23. September 2020

Schmöker: “Gespräche mit Freunden” von Sally Rooney

“Gespräche mit Freunden”: Ein Liebesroman der etwas anderen Art

Alles beginnt nach einer Poetry-Nacht in Dublin. Dort lernen die beiden jungen Frauen Frances und Bobbi die Fotojournalistin Melissa kennen. Die 37-Jährige nimmt die beiden Studentinnen mit zu sich nach Hause, wo auch ihr Mann Nick wohnt – ein äußerst adretter Schauspieler. Während sich die aufgeweckte Bobbi zu Melissa hingezogen fühlt, spürt die zurückhaltende Frances, dass Nick sie fasziniert. Es ist der Beginn eines Liebeschaos, das für viel Aufregung sorgt.

„Gespräche mit Freunden“ ist der Debütroman der irischen Autorin Sally Rooney – und eine absolute Wucht. Unterhaltsam, witzig, gefühlvoll und unfassbar klug. Zahlreiche Preise hat Sally Rooney dafür erhalten. Dieses Buch vereint alles, was ich mir von Literatur wünsche.

Über das Leben der Generation Y

Sally Rooney schafft es auf beeindruckende Weise, über brennende Themen wie das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, Flüchtlingsdiskussionen, Endometriose und Homosexualität zu schreiben. Dabei verfällt sie in keine Klischees, sondern ist stark und sanft zugleich. „Gespräche mit Freunden“ ist ein Buch, das den Zeitgeist der jungen Erwachsenen genau trifft. Sally Rooney wird völlig zurecht als Stimme der Millennials bezeichnet.

Eine Intellektuelle mit schwierigem Zugang zu sich selbst

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Frances. Sie ist 21 Jahre alt, studiert englische Literatur und verfasst Essays und Kurzgeschichten. Gemeinsam mit ihrer Ex-Freundin Bobbi tritt sie bei Spoken-Word-Veranstaltungen auf. Die kühle Frances schreibt die Texte, die gutaussehende Bobbi sorgt für die Unterhaltung auf der Bühne.

Während Bobbi mit ihrem hübschen Gesicht und ihrer offenen Art schnell in Kontakt mit Menschen kommt, ist Frances schwer zugänglich. Zwischenmenschliche Begegnungen überfordern sie oft. Statt in Interaktion mit anderen zu treten, beobachtet sie ihre Umwelt genau. Ihrer intellektuellen Stärke ist sie sich durchaus bewusst.

„Mein Ego war immer ein Thema gewesen. Ich wusste, dass intellektuelle Leistung bestenfalls neutral zu bewerten war, aber wenn mir etwas Schlechtes widerfuhr, ging es mir besser, wenn ich daran dachte, wie klug ich war.“

Zu sich selbst und ihren Gefühlen findet sie aber häufig keinen Zugang. Vor allem Nick bringt sie eines Abends komplett aus dem Gleichgewicht, als er ihr nach einem Auftritt ein Kompliment macht.

„In diesem Augenblick spürte ich einen merkwürdigen Verlust von Selbstwahrnehmung, und ich merkte, dass ich mir mein eigenes Gesicht oder meinen Körper gar nicht mehr vorstellen konnte. Es war, als hätte jemand das Ende eines unsichtbaren Bleistifts gehoben und behutsam mein gesamtes Erscheinungsbild ausradiert.“

Kontrollverlust & Selbstverletzung

Die Anziehungskraft, die er auf sie hat, ist keineswegs einseitig. Nick und Frances kommen sich näher, beginnen eine Affäre. Für Frances ist die Situation eine Herausforderung. Wie auch in ihrer Beziehung mit Bobbi ist sie konfliktscheu, geht in die Defensive, wenn es knirscht, kommuniziert nicht, macht alles auf eine destruktive Art mit sich selbst aus. Nimmt das Chaos überhand, verletzt sie sich selbst.

Kontrolle zu haben und diese zu behalten, spielt in Frances Leben auf verschiedenen Ebenen eine Rolle – geprägt ist sie von ihrem Vater, einem Alkoholiker, der seine Wohnung verwahrlosen lässt und ihr nur unregelmäßig Geld überweist. So kann sie sich streckenweise nicht einmal genug zu essen kaufen – ein Kontrast zu dem Leben von Melissa und Nick, die kultiviert in einem Haus aus roten Backsteinen wohnen und noble Kleidung tragen.

Toleranz kommt an ihre Grenzen

Liebe wird in „Gespräche mit Freunden“ weit gedacht. Eine Dreiecksbeziehung ist möglich, ohne dass sich sich die Beteiligten gegenseitig das Leben zur Hölle machen – aber letztlich kommen auch in diesen liberalen Kreisen die Involvierten an ihre Grenzen. Wo führt das alles hin? Diese Frage bringt eine unglaubliche Spannung in den Roman – wer wird mit wem eine festere Beziehung eingehen, bleiben Melissa und Nick ein Paar? Das ließ mich nicht mehr los und ich las den Roman rasend schnell.

Wunderbare Sprache!

„Gespräche mit Freunden“ in nahezu einem Zug durchzulesen, ist auch deshalb so einfach, weil Sally Rooney wunderbar schreibt. Ihre Sprache ist klar, präzise, trotzdem bildhaft und mit viel Liebe zum Detail. Allein wie sie die Umgebung in Worte fasst, ist ein Genuss.

„Es war der 1. November. Die Lichter glitzerten auf dem Fluss und die Busse fuhren wie Lichtkästen vorbei und trugen Gesichter in den Fenstern.“

Kluge Inhalte einfach transportiert

Sally Rooney schafft es, auf einfache Weise kluge Inhalte zu transportieren. Alles, was ich an Chris Kraus’ kompliziertem und verqueren Buch „I love Dick“ bemängelte, macht die junge Irin richtig. „Gespräche mit Freunden“ ist nicht sperrig, sondern zugänglich, dem Leser zugewandt und nimmt ihn mit.

Das Tolle ist außerdem: Die Geschichte ist nicht vorhersehbar, die Charaktere sind tiefgründig und bekommen von Seite zu Seite mehr Kontur. Nach und nach zeigt sich mehr von deren Vergangenheit. Dadurch dreht sich auf den letzten 30 Seiten die Handlung nochmals komplett – es entsteht ein rundes Bild.

Am Ende saß ich da, mit großer Bewunderung für Sally Rooney und freute mich, so ein tolles Buch gelesen zu haben.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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