25. März 2022

Schmöker: “Die Anomalie” von Hervé Le Tellier

"Die Anomalie" von Hervé Le Tellier

Kritik: „Die Anomalie“ – ein wunderbares Buch, das Unterhaltung mit Philosophie verknüpft

Es ist ein großer Wirbelsturm, der die Boeing 787 am 10. März 2021 gehörig ins Schlingern bringt. Es wackelt heftig im Inneren, einer Frau fällt die Brille von der Nase, ein Gepäckfach öffnet sich. Die mehr als 200 Passagiere bekommen Todesangst. Manche fangen an zu beten, andere zu weinen. Holprig fliegt das Flugzeug weiter und kommt schließlich sicher in New York an. Alles scheint gut.

Doch dann taucht am 24. Juni das Flugzeug mit demselben Kapitän, der identischen Crew sowie den gleichen Reisenden am Himmel erneut auf. Die Boeing hat sich im Wirbelsturm quasi verdoppelt und landet nun drei Monate später nochmals. Eine zunächst unerklärliche Anomalie. Wie konnte das passieren und warum? Wissenschaftler*innen suchen darauf nun eine Antwort. Die Gesellschaft ist in Aufruhr, als sie davon erfährt. Ist das Leben etwa nur eine Simulation?

Wie gehe ich mit meiner Doppelgängerin um?

Der französische Autor Hervé Le Tellier hat mit seinem Bestseller „Die Anomalie“ ein spannendes Szenario geschaffen. Philosophie trifft auf Thriller und Humor. Mit großem Vergnügen und Interesse las ich das Buch innerhalb weniger Tage. Wie wird es ausgehen? Diese Frage ist bis zum Schluss völlig offen und animierte mich immer wieder dazu, den Roman in die Hand zu nehmen.

Gegliedert ist „Die Anomalie“ in drei verschiedene Bereiche. Im ersten Teil stellt Hervé Le Tellier vor allem die Reisenden vor, die sich im Juni plötzlich mit identischen Doppelgänger*innen auseinandersetzen müssen.

Dazu gehört unter anderem der Auftragskiller Blake. Er ist in die USA geflogen, um wenige Tage später einen Mann zu erschießen. Danach reist er über London zurück zu seiner Familie in Paris, die nichts von seinem blutigen Beruf ahnt. Bei all der Geheimniskrämerei kommt ihm eine weitere Version seiner selbst alles andere als gelegen. Was wird er tun?

Mit Blake im Flugzeug sitzt außerdem der Schriftsteller und Übersetzer Victor Miesel. Er bekommt zunächst in New York einen Preis in einer Buchhandlung verliehen, fliegt danach gleich zurück nach Paris, wo er ein neues Buch schreibt. Dabei verfällt er jedoch in Depressionen und begeht Selbstmord. Als sein Doppelgänger im Juni auftaucht, ist die Sensation groß.

Ein Leben mit zwei Müttern

Ebenfalls im März an Bord sind der Architekt André und seine Freundin Lucie. In ihrer Beziehung knirscht es. André ist deutlich älter als Lucie und vergöttert sie. Lucie dagegen ist überfordert mit seiner Nähe und Zuneigung. Kurz nach der Reise trennen sie sich, worunter vor allem der Architekt leidet.

Lucie hat außerdem einen kleinen Sohn, der nicht im Flugzeug dabei war. Als im Juni die Boeing ein zweites Mal landet, ist die Verwirrung groß. André und Lucie gibt es nun getrennt und noch einmal als Paar. Außerdem sieht sich der kleine Junge plötzlich mit zwei Müttern konfrontiert. Wie funktioniert das nun mit dem Sorgerecht?

Spannung vor allem ab dem zweiten Teil

Während im ersten Teil des Buches die Geschichte noch ein wenig vor sich hin plätschert und es vor allem darum geht, die einzelnen Protagonist*innen und ihre Lebenssituation kennenzulernen, gewinnt der Roman dann ab dem zweiten Teil an Fahrt. Die Boeing ist zum zweiten Mal in den USA gelandet und Vertreter*innen von Behörden sowie Wissenschaftler*innen stehen vor einem großen Rätsel. Wie konnte das passieren?

Um die Gesellschaft nicht zu beunruhigen, versuchen sie so lange wie möglich alles geheim zu halten. Sie sprechen mit Naturwissenschaftler*innen und Kirchenvertreter*innen über die Anomalie. Theorien von einem „Wurmloch“, einem „Fotokopierer“ und einer Simulation kommen auf. Letztere erscheint vielen Beteiligten am wahrscheinlichsten.

So wird es besonders im letzten Teil des Buchs philosophisch. Während die Doppelgänger*innen sich ihren Platz in der Welt zu suchen, diskutiert die Öffentlichkeit über ihr Dasein. In einer Talkshow meint ein Philosoph namens Philomède:

„Ich möchte mich zu dieser Idee der Simulation nicht äußern (…) Aber meiner Ansicht nach würde das gar nichts ändern. Ich bin Materialist: Es gibt keinen Unterschied zwischen Denken und zu glauben, dass man denkt und also auch nicht zwischen Existieren und zu glauben, dass man existiert.“

„Die Anomalie“ wird verfilmt

Hervé Le Tellier schafft es tatsächlich bis ganz zum Ende die Spannung hochzuhalten. Die letzte Seite ist dann auch nochmals eine Überraschung. „Die Anomalie“ unterhielt mich deshalb bestens und regte mich nebenbei noch zum Nachdenken über das Leben an. Der Roman erinnerte mich außerdem an den Film „Matrix“, bei dem ich ähnliche Gefühle empfand.

„Die Anomalie“ ist definitiv ein sehr gelungener Roman, der nun auch verfilmt wird. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen auf der Kinoleinwand!

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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