9. März 2023

Buchkritik: “Schöne Welt, wo bist du?”von Sally Rooney

"Schöne Welt, wo bist du?"von Sally Rooney

“Schöne Welt, wo bist du?” von Sally Rooney: schwächer als die Vorgänger

Geschichten über Freundschaft, Sex und Politik: Sally Rooney gehört definitiv zu meinen Lieblingsautor*innen. Da ich mit großer Begeisterung und innerhalb kürzester Zeit „Gespräche mit Freunden“ und „Normale Menschen“ verschlungen habe, war ich auf „Schöne Welt, wo bist du?“ sehr gespannt.

Aber, hmmm. Ich muss gestehen: Die große Euphorie hat mich dieses Mal nicht gepackt. Das dritte Buch der irischen Schriftstellerin hat mich vor allem ab der zweiten Hälfte an einigen Stellen gelangweilt. Das ging so weit, dass mich das Ende fast gar nicht mehr interessierte. Schade.

Um was geht es in „Schöne Welt, wo bist du?“

In „Schöne Welt, wo bist du?“ stehen Alice und Eileen im Fokus. Die beiden jungen Frauen haben ihr Studium in Dublin erfolgreich hinter sich gebracht. Nun befinden sie sich an unterschiedlichen Punkten im Leben. Während Alice als Schriftstellerin weltweit erfolgreich ist, genügend Geld hat und allein in ein großes Haus an der malerischen irischen Küste zieht, wohnt Eileen noch in der Hauptstadt, arbeitet als Redakteurin für ein Literaturmagazin und bekommt dafür einen Hungerlohn.  

Gemeinsam haben sie, dass sie Single sind und es mit ihren Dates kompliziert ist. Sie verkörpern außerdem die typischen Probleme der urbanen Millennials: Unsicherheiten, psychische Probleme und das kritische Hinterfragen von gesellschaftlichen Gegebenheiten – wie konservativen Strukturen, Kolonialisierung, Umweltschutz. Dass beide Frauen Sympathien für den Sozialismus haben, ist bei einem Buch von Sally Rooney keine Überraschung.  

Wir können nichts bewahren, insbesondere nicht gesellschaftliche Beziehungen, ohne ihr Wesen zu verändern, ohne auf unnatürliche Weise einen Teil ihres Zusammenspiels mit der Zeit auszubremsen. Sieh dir nur mal an, was die Konservativen mit der Umwelt machen: Deren Vorstellung von Bewahren ist es, zu entziehen, zu plündern und zu zerstören, „weil wir das schon immer so gemacht haben“ – aber genau deshalb handelt es sich nicht mehr um die dieselbe Erde, der wir das antun.

Wechsel zwischen Innen- und Außensicht

Die Geschichten von Alice und Eileen erzählt Sally Rooney aus zwei verschiedenen Perspektiven, die abwechseln.

  • Es gibt eine neutrale Außensicht, die objektiv die Erlebnisse der beiden Frauen beschreibt. Die Autorin greift dabei wie in den Vorgänger-Büchern auf detailreiche Beschreibungen und viele Dialoge zurück. Dass sie es schafft, die Romanzen der Protagonistinnen authentisch, ohne Kitsch und fast schon steril zu beschreiben, gehört definitiv zu den Stärken des Romans.
  • Die zweite Ebene des Romans ist der regelmäßige E-Mail-Austausch der beiden Frauen. Dadurch bringt Sally Rooney den Lesenden die Gedanken, Ängste und Wahrnehmungen ihrer Figuren nahe.

Grundsätzlich ist das eine tolle Mischung. Aber: Vor allem die E-Mails sind an manchen Stellen langatmig. Die theoretischen Ausführungen sind mal mehr und mal weniger spannend. Es ist häufig ein Kreisen um sich selbst und die eigenen Gedanken. Aktiv an der Welt verändern beide Frauen nichts.

Komplizierte On-Off-Beziehungen

Einen großen Platz finden in dem Roman wieder komplizierte On-Off-Beziehungen. Alice lernt in der irischen Provinz über eine Dating-App den Lagerarbeiter Felix kennen. Obwohl es von Anfang an knirscht, treffen sie sich immer wieder. Es ist vor allem bei Alice ein Ringen um Zuneigung und Bestätigung, das völlig konträr zu ihrer intellektuellen Seite steht. Sie schreibt Eileen in einer E-Mail:

Ich habe solche Angst davor, verletzt zu werden – nicht wegen des Leidens, sondern wegen der Demütigung, angreifbar zu sein. Ich habe mich fürchterlich in ihn verliebt und bin vollkommen aufgeregt und idiotisch, sobald er mir seine Zuneigung zeigt. Und während die Welt so ist, wie sie ist, und die Menschheit sich an der Schwelle ihrer Auslöschung befindet, mittendrin in alldem, sitze ich hier und schreibe schon wieder eine Mail über Sex und Freundschaft. Aber wofür sonst soll man leben?

Eileen fühlt sich zu Simon hingezogen. Einem netten Anwalt, den sie bereits seit ihrer Kindheit kennt. Doch aus Angst, dass eine Beziehung scheitern könnte und sie ihn dann auch als platonischen Freund verliert, verhält sie sich immer wieder ambivalent. Werden sie zusammenfinden?

Luft geht am Ende aus

Über weite Strecken des Romans haben mich diese Geschichten gut unterhalten. Aber gegen Ende fehlt mir der Spannungsbogen. „Auf was soll das alles hinauslaufen?“, fragte ich mich öfter. Irgendwann wars mir fast schon egal, ob die beiden Paare nun glücklich werden oder nicht. Es hat mich nicht mehr berührt – im Gegensatz zu der Romanze zwischen Marianne und Connell in „Normale Menschen“, die mich bis zum Schluss mitgerissen hat.

Sally Rooneys Schreibstil und ihre Art Geschichten zu erzählen, mag ich trotzdem. Ich hoffe deshalb sehr, dass sie für ihr nächstes Buch wieder einen spannenderen Plot findet.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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