7. März 2022

Flimmerkasten: “Inventing Anna”

Kritik der Netflix-Serie “Inventing Anna”: eine Fake-Erbin treibt ihr Unwesen

In einer Tageszeitung las ich vor knapp drei Jahren das erste Mal von Anna Sorokin. Im Jahr 2019 stand sie in New York vor Gericht – eine Hochstaplerin aus Deutschland, die die High-Society hinter das Licht führte. Kopfschüttelnd überflog ich den Text und fragte mich, wie sie das genau schaffte.

Die großartige Netflix-Serie „Inventing Anna“ gibt darauf nun Antwort – also zumindest zu einem großen Teil. „Everything ist true. Except the parts, that are totally made up“ wird bei jeder der insgesamt neun Folgen im Vorspann eingeblendet. Was ist wahr, was nicht? Als ich mich im Internet auf Faktencheck begab, stellte ich fest, dass sich die Hauptpunkte der Handlung wohl tatsächlich so zugetragen haben, wie es in der Netflix-Serie zu sehen ist.

Wiedersehen mit Anna Chlumsky

Aber selbst unabhängig vom Wahrheitsgehalt ist die Serie sehr gelungen. Produziert hat sie Shonda Rhimes, die unter anderem hinter „Bridgerton“ steht. Ihr gelingt es mit einer diversen Schauspieler*innen-Besetzung, einem abwechslungsreichen Plot und illustren Bildern aus New York, Ibiza und Marokko eine spannende Geschichte zu erzählen. Obwohl ich wusste, wie es ausgeht, fieberte ich bis zum Ende mit.

Im Mittelpunkt von „Inventing Anna“ steht natürlich Anna selbst, die mit unglaublicher Überzeugungskraft von Julia Garner gespielt wird. Ein weiterer Fokus der Handlung liegt auf der hochschwangeren Journalistin Vivian Kent (Anna Chlumsky), die in der Serie die Geschichte von Anna recherchiert. Sie verkörpert in der Serie die reale Journalistin Jessica Pressler, die ebenfalls hochschwanger 2018 im „New York Magazine“ die Geschichte um Anna Sorokin enthüllte.

Schauspielerin Anna Chlumsky ließ Kindheitserinnerungen bei mir wach werden. Sie hatte die Hauptrolle in „My Girl“, dem ersten Film, den ich im Kino gesehen habe und der mich damals extrem berührte. Seither war mir Anna Chlumsky nicht mehr auf dem Bildschirm begegnet.

Verschiedene Perspektiven beleuchten die Geschichte

Zu Beginn der Netflix-Serie sitzt Anna Sorokin bereits in U-Haft und wartet auf ihren Prozess. Vivian möchte erfahren, was hinter den Anschuldigungen steckt. Sie besucht die Angeklagte deshalb im Gefängnis und nimmt außerdem Kontakt zu deren Bekannten auf, um zu erfahren, wie es der Hochstaplerin gelang, ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen.

Die einzelnen Folgen sind jeweils aus der Sicht einer Person aus Annas Umfeld erzählt – von ihrem Ex-Freund Chase (Saamer Usmani), ihrer guten Freundin Neff (Alexis Floyd) oder der Fitnesstrainerin Kacy (Laverne Cox). Schnell wird klar, dass Anna höchst raffiniert und eiskalt Hotels, Banken und Privatpersonen hinter das Licht führte. Wie bei einem Puzzle setzt sich nach und nach ein Bild zusammen.

Aus Anna Sorokin wird Anna Delvey

Anna, die in New York nicht mit ihrem richtigen Namen, sondern mit dem fiktiven Nachnamen Delvey unterwegs war, manipuliert ihre zwischenmenschlichen Beziehungen vor allem dann sehr einfach, wenn die Leute an Prestige, Reichtum und Oberflächlichkeit interessiert sind.

Denn Anna hat Stil, zeigt immer wieder ihr umfassendes Kunstwissen und gibt sich als Erbin aus, die nach ihrem 25. Geburtstag mehr als 20 Millionen Dollar erhalten wird. Ob das stimmt, hinterfragt zunächst niemand. Es ist attraktiv, in ihrer Nähe zu sein.

Die junge Frau, die in Russland geboren ist und im Teenageralter nach Deutschland kam, weiß dabei genau, welche Knöpfe sie drücken muss, damit sie bekommt, was sie möchte. Hotel-Angestellte lassen sich vom Auftreten und teuren Kleidern blenden, Bank-Mitarbeitende von ihrer Hartnäckigkeit und Freundinnen wie Rachel von ihrem vermeintlichen Geld und ihren Kontakten zu bekannten Menschen der High-Society.

Fragwürdiges Verhalten auch von Rachel DeLoache Williams

Je länger ich „Inventing Anna“ schaute, umso weniger Mitleid hatte ich aber tatsächlich für Personen wie für die “Vanity-Fair”-Fotoredakteurin Rachel (Katie Lowes). Sie ließ sich ständig von der Fake-Erbin einladen und flog mit ihr nach Marrakesch in ein sündhaftes teures Resort, in dem bereits die Kardashians residierten. Als Annas Kreditkarte nicht geht, bezahlte Rachel letztlich mit der „Vanity-Fair“-Firmenkarte. Ich schaute fassungslos zu.

Die reale Rachel DeLoache Williams kritisiert die Netflix-Serie nun auch scharf. Tatsächlich kommt sie nicht gut weg – vor allem bei ihrer Vernehmung im Gerichtssaal. Geldsorgen muss sie sich allerdings keine machen. Sie verkaufte ihre Geschichte mit Anna lukrativ an einen Verlag und hat ein Buch herausgegeben.

Schwächen bei der Erzählung aus Eschweiler

Schwächen hat „Inventing Anna“ jedoch in der Folge, in der Journalistin Vivian nach Eschweiler reist, um Annas Familie zu finden. Die Folge ist voller deutscher Klischees und Unstimmigkeiten. Die Menschen in der Kleinstadt sind größtenteils Rassisten, alles ist grau, Vivian ist plötzlich schräg drauf und warum Annas Mutter perfektes Englisch spricht, ergibt keinen Sinn.

Zum Glück bekommt die Serie in der letzten Folge mit einem spannenden Gerichtsprozess nochmals die Kurve.

Anna Sorokin möchte nun übrigens eine Doku-Serie drehen. Was ist wahr, was nicht? Sie möchte ihre eigene Perspektive zeigen. Damit hält sie sich trotz Gefängnisaufenthalts weiter im Gespräch und bekommt die Aufmerksamkeit, die für sie so wichtig ist. Eine kuriose Geschichte.

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Hallo, ich bin Miriam

Stets bin ich auf der Reise: durch Karlsruhe, die Kultur und die Welt. Dabei begegnen mir immer wieder interessante Menschen, Bücher, Filme und anderer Krimskrams. Damit all diese Erfahrungen und Eindrücke nicht einsam in meinem Kopf schwirren, gibt es diesen Blog. Aus Grau wird Kunterbunt.

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