19. Januar 2021

Filmkritik: “Roma”

Ein wunderbarer Film: “Roma”

Wie eine Meereswelle, die am Ende ihrer Reise auf den Strand trifft, schwappt das Putzwasser über den Plattenboden in der Hofeinfahrt. Mit Schwung und Dynamik plätschert es hin und her, der Schaum schlägt kleine und große Blasen. In der Spiegelung des klaren Wassers taucht plötzlich ein Flugzeug auf, das am Horizont seine Bahnen zieht.

Schon die ersten Minuten von „Roma“ sind voller Ästhetik. In Schwarzweißbildern erzählt der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, der bereits für „Gravity“ einen Oscar erhielt, die Geschichte des Kindermädchens, bei dem er aufwuchs – in Roma, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt in den 1970er Jahren. „Für Libo“ heißt es im Abspann, im Film heißt die mutige und liebevolle Frau Cleo.

Für den Oscar 2019 nominiert

Das Besondere an dem Film: Er lief nur wenige Tage in den Kinos, seit Mitte Dezember kann man ihn auf Netflix streamen. So könne er besser vermarktet und von mehr Menschen weltweit gesehen werden, sagte der Regisseur in einem Interview. Dass der Film überhaupt auf der großen Leinwand zu sehen war, lag vor allem daran, dass er für den Oscar nominiert wurde – als bester nicht-englischsprachiger Film.

Mexico in den 1970er-Jahren

Die 1970er-Jahre in Mexiko sind eine sehr unruhige Zeit: Studentenrevolten werden blutig niedergeschlagen, Kinder auf der Straße erschossen, es gibt ein Massaker an Fronleichnam. Die Familie, die im Mittelpunkt der Geschichte steht, gehört zur Oberschicht. Ihre Mitglieder: die Mutter, vier Kinder, eine Großmutter und der Vater. Er ist Arzt, fast nie da, und dann verschwindet er für längere Zeit, offiziell nach Kanada. In Wirklichkeit aber hat er eine Geliebte.

Cleo kümmert sich aufopferungsvoll um die zerrüttete Familie, deren Fundament bröckelt. Sie wäscht, putzt, kümmert sich liebevoll um die Kinder, spielt mit ihnen, spricht mit ihnen über ihre Nöte und Ängste, kuschelt mit ihnen. Als sie selbst ungewollt schwanger wird, darf sie bleiben. Die Frauen halten zusammen.

Langsam und leise

„Roma“ kommt ohne viele Worte aus und schreitet langsam voran. Es sind die kleinen Gesten in den epischen Bildern und der Ton, die einen in den Alltag dieser Familie eintauchen lassen, mitnehmen in die unruhigen Zeiten Mexikos, in denen es so viel Verzweiflung und Leid gibt – in allen Schichten.

Allein zu sehen, wie der Vater sein mächtiges Auto in die enge Einfahrt lenkt, wenn er nach Hause kommt, ist ein Erlebnis. Parken ist eine Herausforderung. Es gibt keinen Millimeter zu viel Platz, laute klassische Musik ertönt, Zigarettenrauch steigt auf. Seine Familie wartet sehnsüchtig an der Tür.

Ein paar Tage später, als er weg ist, fährt seine verzweifelte Frau mit dem Auto durch die Stadt, demoliert es an allen möglichen Stellen, fährt es Stück für Stück zu Schrott. Es ist ergreifend, wie sich alle Emotionen in diesem Auto widerspiegeln.

Was für eine Architektur!

Das Haus der Familie ist eine nahezu 1:1-Nachbildung des Gebäudes, in dem Regisseur Alfonso Cuarón selbst aufgewachsen ist. Bereits in den ersten Minuten schwenkt die Kamera langsam vom Hof in das Erdgeschoss, die Treppen hoch in die zweite Etage, wo Cleo Ordnung in das Chaos bringt. Es sind imposante Bilder: die Form des Geländers, das Weitläufige, die Inneneinrichtung mit all den Büchern, Kunstwerken und Lampen.

Das Gegengewicht zu den lauten Blockbustern

„Roma“ ist leise, ein Film, der eine optische Wohltat ist, ein Gegengewicht, zu all den lärmenden Blockbustern, in denen schnelle Schnitte und laute Special-Effects für Action sorgen.

Am Ende richtet sich die Kamera nach oben. Am Horizont taucht wieder das Flugzeug auf, das sich zu Beginn am Boden in der Pfütze spiegelte. Es gibt immer mehrere Perspektiven.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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