19. Januar 2019

Flimmerkasten: “Roma”

Ein wunderbarer Film: “Roma”

Wie eine Meereswelle, die am Ende ihrer Reise am Strand aufschlägt, schwappt das Putzwasser über den Plattenboden in der Hofeinfahrt. Mit Schwung und Dynamik platscht es vor und zurück, der Schaum schlägt kleine und große Blasen. In der Spiegelung des klaren Wassers taucht plötzlich ein Flugzeug auf, es zieht am Horizont seine Bahnen.

Bereits die ersten Minuten von „Roma“ sind voller Ästhetik. In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, der für „Gravity“ bereits einen Oscar erhielt, die Geschichte des Kindermädchens, mit dem er aufwuchs – in Roma, einem Stadtteil von Mexico-City in den 1970er-Jahren. „Für Libo“ steht im Abspann, im Film heißt die tapfere und liebevolle Frau Cleo.

Für den Oscar 2019 nominiert

Das Besondere an dem Film: Er lief nur wenige Tage im Kino, seit Mitte Dezember ist er über Netflix zu streamen. Dadurch könne er besser vermarktet und von mehr Menschen weltweit gesehen werden, sagte der Regisseur in einem Interview. Dass er überhaupt auf der großen Leinwand zu sehen war, liegt vor allem daran, dass er so auch für den Oscar nominiert werden konnte – als bester nicht-englisch-sprachiger Film.

Mexico in den 1970er-Jahren

Die 1970er-Jahre in Mexico sind sehr unruhige Zeiten: Studentenaufstände werden blutig niedergeschlagen, Kinder auf der Straße erschossen, es gibt ein Massaker an Fronleichnam. Die Familie, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, gehört zur oberen Schicht. Ihre Mitglieder: die Mutter, vier Kinder, eine Oma und der Vater. Er ist Arzt, fast nie da, und verschwindet dann auch für längere Zeit, offiziell nach Kanada. Doch tatsächlich hat er eine Geliebte.

Cleo kümmert sich aufopferungsvoll um diese verwirrte Familie, deren Fundament gerade wegbricht. Sie macht die Wäsche, putzt, nimmt liebevoll die Bedürfnisse der Kinder wahr, spielt mit ihnen, spricht mit ihnen über ihre Bedürfnisse und Ängste, kuschelt mit ihnen. Als sie selbst ungewollt schwanger wird, darf sie bleiben. Die Frauen halten zusammen.

Langsam und leise

„Roma“ kommt ohne viele Worte aus und schreitet langsam voran. Es sind die kleine Gesten in den epischen Bildern und der Sound, die einen gemeinsam komplett in den Alltag dieser Familie eintauchen lassen, mitnehmen in die unruhigen Zeiten Mexicos, in denen es soviel Verzweiflung und Leid gibt – in allen Schichten.

Allein wie der Vater sein mächtiges Auto in die enge Einfahrt fährt, als er nach Hause kommt, ist ein Erlebnis. Das Parken ist eine Herausforderung. Es gibt keinen Millimeter zuviel Platz, gewaltige klassische Musik ertönt, Zigarettenrauch steigt auf. Von seiner Familie wird er an der Tür sehnsuchtsvoll erwartet. Wenige Tage später, als er weg ist, fährt seine verzweifelte Frau mit der Karosse durch die Stadt, demoliert sie an allen möglichen Orten, fährt sie nach und nach zu Schrott. Es ist bewegend, wie sich all die Emotionen in diesem Auto widerspiegeln.

Was für eine Architektur!

Das Haus der Familie ist eine nahezu 1:1-Nachbildung des Gebäudes, in dem Regisseur Alfonso Cuarón selbst aufgewachsen ist. Bereits in den ersten Minuten schwenkt die Kamera langsam vom Hof in das Erdgeschoss, die Treppen hoch in die zweite Etage, wo Cleo Ordnung in das Chaos bringt. Es sind imposante Bilder: die Form des Geländers, das Weitläufige, die Inneneinrichtung mit all den Büchern, Kunstwerken und Lampen.

Das Gegengewicht zu den lauten Blockbustern

„Roma“ ist leise, ein Film, der eine optische Wohltat ist, ein Gegengewicht, zu all den lärmenden Blockbustern, in denen schnelle Schnitte und laute Special-Effects für Action sorgen.

Am Ende richtet sich die Kamera nach oben. Am Horizont taucht wieder das Flugzeug auf, das sich zu Beginn am Boden in der Pfütze spiegelte. Es gibt immer mehrere Perspektiven.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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