27. Januar 2019

Flimmerkasten: “Capernaum – Stadt der Hoffnung”

Herzreißend und voller Wucht: Capernaum – Stadt der Hoffnung

Es ist der schräge Kakerlaken-Mann aus dem Freizeitpark, der in „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ einen minikurzen Moment lang für Humor sorgt. Der ältere Herr im rosa Ganzkörperkostüm setzt sich im Bus zu dem zwölfjährigen Zain, der verzweifelt und planlos raus aus Beirut möchte. Mutterseelenallein. Nur einen blauen Müllsack hat er bei sich, in den er sein Hab und Gut gestopft hat. Etwas zum Anziehen, ein paar Geldscheine, sonst nix. Seine Eltern prügelten ihn zuvor aus der Wohnruine, als er seine jüngere Schwester beschützen wollte. Der Kakerlaken-Mann zeigt Interesse an Zain, fragt ihn, wohin die Reise geht, erklärt ihm scherzhaft, er sei der Cousin von Spiderman. Zain spürt die Wärme und folgt dem Mann in den Freizeitpark voller bunter Lichter und Fahrgeschäfte.

Diese Leichtigkeit, sie ist eine kostbare Rarität in dem libanesischen Film, der für den Oscar 2019 als bester nicht-englisch-sprachiger Film nominiert ist. Ansonsten ist das Werk von Regisseurin Nadine Labaki tieftraurig. Denn selbst in dem trubeligen Freizeitpark trifft Zain schnell wieder auf Menschen, die schwer vom Schicksal gebeutelt sind. „Das Leben ist die Hölle“, sagt er gegen Ende des Films. Und man kann ihm, nach all dem was vorausging, nur zustimmen.

Lichtpunkte zwischen Ruinen und Müll

„Capernaum – Stadt der Hoffnung“ ist ein Film, der so voller emotionaler Wucht ist, dass es mich umhaute. Ihn anzusehen ist eine Herausforderung. Vor allem deshalb, weil er so nah dran an der Realität ist. Capernaum dient im Arabischen als Begriff, um Chaos und Unordnung zu beschreiben. Im Film zeigt die Kamera auf Augenhöhe der Kinder genau solch einen Zustand, umrahmt von unglaublich beeindruckenden Bilder der libanesischen Hauptstadt: mal von oben, mal gefilmt gegen die Sonne. Bunte Lichtpunkte tanzen immer wieder auf der Leinwand. Diese oft weichen Aufnahmen stehen im harten Kontrast zu den Protagonisten – zwischen heruntergekommenen Häusern, Müllbergen, verdreckter Kleidung und leeren Bäuchen.

Ganz nah an der Realität

Im Mittelpunkt der Handlung: Zain. Er taucht zu Beginn mit Handschellen im Gerichtssaal auf. Er möchte seine Eltern verklagen, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben. Was zunächst ein wenig irritierend wirkt, wird durch Rückblenden erklärt. Die Schicksale von Zain, seiner Schwester und seinen Weggefährten sind herzzerreißend. Sie wirken wohl auch deshalb so beklemmend, weil schnell klar ist, dass in „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ die Handlung nicht überspitzt ist, sondern all die Geschichten, die die Regisseurin bei ihrer Recherche entdeckt hat, keine außergewöhnlichen Ausnahmen sind. Armut, arrangierte Ehen, Kinder, die auf der Straße leben, Flucht. All das ist Alltag in zahlreichen Ländern in Afrika und dem Nahen Osten.

Happy End für Zain

Es sind außerdem die vielen Laiendarsteller, die dem ergreifenden Werk soviel Kraft und Authentizität geben. Wie Regisseurin Nadine Labaki in einem Interview mit Der Zeit erzählt, kam beispielsweise Zain Al Rafeea, der den gleichnamigen Protagonisten verkörpert, selbst als Flüchtling nach Beirut, ging nie zur Schule, half stattdessen als Bote bei Straßenjobs aus und karrte schwere Wasserflaschen durch die vermüllten Gassen. Das Castingteam entdeckte ihn zufällig, engagierte ihn vom Fleck weg. Inzwischen lebt er in Norwegen. Ein Happy End, zumindest für ihn.

Für die Protagonisten im Film gibt es nur wenig Gutes, sie sind in ihrem Schicksal gefangen. Es ist erdrückend. Der Regisseurin gelingt so aber die große Kunst, dem einzelnen Menschen, der in der Asyl- oder Armutsdebatte meist gar nicht mehr gesehen wird, auf der großen Leinwand ein Gesicht zu geben, ihre Ängste und Verzweiflung schonungslos zu zeigen.

Demut für das eigene Leben

„Cabernaum – Stadt der Hoffnung“ ist an vielen Stellen kaum auszuhalten, aber er macht wieder deutlich, wie großes Glück man selbst hat, nur Zuschauer zu sein und sich den Abspann im warmen Kinosaal auf bequemen Sesseln anschauen zu können – in Deutschland. In Cannes bekam der Film minutenlangen Applaus und den Jurypreis, er hat es verdient.

(Visited 72 time, 1 visit today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

Newsletter abonnieren

Etwas verloren?
Vergangenes
Facebook
Instagram
Instagram@miriam_steinbach