24. Oktober 2022

Serienkritik: “The Crown”

“The Crown” auf Netflix: Ein Herz für Charles und Camilla

Es hat lange gedauert, bis ich mich endlich aufraffen konnte, „The Crown“ auf Netflix zu schauen – obwohl ich bereits einige begeisternde Kritiken gelesen hatte und auch Freundinnen mir eindringlich erzählten, wie großartig die Serie sei. Aber das britische Könighaus interessierte mich überhaupt nicht.

Nun, es ist nicht so, dass ich bislang gar nichts über die Royals wusste. Als Schülerin sah ich im Fernsehen die Bilder von der Beerdigung Lady Dianas. Außerdem bekam ich immer mal wieder Fetzen um die Dreiecksbeziehung von Charles, Camilla und Diana mit. Und dass Harry und Megan inzwischen in den USA leben und sich von ihren royalen Pflichten losgesagt haben, ging auch nicht unbemerkt an mir vorüber. Aber eine Meinung dazu hatte ich nie, schaute vielmehr aus der Ferne unbeteiligt zu.

Das änderte sich aber schlagartig mit dem Tod von Queen Elizabeth. Nur wenige Stunden nach der ersten Eilmeldung begann mein Instagram-Feed zu explodieren – mit theatralischen Beileidsbekundungen auf der einen Seite und mit Kolonialismuskritik auf der anderen. Die Posts und Stories kamen von Leuten, bei denen ich mich wunderte, dass sie sich überhaupt mit dem britischen Königshaus beschäftigen. Warum löst diese Frau solch starke Reaktionen aus?, fragte ich mich neugierig.

Jede Folge ist wie ein kleines Kunstwerk

Als ich kurz darauf entdeckte, dass „The Crown“ in den beliebtesten Netflix-Serien wieder in den Top 10 ist, klickte ich spontan darauf. Play.

Zum Glück. Innerhalb weniger Wochen schaute ich nun alle vier Staffeln und bin der Serie verfallen. Für mich ist „The Crown“ deshalb so gelungen, weil jede einzelne Folge wie ein kleines Kunstwerk ist. Jedes Detail der Kulisse ist durchdacht, die Schauspieler*innen sind grandios und die Dramaturgie ist perfekt. Es fühlte sich bei vielen Folgen an, als schaute ich einen kleinen Kinofilm. Denn: Die Serie nimmt sich Zeit für einzelne Ereignisse, die Schnitte sind langsam und die Handlung ist oftmals in einer Folge geschlossen.

Vier Staffeln zeigen das Leben der Queen und ihrer Familie

Die einzelnen Staffeln umfassen jeweils durchschnittlich zehn Jahre. Die erste Staffel dreht sich um die Krönung Elizabeths und ihre ersten Jahre als Queen. In der zweiten Staffel geht es häufig um ihre Eheprobleme mit Philip. In der dritten Staffel tauchen Camilla und Diana zum ersten Mal auf. Das Drama um sie und Charles findet in der vierten Staffel seinen Höhepunkt.

Alle Staffeln vereinen auf unterhaltsame Weise persönliche Schicksale mit Politik und gesellschaftlichen Ereignissen. Auch wenn „The Crown“ nicht dokumentarisch ist, sondern Handlungen zugespitzt sind und viele Dialoge erfunden, habe ich durch die Serie so viel gelernt – über die einzelnen Premierminister, die ich zwischen Winston Churchill und Margret Thatcher nicht gekannt hatte. Über die Streiks und Unruhen in England, das schwierige Verhältnis Englands zu Wales und wie die Zusammenarbeit zwischen dem Königshaus und Politik aussieht. Auch sind die Charaktere ambivalent, was alles sehr spannend macht.

Ständig drückte ich nach einer Folge auf Pause, recherchierte: Was war mit der Queen und Jackie Kennedy? Hat Philip seine Frau wirklich betrogen? Was genau passierte mit dem Suezkanal? Und ist wirklich ein fremder Mann in den Palast eingebrochen und stand bei der Queen im Schlafzimmer?

Wenig Gefühle im Buckingham Palace

Deutlich wird durch die Serie außerdem, dass durch die Pflichten und strengen Regeln viele Royals unglücklich sind. Die Wahl des Ehemanns oder der Ehefrau ist an verschiedene Bedingungen geknüpft. Auch ist es nicht erwünscht, seine eigene Meinung zu äußern. Das ist nicht nur für die Kernfamilie schwer, sondern vor allem für Diana, die an dem engen Rahmen zerbricht, eine Magersucht entwickelt und mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen.

