29. November 2020

Schmöker: “Untenrum frei” von Margarete Stokowski

Ein wichtiges Buch nicht nur für Frauen: “Untenrum frei” von Margarete Stokowski

Wer dachte, dass es in diesem Jahrtausend keine verstaubten Sextipps für Frauen mehr gibt, irrt gewaltig. In ihrem Buch „Untenrum frei“ zitiert Autorin Margarete Stokowski einen Liebesratgeber aus den 00er-Jahren, der bekloppter kaum sein könnte. Darin steht unter anderem:

Sie haben jederzeit die Freiheit, nein zum Sex zu sagen, aber bedenken Sie dabei auch, dass es zur Liebe gehört, füreinander da zu sein, auch wenn man manchmal am liebsten ganz woanders sein möchte.“

Äh, ernsthaft?

Damit aber noch nicht genug. Auch fürs Flirten bietet dieser Liebesratgeber groteske Tipps.

Wenn Sie beim nächsten Mal in der Gegenwart eines Mannes etwas trinken, stecken Sie die Zunge ein winziges Stückchen heraus und halten sie an den Rand des Glases oder der Tasse. Ich garantiere, dass er darauf reagieren wird.“

Der Ratgeber zeichnet ein Frauenbild aus der Hölle. Aber auch die Männer kommen dabei keineswegs gut weg. Was macht das nur mit Menschen, wenn sie solche Tipps lesen, sie für normal halten? Das fragt sich Margarete Stokowski zurecht.

Das Fatale: Nicht nur dieser Ratgeber, sondern auch Magazine für Frauen und die “Bravo” geben die unmöglichsten Tipps, wenn es um Sex und den Körper geht. „Last Minute Tipps für den perfekten Strandbauch“ – wie oft tauchen solche Zeilen im Sommer auf!

Auf den Punkt!

Es ist nicht das einzige Mal, dass ich einer Meinung bin mit Margarete Stokowskis Aussagen. Während ich „Untenrum frei“ lese, denke ich ständig: „Ja, genauso ist es.“ Die Autorin bringt perfekt auf den Punkt, in welchen Bereichen wir in unserer Gesellschaft noch weit weg von Gleichberechtigung und Freiheit sind.

Sie macht das aber keineswegs reißerisch, platt oder einseitig, sondern differenziert, mit vielen Anekdoten sowie Auszügen aus Studien – und ohne ein Männer-Bashing. „Untenrum frei“ ist deshalb ein Buch, das ich nicht nur Frauen sehr ans Herz legen kann. Es öffnet grundsätzlich die Augen und macht Missstände deutlich, die wir oft schon als selbstverständlich ansehen und gar nicht mehr wahrnehmen. Ein anderer Blick auf die Welt ist dadurch möglich.

Wie entstehen die Ungleichheiten?

Welche Unterschiede gibt es in der Erziehung von Jungen und Mädchen? Wie beeinflussen die Medien unser Denken, wie kommt es zu der unterschiedlichen Bezahlung im Job und warum rutschen so viele Frauen nach dem ersten Kind wieder in die traditionellen Beziehungsmodelle? Auf all diese brennenden gesellschaftlichen Fragen geht Margarete Stokowski ein.

Ihr zentrale These ist dabei: “Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind.” Das heißt: Es geht auch um die großen Machtfragen, über die oft nicht gesprochen wird, weil sie so unveränderlich scheinen – die aber sehr wohl eine Auswirkung auf unser Handeln haben.

Freiheit und Gleichberechtigung für alle!

Keine hysterischen Frauen, keine brennenden BHs: Bereits im Vorwort stellt die Autorin klar, dass Feminismus für sie bedeutet, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Körper dieselben Rechte und Freiheiten haben sollen. Es dreht sich also nicht darum, dass Frauen die Weltherrschaft an sich reißen wollen, sondern einfach nur die gleichen Chancen haben sollen.

Ist das nicht bereits so?

In der Theorie vielleicht, aber in der Praxis gibt es noch viel zu tun.

Disney benachteiligt weibliche Figuren!

Margarete Stokowski bringt zahlreiche Beispiele, die zeigen, wo es überall noch klemmt – schon im jüngsten Alter. Wie beeinflussen beispielsweise Disney-Filme das Denken? Arielle strebte vor allem nach Schönheit und der Fürsorge für andere, steht exemplarisch dafür, dass Frauen vom Subjekt zum Objekt werden. Insgesamt haben weibliche Figuren bei Disney weitaus weniger zu sagen als die männlichen. Das passiert alles subtil, ohne dass es einen Aufschrei bei den Erwachsenen gibt oder Kinder das bewusst wahrnehmen.

Wie posieren Frauen in der Werbung, wie Männer? Und was denken werdende Eltern häufig, wenn sie hören, dass sie ein Mädchen (Ballett) oder einen Jungen (Fußball und Stadionbesuch) bekommen?

Die kleinen Dinge ergeben zusammen das Große!

Magarete Stokowski fand selbst erst im Studium zum Feminismus. Die Entwicklung dahin erzählt sie mit vielen Anekdoten aus ihrer Kindheit und ihrer Teenagerzeit. Von den ersten Schminkversuchen, Essstörungen, sexuellem Missbrauch und Selbstverletzungen. Es ist aber keine Autobiografie, betont sie. Vielmehr geht es ihr darum, durch einzelne Erfahrungen, die auch von anderen stammen können, Geschichten zu erzählen. Letztlich ergeben die kleinen Dinge zusammen das Große.

So liest sich „Untenrum frei“ an manchen Stellen erschreckend, aber nie erdrückend. Die Autorin erkennt durch die schwierigen Erlebnisse, dass es nicht „reicht, individuelle Freiheiten trotz Ungerechtigkeit zu erlangen, sondern dass die Gründe für die Ungerechtigkeiten wegmüssen“.

Sprich: Eine Frau an der Spitze bestätigt nur die Regel, nicht die Norm. Allein die Bezeichnung „Karrierefrau“ ist dafür exemplarisch. Wer spricht denn von einem Karrieremann?

Es ist ein unendliches Unterfangen, und wir werden nicht damit fertig, Klischees zu entkräften, indem wir erklären, dass sie speziell für uns nicht zutreffen.

Die “Poesie des ,Fuck you‘”!

Die Erkenntnis, die die Autorin aus ihren Erfahrungen zieht, ist eine “Poesie des ,Fuck you‘”. Das bedeutet: Sie tauscht unter anderem beim Denken und Sprechen das Wort “eigentlich” durch „wirklich“ und lächelt in unangenehmen Situationen nicht mehr. Schließlich schüttet ein Lächeln beim Gegenüber Endorphine aus – das hat dieser nur gar nicht verdient.

Margarete Stokowski hat in Berlin Philosophie und Sozialwissenschaften studiert sowie Feminismus-Lesekreise organisiert. Auch in ihrem Buch bezieht sie sich auf viele berühmte Philosoph*innnen wie Simone de Beauvoir, Georg Wihelm Friedrich Hegel oder Susan Sonntag. „Untenrum frei“ ist gleichwohl nicht theorieüberladen, sondern ein sehr einfach und angenehm zu lesendes Buch. Es richtet sich dadurch auch an alle, die sich bislang noch nicht mit Feminismus beschäftigt haben.

Innerhalb weniger Tage habe ich es nun gelesen – fühlte mich dadurch sehr unterhalten und angeregt. „Untenrum frei“ bietet keine bahnbrechenden Neuigkeiten, aber es brachte mich nochmals zum Nachdenken und erweiterte meinen Blick. Ein wichtiges Buch!

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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