dem Plot für ihr neues Werk “Mrs. Dalloway” und bekommt Besuch von ihrer Schwester und deren Kindern.

Auch bei den beiden anderen Frauen steht ein einziger Tag im Mittelpunkt. Laura Brown lebt in den 1940er Jahren und liest gerade “Mrs Dalloway”, das erfolgreiche Buch von Virginia Woolf. Auch sie ist unglücklich mit ihrem Leben, immer wieder tauchen Selbstmordgedanken auf – obwohl sie gerade schwanger ist, einen kleinen Sohn und einen Mann hat, die beide sehr an ihr hängen.

Clarissa lebt Ende der 1990er Jahre im pulsierenden New York. Ihr Freund Richard hat ihr den Spitznamen „Mrs. Dalloway“ verpasst. An diesem Tag im Juni bereitet sie eine Party für ihn vor. Richard soll einen Literaturpreis erhalten, ist aber schwer an Aids erkrankt und vegetiert in seiner Wohnung vor sich hin.

Subtile Verbindungen, immer wieder

Obwohl die Frauen und ihre Leben so unterschiedlich sind, schafft es Michael Cunningham auf elegante Weise immer wieder, Verbindungen herzustellen: über die Literatur, den Kauf von Blumen, das Anrichten eines Festmahls – und über die Todessehnsucht, die dem Leben so diametral gegenübersteht.

Außerdem entblättert sich besonders in den Erzählungen von Clarissa erst auf langsame Weise ein gesamtes Bild über ihr Leben. Wie genau steht sie zu Robert, wer ist der Vater ihrer Tochter? All das kommt nach und nach ans Tageslicht,

Obwohl die Frauen und ihre Leben so unterschiedlich sind, gelingt es Michael Cunningham immer wieder, auf elegante Weise Verbindungen herzustellen: über die Literatur, den Kauf von Blumen, die Zubereitung eines Festmahls – und über die Todessehnsucht, die dem Leben so diametral entgegensteht.

Vor allem aus Clarissas Erzählungen ergibt sich erst nach und nach ein Gesamtbild ihres Lebens. Was genau ist ihre Beziehung zu Robert, wer ist der Vater ihrer Tochter? All das kommt erst nach und nach ans Licht, es entsteht eine ganz subtile Spannung, die mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ.

Eine Seltenheit!

„Die Stunden“ ist ein sehr ruhiger, unaufgeregter und liebevoller Roman. Michael Cunningham hat jeder seiner Figuren so viel Respekt und Tiefe verliehen, dass es eine Wohltat ist, dieses Buch zu lesen.

Als ich die letzte Seite zuklappte, klickte ich erneut auf den Play-Button bei Netflix und sah mir den Film noch einmal von Anfang an an. Ihm ist etwas Seltenes gelungen: eine sehr würdige und ansprechende Umsetzung von Literatur.

(Visited 1.244 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Newsletter abonnieren
Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@miriam_steinbach