25. Februar 2022

Schmöker: “Dunkelblum” von Eva Menasse

"Dunkelblum" von Eva Menasse

„Dunkelblum“ von Eva Menasse: ein anstrengender Bestseller

Eine Umfrage der „Zeit“ hat mich vor wenigen Wochen zu „Dunkelblum“ von Eva Menasse gebracht. Leser*innen der Wochenzeitung hatten den Roman der österreichischen Autorin auf Platz 1 der besten Bücher 2021 gewählt. Ich wurde neugierig. Bislang war „Dunkelblum“ nicht auf meiner Lese-Liste gestanden. Nun wollte ich aber unbedingt selbst wissen, was an diesem Buch so besonders ist.

Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg

Der Plot der Geschichte klingt zunächst spannend: „Dunkelblum“ ist eine fiktive Kleinstadt in Österreich. Sie liegt im Burgenland, nahe der ungarischen Grenze. Es gibt dort ein kleines Hotel, ein Reisebüro, ein Café, einen kleinen Gemischtwarenladen (Greißler) und auch einen hippen Bio-Bauernhof, wo junge Kunst an den Wänden hängt und die Bäder exotisch gefliest sind.

In Dunkelblum wissen die Einheimischen alles voneinander, und die paar Winzigkeiten, die sie nicht wissen, die sie nicht hinzuerfinden können, und auch nicht einfach weglassen, die sind nicht egal, sondern spielen die allergrößte Rolle: Das was nicht allseits bekannt ist, regiert wie ein Fluch.

Die Handlung spielt hauptsächlich im August 1989, als sich der Eiserne Vorhang gerade zu öffnen beginnt. Immer wieder gibt es außerdem Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Damals mussten alle jüdischen Menschen Dunkelblum verlassen. Außerdem wurden zahlreiche Zwangsarbeiter, die dort unter widrigsten Umständen an einem Schutzwall arbeiteten, in einer Nacht- und Nebelaktion grausam erschossen. Was genau damals geschah und wie es dazu kam, darüber herrscht jahrzehntelang Schweigen in der Kleinstadt.

Lassen wir die großen Fragen von Menschenwürde und menschlicher Maximalbosheit einmal beiseite. Versuchen wir, eine Strategie zu erkennen, oder sagen wir es viel kleiner: ein Wollen. Was wollten sie eigentlich, die Ferbenz und Neulags, die Horkas und Stipsits, die Podezins, Nickas und Muralters, die diese Zustände verantworteten? Was wollten ihre Vorgesetzten? Wollten sie wirklich einen Wall bauen, der ihnen die Rote Armee vom Hals hielt? Oder wollten sie schnellmöglich und dennoch Munition sparend eine große Menge Menschen töten?

1989 beginnt die Fassade zu bröckeln. Eine junge Dunkelblumerin, Flocke, beginnt mit dem Besitzer des Reisebüros, Reisen-Rehberg, und der älteren Dame Eszter Lowetz Nachforschungen anzustellen. Ein Heimatmuseum soll in Dunkelblum entstehen. Jedoch sehr zum Widerwillen vieler Einheimischer.

Kurz danach ist zuerst Eszter tot, danach wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden, auf dem jüdischen Friedhof tauchen antisemitische Schmierereien auf und schließlich verschwindet Flocke spurlos. Außerdem kommen nahezu zeitgleich zwei Herren mit mysteriösen Missionen in Dunkelblum an. Es ist zunächst unklar, was genau dahintersteckt.  

Die Ereignisse in Rechnitz sind Vorbild für „Dunkelblum“

Die Kerngeschichte des Buches ist deshalb absolut lesenswert. Besonders vor dem Hintergrund, dass sich die Ereignisse in „Dunkelblum“ auf das Schrecken in der Stadt Rechnitz beziehen. Wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Buchkritik schreibt, kamen dort vor Palmsonntag im Jahr 1945 200 Zwangsarbeiter ums Leben. Eva Menasse baute das fiktive Dunkelblum mit seinem niedergebrannten Schloss und der Pestsäule analog zu Rechnitz auf und verortet dort das Massaker.