Dass auch Megan als gestandene Frau rebellierte, ist für mich nach dem Schauen von „The Crown“ nicht mehr verwunderlich.

„Paterfamilias“

Drei Folgen berührten mich außerdem so sehr, dass ich unbedingt mehr wissen wollte. In der neunten Folge der zweiten Staffel, „Paterfamilias“, muss Charles auf Drängen seines Vaters auf das Internat Gordonstoun. Dort herrscht ein harter Drill. Der sensible Charles kämpft nicht nur mit der spartanischen Ausrichtung und den körperlichen Aufgaben, sondern auch mit seinen Mitschülern. Während Elizabeth sieht, wie sehr ihr Sohn dort leidet, gibt Philip nicht nach. Charles muss bis zu seinem Abschluss dortbleiben. Das mitanschauen zu müssen, tat mir selbst fast ein bisschen weh.

Im Abspann der Folge ist zu lesen, dass der heutige König seine Zeit im Internat tatsächlich fürchterlich fand und deshalb seinen Söhnen erlaubte, nach Eton zu gehen, wo es weitaus menschlicher zugeht.

“Aberfan“

Erschütternd fand ich die dritte Folge der dritten Staffel: „Aberfan“. Sie dreht sich um die Katastrophe im gleichnamigen Bergarbeiterdorf in Südwales im Jahr 1966. Mehr als 100 Kinder starben, weil eine Abraumhalde eine Grundschule und weite Teile des Dorfes unter sich begrub.

Während Philip schnell hinfliegt und sein Beileid zeigt, zögert die Queen sehr lange – was große Kritik auslöst. Durch diese Folge wird klar, wie schwer es Elizabeth fällt, Gefühle zu zeigen.

“Die Erblinie”

Heftig fand ich außerdem die siebte Folge der vierten Staffel, “Die Erblinie”, in der es um das Schicksal der Schwestern Nerissa und Katherine Bowes-Lyon geht – zwei erwachsene Cousinen der Queen. Sie wurden als Kinder für tot erklärt, lebten aber stattdessen versteckt in einer psychiatrischen Anstalt. Der Grund: Sie waren geistig behindert und sollten deshalb von der Öffentlichkeit ferngehalten werden. Erst 1982 erfährt die Queen davon.

Vordergründig wird behauptet, dass der Genpool der königlichen Familie rein sein muss und die Schwestern deshalb abseits leben müssen, um keine Spekulationen über die Blutlinie auszulösen. Aber selbst als klar wird, dass die Krankheit keine Auswirkungen auf die Nachkommen der Queen haben kann, bleiben die Schwestern in der Anstalt. Elizabeth sieht keinen Anlass, sie rauszuholen. Auch in dieser Folge wird wieder deutlich, wie unbarmherzig die Welt der britischen Königlichen ist.

Spannende Geschichte um Charles, Camilla und Diana

Mit großem Interesse verfolgte ich außerdem in der dritten und vierten Staffel das komplizierte Verhältnis von Camilla, Charles und Diana. Meine Gefühle dazu sind ambivalent. Zunächst hatte ich Mitleid mit Camilla und Charles, dann mit Diana, die völlig isoliert und verzweifelt um Liebe und Anerkennung kämpfte. Letztlich waren alle drei Opfer der Monarchie.

Auch wenn ich es vor wenigen Wochen noch für ausgeschlossen hielt: Nach vier Staffeln „The Crown“ finde ich die Geschichte von Charles und Camilla ein wenig romantisch. Dass sie nun tatsächlich verheiratet sind und ihr Leben zusammen verbringen dürfen, ist eine moderne Liebesgeschichte für mich.

Vorfreude auf die fünfte Staffel

Außerdem muss ich zugeben: Mein Interesse am britischen Königshaus ist deutlich gewachsen. Ich bin zwar weiterhin kein Fan der Monarchie, finde das gesamte Konstrukt der britischen Königsfamilie mit mehr Einblick aber unglaublich spannend. Wie wird sich König Charles schlagen? Werden sich Neuseeland und Australien mit der Zeit aus dem Commonwealth ausklinken? Ich bin gespannt auf die realen Entwicklungen und freue mich auch riesig auf die fünfte Staffel von „The Crown“, die im November auf Netflix zu sehen ist.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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