24. Oktober 2023

Buchkritik: “Nagomi” von Ken Mogi

"Nagomi" von Ken Mogi

“Nagomi” von Ken Mogi: Unterhaltsame und kluge Tipps für ein entspannteres Leben

Es ist etwas Besonderes, ein Buch zu lesen, in dem völlig überraschend der Urururopa des eigenen Sohnes auftaucht. Eiichi Shibusawa lebte von 1840 bis 1931 und gilt als der Vater des japanischen Kapitalismus, wie Ken Mogi in seinem Buch „Nagomi. Der japanische Weg zu Harmonie und Lebensfreude“ schreibt. 

Über den Vorfahren verrät er:

„Innerhalb weniger Jahrzehnte gründete er zahlreiche Unternehmen, die sich zu ökonomischen Gigangten entwickelten: die Mizuho Bank, Tokio Marine, das Imperial Hotel (…) um dieses Verdienst zu würdigen, wird sein Gesicht ab 2024 die 10.000-Yen-Scheine zieren.“

Quelle: “Nagomi” von Ken Mogi

Nun, warum erscheint Eiichi Shibusawa ausgerechnet in diesem Buch über Harmonie und Lebensfreude? Der Unternehmer legte großen Wert auf ein Gleichgewicht zwischen Wohlergehen und Gewinn – sowohl für Investoren als auch für Mitarbeiter, Kunden und die Gesellschaft als Ganzes.

Diese Ausgewogenheit ist ein Grundprinzip von nagomi, der ganzheitlichen japanischen Lebensphilosophie. Was genau sich dahinter verbirgt und wie sie sich konkret im Alltag umsetzen lässt, erklärt der Hirnforscher Ken Mogi auf sehr lesenswerte und anschauliche Weise in seinem Buch.

Was ist nagomi?

Ken Mogi definiert nagomi in seinem Buch folgendermaßen: 

„ein Zustand des menschlichen Bewusstseins, geprägt von einem Gefühl der Leichtigkeit, der emotionalen Ausgeglichenheit, des Wohlbefindens und der Ruhe. Entscheidend dafür ist etwa die Auffassung, dass es unterschiedliche Elemente gibt, nicht etwa bloß ein einheitliches, zusammenhängendes Ganzes.“

Quelle: “Nagomi” von Ken Mogi

nagomi soll nach Mogi unter anderem helfen, mit scheinbar fehlendem Glück und Schicksalsschlägen besser umgehen zu können. Sie führt im Idealfall also zu mehr Widerstandsfähigkeit. Wichtig dafür sind unter anderem ein starkes Selbstwertgefühl und moderates Selbstvertrauen.
Außerdem gilt:

„Ein wesentlicher Aspekt des nagomi des Ichs ist es, Dinge anzunehmen, die man nicht verändern kann.“

Quelle: “Nagomi” von Ken Mogi

Anwendung im Alltag

Essen, Kreativität, Gesundheit oder lebenslanges Lernen: Der Hirnforscher zeigt in seinem Buch auf, wie sich nagomi in den verschiedensten Lebensbereichen auswirkt. Es gibt in Japan dabei nicht eine einzige Auslegung von nagomi

Ausschlaggebend sind vielmehr fünf Säulen, die verdeutlichen, wie ein Mensch die Philosophie im Alltag umsetzen kann. Dazu gehören unter anderem: 

  • Führen Sie glückliche Beziehungen mit Ihren Liebsten, selbst wenn Sie nicht einer Meinung sind. 
  • Finden Sie Frieden in allem, was Sie tun. 
  • Mischen und verbinden Sie Ungleiches, um ein harmonisches Gleichgewicht zu schaffen.

nagomi des Essens

Die Philosophie des Gleichgewichts spielt beispielsweise in der japanischen Küche eine große Rolle. Typisch dafür ist der Begriff „Kaiseki“, der das richtige Verhältnis der Zutaten eines Gerichts beschreibt. Die Bentobox, die nächste Stufe der Lunchbox, ist ein typisches Beispiel, das inzwischen auch viele Schulkinder in Deutschland kennen.

“In einer typischen Bentobox befinden sich eine Portion Reis, oft in quadratischer Form, sowie mehrere Beilagen, die fein säuberlich wie die Teile eines Puzzles angeordnet sind. Ein „Hauptgericht“ gibt es dabei nicht; alles wird in ordentlichen kleinen Portionen arrangiert und soll gut mit dem Reis harmonieren.”

Quelle “Nagomi” von Ken Mogi

Auch bei Ramen wird das nagomi-Prinzip deutlich – es gibt eine Vielzahl von Nudeln und Garnierungen, die zum Einsatz kommen dürfen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist nur, dass das Ergebnis ein harmonisches Ganzes ergibt.

nagomi der Beziehungen 

Eine bedeutende Rolle spielt nagomi auch in Beziehungen. Es könnte beispielsweise helfen, die derzeit oft schwierige und polarisierende Diskussionskultur zu verbessern.
Politik, Identitätsfragen, Religion: In vielen Ländern stehen sich Gruppen feindlich gegenüber, ein konstruktiver Austausch scheint kaum möglich. Selbst durch Familien läuft manchmal eine harte Linie.

“Die nagomi-Philosophie sieht für den zwischenmenschlichen Umgang vor, dass Harmonie selbst bei Meinungsverschiedenheiten gewahrt werden soll. Das schließt lebhafte Gespräche nicht aus. Sie sollen aber nicht zum Zerwürfnis führen.”

“Nagomi” von Ken Mogi

Zentral ist der Gedanke, dass die Beziehung selbst am wichtigsten ist. Zwar ist jeder Mensch wertvoll und unverzichtbar, aber es sind in erster Linie seine Beziehungen zu anderen, die sein Wesen ausmachen, meint der Hirnforscher.

Viel über Japan gelernt

Ken Mogi wendet das nagomi-Prinzip in seinem Buch noch auf viele weitere Bereiche an und gibt konkrete Beispiele, wie es möglich ist, dadurch mehr Harmonie im Leben zu finden. Wie bereits in „Ikigai“ gelingt ihm das auf eine sehr nahbare und unkomplizierte Art. Erneut erfuhr ich viele interessante Fakten über die japanische Lebensweise. 

Da das Buch nur knapp 170 Seiten hat, war ich schnell durch damit. Es ist eine entspannende Lektüre, die mich außerdem dazu anregte, nochmals im Alltag auf bestimmte Dinge zu achten – wie sehr muss ich beispielsweise meine eigene Meinung in Diskussionen durchsetzen, wie kombiniere ich verschiedene Lebensmittel miteinander?

Darüber hinaus habe ich noch einiges über Eiichi Shibusawa gelernt. Wenn mein Sohn älter ist, werde ich ihm die Seiten über seinen Urururopa vorlesen. Er wird sich bestimmt freuen.

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Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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