Das ist definitiv ein Pluspunkt des Buches. Ich bekam dadurch einen Einblick, wie die Stimmung im Burgenland im Zweiten Weltkrieg war, welche schrecklichen Taten auch dort stattfanden und wie schwierig der Umgang mit der Schuld ist.

Große Anstrengung beim Lesen

Gleichwohl: Der Roman war ein großer Kampf für mich. Mir fiel es unglaublich schwer, ihn längere Zeit am Stück zu lesen. Häufig musste ich mich regelrecht zwingen, danach zu greifen.

Eva Menasses Sprache ist zwar furios, sehr bildhaft, detailreich und beeindruckend. Aber an vielen Stellen führen für mich die blümeranten Ausschweifungen und kleinteiligen Beschreibungen zu weit vom eigentlichen Geschehen weg und machten es mir schwer, der Handlung zu folgen.

Viel zu viele Personen

Auch die Vielzahl an Personen, die in „Dunkelblum“ eine Rolle spielen, überforderte mich. Die Kapitel sind abwechselnd aus der Perspektive von verschiedenen Protagonist*innen erzählt. Das wäre sehr gelungen, wenn es maximal fünf verschiedene Sichtweisen wären. Aber es sind zig Personen, die vorgestellt werden und dann längere Zeit nicht mehr auftauchen oder danach für Hunderte Seiten wieder nur eine kleine Nebenrollen spielen.

Dadurch fasert die Geschichte enorm aus und es fiel mir bereits nach dem ersten Drittel schwer, den Überblick zu behalten, wer nun welche Rolle spielt. Definitiv hilfreich ist das Personenverzeichnis ganz am Ende des Buches, das ich leider erst relativ spät entdeckte.

Enttäuschend war für mich auch das Ende. Nachdem Eva Menasse zunächst große Spannung aufbaut, plätschert im letzten Drittel alles ohne große Überraschung vor sich hin und versiegt. Hmmm.

Auch wenn „Dunkelblum“ bestimmt ein handwerklich toller Roman ist, Eva Menasse über einen unglaublich großen Wortschatz verfügt und mit kreativen Beschreibungen glänzt, sprang der Funke bei mir nicht über. Außerdem wurde ich mit den einzelnen Charakteren nicht warm.

Nicht mein Geschmack

Tatsächlich war ich froh, als ich „Dunkelblum“ zu Ende gelesen hatte. Dass das Buch auf dem ersten Platz der besten Bücher der „Zeit“-Umfrage landete, ist mir ein kleines Rätsel. Vielleicht ist es auch Geschmackssache: Wer gerne Romane mit Schachtelsätzen und einer explodierenden Sprache mag, wird bestimmt Spaß haben.

Da ich eher puristische Satzstrukturen vorziehe und dafür mehr Wert auf einen gelungenen Spannungsbogen lege beziehungsweise nicht erst unnötig mit Krimi-Elemente getriggert werden möchte, wenn es gar keine besondere Überraschung am Schluss gibt, hat mich „Dunkelblum“ weder besonders berührt noch begeistert. Schade.

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One thought on “Schmöker: “Dunkelblum” von Eva Menasse

  1. Evi Röthig sagt:

    Hallo, ich bin auf den letzten Seiten von Dunkelblum. Ein faszinierenden Buch, wortgewaltig, fesselnd. Trotzdem muss ich Ihnen Recht geben, die vielen Personen machen es dem Leser nicht leicht und ich hatte mir vorgenommen, es noch einmal mit Abstand zu lesen, da mir nach 500 Seiten die Personen doch etwas vertraut sind. Danke für ihre sachliche und berechtige Kritik.Trotzdem ein lesenswerter Roman,allein schon der Sprache wegen.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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